Vizemeister: Als Holsteins Stern aufging

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03. Mai 2010, 08:05 Uhr

In diesem Jahr trägt Holstein Kiel nach dem Abstieg Trauer. Vor genau 100 Jahren jedoch ging der Stern der "Störche" so richtig auf. Zum ersten Mal erreichten die Kieler die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft und am 1. Mai 1910 wurde sogar der Einzug ins Endspiel perfekt gemacht. In Köln unterlagen die "Störche" dort erst in der Verlängerung dem damaligen Ausnahmeklub Karlsruher FV.

1910 - das ist das Jahr von Holstein Kiel. In der Bezirksmeisterschaft haben sich die Störche keine Blöße gegeben. Zehn Spiele, zehn Siege, 57:4 Tore - die Gegner waren chancenlos gegen das Holstein-Kollektiv. Und auch in der Endrunde um die "Norddeutsche" ließen sich die Störche von niemandem aufhalten. 12:2 gegen den IFC Rostock, 5:1 gegen Altona 93 und im Finale ein triumphales 7:1 über Werder Bremen. "Holstein in Norddeutschland voran!", jubelte die vereinseigene Monatspostille nach dem erstmaligen Gewinn der Norddeutschen Meisterschaft.

Einer der Erfolgsgaranten war Willi Zincke, ein gebürtiger Berliner, der im Oktober 1909 zwecks Ableistung seines Wehrdienstes nach Kiel gekommen war. Zincke hatte der Ansammlung hochbegabter Fußballertalente beim FV Holstein die entscheidenden Impulse versetzt. Mit seiner Erfahrung von vielen Jahren im Dress des Berliner Pionierklubs BFC Preussen diente er den jungen Holstein-Recken (Durchschnittalter 21 Jahre) als leuchtendes Vorbild. "Durch das Spiel unseres neuen Mittelstürmers, welches technisch wie taktisch vollkommen ist, wurde in unsere Angriffskraft neue Wucht hineingetragen", schwärmte die Vereinszeitung schon nach wenigen Spielen.

Mit dem Gewinn der "Norddeutschen" qualifizierte sich Holstein erstmals für die Endrunde um die "Deutsche", wo den "Störchen" am 17. April ausgerechnet Zinckes Ex-Klub BFC Preussen gegenüber stand. In Berlin ungeschlagener Meister, hatten die Preussen gegen die furios aufspielende Kieler keine Chance und schieden mit einer 1:4-Niederlage aus. Auch Holsteins Halbfinal-Gegner am 1. Mai kam aus Berlin: Tasmania Rixdorf, der Vorgänger des "schlechtesten Bundesligisten aller Zeiten" Tasmania Berlin. Die Tasmanen konnten der Kieler Sturmstärke ebenfalls keinen Widerstand bieten und unterlagen mit 0:6. Bei seiner ersten Teilnahme an der Endrunde um die "Deutsche" war Holstein Kiel sogleich bis ins Finale vorgedrungen!

Der dortige Gegner hatte ein anderes Kaliber, denn mit dem Karlsruher FV stand Holstein der seinerzeit renommierteste und umschwärmteste Fußballklub Deutschlands gegenüber. Der KFV - das war so etwas wie der FC Bayern heute. Ein Team gespickt mit Nationalspielern, ein hochmodern geführter Klub und eine Mannschaft, die in ihrer Entwicklung stets en vogue war. Mit anderen Worten: Gegen den Karlsruher FV war Holstein Kiel nur krasser Außenseiter.

Doch die Störche-Elf war zu einem schwer zu bezwingenden Team zusammengewachsen. Die meisten Spieler kannten sich schon seit Jugendjahren und bildeten ein über Jahre eingespieltes Kollektiv. "Die elf Spieler besitzen eine verhältnismäßig gute Technik und einen Überschuss an Kraft", verriet die Holstein-Vereinszeitung, während die "Norddeutsche Sportzeitung" wusste: "Ihr Hauptvorteil aber ist die Einigkeit, der Wille, nur fürs Ganze, für den Verein zu streben. Da gibt es keine blassierten Größen, sie spielen nur für Holstein, nicht für sich".

Und genau so fuhren sie nach Köln, wo am 15. Mai 1910 im Weidenpescher Park das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1910 auf dem Programm stand: Willi Friese im Tor, Fred Werner und Karl Rempka in der Abwehr, Lehnhardt, Georg Krogmann und Hans Reese in der Läuferrehe, Helmut Bork, Hans Dehning, Willi Zincke, Willy Fick und Lafferenz in der damals üblichen Fünfersturmreihe.

Bereits einen Tag vor dem Endspiel in Köln angekommen, nutzte man die Wartezeit für einen kleinen Ausflug, ehe es am Pfingstsonntag um 16.30 Uhr ernst wurde. "Zwei Taxameter und ein Auto brachten uns dann alle nach längerer Fahrt zu dem ideal gelegenen Platz des Kölner FC von 1899 hinaus, auf dem der Wettkampf stattfinden sollte. Ungefähr 4.000 Zuschauer waren anwesend, als unsere Erste durch die Seitentür die Arena betrat".

Die mit fünf aktuellen Nationalspieler angetretenen Karlsruher legten sofort los wie die Feuerwehr. Erst nach zehn Minuten konnten sich die Kieler allmählich etwas befreien und selbst einige Chancen herausarbeiten. Doch ausgerechnet der hochgelobte Holstein-Sturm um Willi Zincke hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt und vergab Chance um Chance.

Da Holstein-Keeper Friese zugleich eine Glanztat nach der anderen vollbrachte, ging die Partie mit 0:0 in der Verlängerung. "Eine Flasche Sekt, von Dr. Wagner spendiert, soll die Lebensgeister unserer Elf noch einmal gehörig wecken", berichtete die Vereinszeitung von recht ungewöhnlichen Ermunterungsgetränken.

Vergeblich. Beide Teams waren müde, und die Fehler häuften sich. In der 114. Minute war es soweit. Torwart Friese brachte KFV-Stürmer Gottfried Fuchs (der zwei Jahre später als zehnfacher Torschütze bei Deutschlands 16:0 gegen Russland in die Historie einging) im Strafraum zu Fall. Max Breunig nutzte die Gelegenheit, um vom Elfmeterpunkt aus das Tor des Tages zu erzielen.

"Und wir verlassen den schönen Sportplatz wortlos. Auf den Gesichtern der Verteidiger liegt ein verhaltener Grimm, nicht über die Niederlage, sondern über das Spiel der Stürmer, die enttäuscht haben", hieß es in der Kritik der Vereinszeitung. Holstein Kiel war "nur" Deutscher Vizemeister - die Stunde der Revanche sollte zwei Jahre später schlagen.

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