Vom Fußballprofi zum Golflehrer

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20. Februar 2012, 08:05 Uhr

17.900 Zuschauer auf der ausverkauften Lohmühle erlebten am 23. August 2002 einen der bemerkenswertesten Tage im schleswig-holsteinischen Fußball. Zweitliga-Aufsteiger VfB Lübeck empfing am 3. Spieltag den Bundesliga-Absteiger und Erzrivalen FC St. Pauli. Durch Tore von Oliver Schweißing (35.), Daniel Bärwolf (40., 51.), Farai Mbidzo (63.), Daniel Thioune (71.) und Holger Hasse (82.) zwang die Elf von Trainer Dieter Hecking die Hamburger sensationell mit 6:0 in die Knie. Durch den Kantersieg gelang dem VfB Lübeck der Sprung an die Tabellenspitze der zweiten Liga. St. Pauli rutschte dagegen mit einem Torverhältnis von 1:14 und ohne jeglichen Punktgewinn an das Ende der Tabelle. Lübeck im fußballerischen Ausnahmezustand. Am Ende der Saison belegte der VfB einen achtbaren 11. Platz und hatte damit den Klassenerhalt souverän unter Dach und Fach bringen können. Der Sieg gegen St. Pauli sollte als eines der Highlights in die Vereinsgeschichte eingehen.

Holger Hasse, der gegen St. Pauli den Schlusspunkt gesetzt hatte, gehörte zwei Jahre lang dem Zweitliga-Kader des VfB Lübeck an (37 Einsätze/3 Tore). Zwei Kreuzband-Verletzungen beendeten seine Träume von einem langfristigen Engagement im Bundesliga-Fußball. Nach den beiden Jahren in der Hansestadt gelangte er über die Stationen Aue und Jena (Zweitliga-Aufstieg 2006) in die Landeshauptstadt, dort sollte er drei Jahre später seine aktive Laufbahn als Profifußballer beenden.

Am vergangenen Freitag weilte Holger Hasse, der noch immer in Kiel wohnt, anlässlich der Regionalliga-Begegnung der "Störche" gegen den Hamburger SV II im Holstein-Stadion, um seinen alten Weggefährten die Daumen im Aufstiegsrennen zu drücken. Wir sprachen mit dem heute 33-Jährigen über seine fußballerische Vergangenheit und seine neuen beruflichen Perspektiven.

Nord Sport: Hallo, Herr Hasse. Sie haben den 3:1-Sieg der "Störche" gegen die "Rothosen" live miterlebt, welchen Eindruck hatten Sie von der KSV Holstein?

Holger Hasse: Holstein scheint sehr fit zu sein, hat ein tolles Pressing gespielt und den HSV mächtig unter Druck gesetzt. Die Mannschaft besitzt eine hohe Qualität und vor allem in der Offensive ist Holstein sehr gut besetzt.

Trauen Sie der KSV den Aufstieg trotz der starken Konkurrenz aus Halle und Leipzig zu?

Holstein funktioniert als Mannschaft hervorragend, glaubt an sich und setzt immer wieder sehenswerte spielerische Akzente. Das ist sehr attraktiv und toll anzuschauen. Und im Tor hat Holstein mit Jensen einen starken Rückhalt. Auch wenn RB Leipzig vielleicht qualitativ etwas besser besetzt ist wird am Ende der Teamgeist entscheidend sein. Und da sehe ich die "Störche" ganz vorn und sogar auch Halle noch vor Leipzig. Es wäre hervorragend, wenn der neue Weg mit Thorsten Gutzeit als Trainer am Ende Früchte tragen würde. Und meinem alten Spielerkollegen Jan Sandmann würde ich es von Herzen gönnen.

Im Sommer 2010 haben Sie Ihre Fußballstiefel an den Nagel gehängt, welchen beruflichen Weg haben Sie nach der aktiven Laufbahn eingeschlagen?

Nach dem Ende meiner Karriere habe ich mir erst einmal die Welt ein wenig angeschaut, dazu hatte ich ja als Profi nie so richtig Zeit. Mit Schulfreunden war ich in Australien und habe danach einige Zeit in Schottland, Kalifornien und Südafrika verbracht. Meine Reisen hatten meistens auch einen sportlichen Hintergrund, denn ich habe schon während meiner Zeit beim VfB Lübeck mit meinem damaligen Mitspieler Heiko Petersen das Golfen entdeckt. Ich hatte richtig Feuer gefangen und wollte auch gern nach meiner Fußballer-Laufbahn etwas machen, an dem ich so richtig Freude habe. Und da mich diese Sportart von Beginn an fasziniert hat, habe ich im März 2011 in Aukrug beim ehemaligen Co-Trainer der Nationalmannschaft, Jens Dinser, eine Ausbildung zum Golflehrer angefangen. Darüber hinaus habe ich schon jetzt die Möglichkeit, bei amp Golf Berufserfahrung zu sammeln. Das ist eine internationale Golfschule, für die ich in Belek Kurse für Touristen geben darf.

Verletzungen zwangen Sie bereits im Alter von 32 Jahren zum Karriereende im Fußball, wie halten Sie sich abgesehen vom Golfen heute fit?

Meine Freundin hat mich für Bikram Yoga begeistern können. Dort macht man bei einer Raumtemperatur von rund 40 Grad Körperübungen und Atemübungen. Der heiße Raum soll eine sichere Muskel- und Sehnenarbeit möglich machen und das Schwitzen soll den Körper entgiften. Für mich ist es ein toller Ausgleich. Und bis jetzt konnte ich dadurch mein altes Sportlergewicht halten.

Sie haben für beide schleswig-holsteinischen Traditionsvereine gespielt. Welche Erinnerungen sind geblieben?

Lübeck war meine erste Station in der 2. Bundesliga, das war natürlich etwas ganz Besonderes. Und das Spiel gegen St. Pauli bleibt natürlich unvergessen. Das lief alles wie im Film ab, ein echtes Highlight. Es klappte richtig gut für mich beim VfB, leider habe ich mich sehr früh am Kreuzband verletzt. Bei Holstein war die Zeit des Neuaufbaus nach dem Regionalliga-Abstieg 2007 besonders spannend. Wir hatten unter Trainer Peter Vollmann eine tolle Truppe zusammen. Als Falko Götz nach Kiel kam, da lief es für mich nicht mehr rund. Und auch meine körperlichen Beschwerden nahmen zu. Mir haben immer die Momente nach Siegen in der Kabine am besten gefallen, wenn so ein ganz besonderes Teamgefühl herrschte und wir als Mannschaft die 90 Minuten noch einmal Revue passieren ließen. Aber am Ende hatte ich aufgrund meiner Beschwerden keine rechte Freude mehr am Fußball und ich musste mich ernsthaft damit befassen, wohin mein Weg nach dem Sport führen sollte. Ich bin froh, dass ich jetzt so eine tolle, neue Aufgabe gefunden habe. Ich möchte ein richtig guter Golflehrer werden.

Holger Hasse (geboren am 15. März 1978 in Aue). Stationen: SG Hartenstein (Jugend), FC Erzgebirge Aue (1996-2002/2004-2005), VfB Lübeck (2002-2004), Carl Zeiss Jena (2005-2007), Holstein Kiel (2007-2010). Einsätze: 2. Bundesliga (68/4 Tore), Regionalliga Nord (119/5 Tore). Größte Erfolge: Einzug in das DFB-Pokal-Halbfinale mit dem VfB Lübeck 2004, Zweitliga-Aufstieg mit Aue 2006, Aufstieg in die 3. Liga mit Holstein Kiel 2009.

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