Vier Ausländer: Daums böser Wechselfehler

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08. Oktober 2012, 09:05 Uhr

Es ist einer der tragischsten Fehler in der Geschichte des deutschen Fußballs: die Einwechslung von Jovica Simanic beim Europapokal-Vorrundenspiel zwischen Leeds United und dem VfB Stuttgart am 30. September 1992, die der Elf von Christoph Daum das bereits erreichte Weiterkommen und damit die Teilnahme an der neuen Champions League (damals mit den besten acht Teams) verwehrt.

16. Mai 1992. Stuttgart steht kopf. Der VfB Stuttgart, seit vielen Jahren taumelnder Riese in Baden-Württemberg, steht nach einem atemberaubenden letzten Bundesligaspieltag überraschend als Deutscher Meister fest. Vier Minuten vor Spielende hat Guido Buchwald, diese Personifizierung schwäbischer Lebensart, in Leverkusen den 2:1-Siegtreffer für den VfB erzielt. Weil der bisherige Tabellenführer Eintracht Frankfurt zeitgleich durch eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung in Rostock verlor, sind die Schwaben zum vierten Mal in ihrer Geschichte Deutscher Meister.

Vater des Erfolge ist Christoph Daum. Seit dem 20. November 1990 im Amt hat er den taumelnden Klub wieder auf Erfolgskurs gebracht. Mit wohlfeiler Motivationstechnik ("15.30 - Krieg in Leverkusen!" hatte Daum vor dem Abschlussspiel an die Kabinentür geschrieben), mit einer bärenstarken Abwehr, die in 38 Saisonspielen lediglich 32 Gegentreffer zuließ und mit einem Kollektiv, aus dem allenfalls Matthias Sammer herausragte.

Noch auf der Meisterfeier gab der Chefmotivator das nächste Ziel aus: Der VfB wollte in die Gruppenphase der neugeschaffenen Champions League. Qualifikationsgegner war Englands Meister Leeds United. Daum gab sich zuversichtlich. Zwar war ihm mit Matthias Sammer sein Spiellenker abhanden gekommen, mit André Golke und Thomas Strunz hatte er jedoch hochkarätigen Ersatz erhalten. Beim Hinspiel am 16. September 1992 erwischten die Schwaben im heimischen Neckarstadion eine Sternstunde. Fritz Walter per Doppelschlag (63. und 68. Minute) sowie Andreas Buck sorgten vor 36 000 begeisterten Zuschauern für einen 3:0-Sieg, der eine mehr als anständige Miete vor dem Rückspiel an der Elland Road darstellte.

Voller Optimismus reiste der Deutsche Meister zwei Wochen später auf die Insel. Vor 25 000 Zuschauern legten die Gastgeber los wie die Feuerwehr, und als Gary Speed nach 18 Minuten eine Cantona-Vorlage zum 1:0 verwertete, wurde das Stadion an der Elland Road vollends zum Hexenkessel. Doch der VfB behielt die Nerven. Nach einer guten halbe Stunde gelang Andreas Buck der Ausgleich und damit das ersehnte Auswärtstor. Zwar brachte McAllister den Gastgeber nur fünf Minuten später per Foulelfmeter erneut in Führung, doch Christoph Daum und sein Team verschwanden voller Optimismus in der Halbzeitpause.

Nach dem Seitenwechsel drängte Leeds aufs Tempo, hatte die VfB-Abwehr alle Hände voll zu tun. In der 67. Minute war Keeper Eike Immel erneut machtlos und Eric Cantona erhöhte 3:1. Noch einmal verstärkte Leeds den Druck, und als Chapman zehn Minuten vor dem Schlusspfiff das 4:1 erzielte, war der Hinspielvorsprung geschmolzen, stand der VfB nur noch aufgrund des Auswärtstores in der Gruppenphase. Christoph Daum reagierte und schickte mit Jovica Simanic eine frische Kraft für Maurizio Gaudino aufs Feld. Dort standen mit Sverrisson, Knup und Dubajic jedoch bereits drei Ausländer, womit der VfB gegen einen UEFA-Paragraphen verstieß. Niemand ahnte das jedoch zu diesem Zeitpunkt, und so feierten die Stuttgarter nach dem Schluss pfiff den vermeintlichen Einzug in die Gruppenphase.

Erst auf dem Rückflug fiel es den Schwaben wie Schuppen von den Augen. Inzwischen hatten auch die Engländer nachgezählt und Protest bei der UEFA eingelegt. Die entschied - nicht zuletzt auf Betreiben von VfB-Boss Gerhard Mayer-Vorfelder - salomonisch und wertete die Rückspielbegegnung mit 3:0 für Leeds, woraufhin ein Entscheidungsspiel in Barcelona angesetzt wurde.

Eigentlich war der VfB damit zwar mit einem blauen Auge davongekommen, doch die heile Welt im Neckarstadion brach dennoch zusammen. Drei Tage nach dem UEFA-Urteil ging die Daum-Elf mit 0:4 in Frankfurt unter, und als Leeds das Entscheidungsspiel am 9. Oktober 1992 vor überschaubaren 11 000 Zuschauern in Barcelona mit 2:1 für sich entschied und der Deutsche Meister die finanziell lukrative Gruppenphase verpasste, wurde "Leeds" endgültig zu Stuttgarts Unwort des Jahres. Der Fehler, für den Manager Dieter Hoeneß bereitwillig die Verantwortung übernahm ("Es hat einfach nicht klick gemacht"), kostete den VfB aber nicht nur die Einnahmen der Gruppenphase sondern trübte vor allem das strahlende Erfolgsimage von Trainer Daum, der sich sichtlich angeschlagen zeigte. Hilflos musste der Chefmotivator mit ansehen, wie sein Team im weiteren Saisonverlauf ins Mittelfeld der Bundesliga abstürzte und die Fans mit zahlreichen fragwürdigen Darbietungen nervte. Tiefpunkt war eine 1:2-Heimniederlage gegen Bayer Uerdingen, ausgerechnet zum 100. Klubjubiläum im April 1993.

Letztendlich kostete der Fehler von Leeds sowohl Trainer Daum, der zur Winterpause der Folgesaison 1993/94 das Handtuch warf, als auch Manager Hoeneß, der kurz danach gefeuert wurde, den Job. Die ärmste Seele aber war Jovica Simunic, der lediglich sieben Minuten den Dress des VfB Stuttgart trug - jene fatalen sieben Minuten von Leeds. Daum sah in dem sympathischen Jugoslawen die Personifizierung seines Scheiterns und gab ihm anschließend keine Chance mehr.

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