Verboten: Das Ende des Arbeitersports

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25. Februar 2013, 08:05 Uhr

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten um Adolf Hitler am 30. Januar 1933 brach für die Mitglieder der deutschen Arbeitersportvereine eine schwere Zeit an. Als erstes traf es die Rotsport-Organisation KG, die bereits im Februar 1933 vollständig liquidiert wurde.

Die von den Nazis anvisierte "Umgestaltung des deutschen Sports" vollzog sich über mehrere Etappen. Zunächst war der Arbeitersport an der Reihe. Es begann nach dem von den Nationalsozialisten inszenierten Reichstagsbrand am 27. Februar. Die unmittelbar darauf erlassene "Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes" betraf auch die Vereine, Verbände, Einrichtungen und Personen der Arbeitersportbewegung in Deutschland, die als "marxistische Organisationen" betrachtet und verboten wurden.

Die Zerschlagung betraf zunächst allerdings nur den kommunistisch orientierten Teil der Arbeitersportbewegung - die im Mai 1929 gegründete Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (KG), die aus einem politischen Konflikt innerhalb des Arbeiterlagers entstanden war. Die KG stand unter direkter KPD-Obhut und war den Nazis damit noch weitaus mehr ein Dorn im Auge als der der SPD nahestehende Arbeiter Turn- und Sport-Bund (ATSB) aus dem Jahr 1893.

Noch am 28. Februar stürmten Nazi-Schergen vielerorts Geschäftsstellen und Vereinshäuser von KG-Klubs. Mehr als 4000 KG-Vereine wurden in den folgenden Tagen liquidiert und enteignet; etwa 200 000 Sportler und Funktionäre wurden verfolgt bzw. inhaftiert oder mussten untertauchen. Viele wurden in Konzentrationslager verschleppt und dort festgehalten. Darunter auch Ernst Grube, KPD-Reichstagsabgeordneter und KG-Vorsitzender, der in "Schutzhaft" kam und am 14. April 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Wie seine Leidensgenossen Kurt Wabbel, Werner Seelenbinder und Paul Zobel wurde Grube zu DDR-Zeiten mit einer Stadionbenennung geehrt - in Grubes Fall Magdeburg.

Nach den kommunistischen KG-Sportlern war der "gemäßigte" ATSB an der Reihe. Selbst die im April eilig veröffentlichte Erklärung des ATSB, "unsere Stellung zum neuen Staat ist getragen vom ehrlichen Willen zur Mitarbeit" half den sozialdemokratischen Arbeitersportlern nicht. Am 12. Mai 1933 begann auch die "Zerschlagung" der 6886 ATSB-Vereine, deren 738 048 Mitglieder fortan vereinslos waren. Zuvor hatte der bürgerliche DFB wiederholt Beitrittsgesuche von ATSB-Vereinen abgelehnt, weil "solche Vereine den Sport bislang zur Verfolgung parteipolitischer oder klassenkämpferischer Ziele betrieben und den DFB bekämpft" hätten und "der DFB den Sport und die Jugenderziehung im Sinne der Erstarkung der Gemeinschaft von Volk und Staat löst".

Das gesamte Vermögen der ATSB-Organisationen ging per zuvor erlassenem Gesetz "über die Einziehung volks- und staatsfeindlicher Vermögen" auf das Reich über. Damit konnte auch die mit Eigenmitteln erbaute ATSB-Bundessportschule in Leipzig fortan für sportfremde Zwecke genutzt werden. Einigen renommierten Arbeiterklubs wie beispielsweise dem amtierenden nordwestdeutschen Meister Blumenthaler SV oder dem ATV Bremerhaven gelang es dank der Unterstützung lokaler Nazigrößen unter neuem Namen (ASV Blumenthal bzw. Bremerhaven 93) dem DFB beizutreten, die meisten Klubs aber verschwanden einfach von der Bildfläche.

Darunter befanden sich auch die beiden Lübecker Vereine BSV Vorwärts und ATSV, die 1929 noch gemeinsam das Stadion Lohmühle eröffnet hatten. Das Erbe des BSV Vorwärts lebt heute im VfB fort, das des ATSV im TuS 93. Dritter betroffener Verein der Stadt war der aus dem Jahr 1921 stammende FSV Lübeck, der nach dem Krieg wiedergegründet wurde und 1999 eine unsägliche Fusion mit dem Kunstklub FC Borussia einging, der 2004 zerbrach.

Für die vereinslosen Aktiven war die Situation anno 1933 entwürdigend. Wollten sie einem bürgerlichen Verein beitreten, so benötigten sie dafür zwei "nichtmarxistische Bürgen". Seitens des DFB wurden die DFB-Vereine zudem gewarnt, nicht zu viele ehemalige Arbeitersportler aufzunehmen.

Nächstes Opfer waren die konfessionellen Sportverbände Deutsche Jugendkraft (katholisch) und Eichenlaub (evangelisch), die zwei Jahre später mit der am 23. Juli 1935 erlassenen neuen Polizeiverordnung ebenfalls verboten wurden. Im Gegensatz zu den Arbeitersportlern durften die konfessionellen Sportler aber problemlos zu einem bürgerlichen DFB-Verein wechseln oder konnten mit ihrem Klub sogar einfach dem DFB beitreten.

Das Kapitel Arbeitersport wurde 1933 für immer geschlossen. Nach dem Krieg waren es zwar fast überall ehemalige Arbeitersportler, denen als politisch verlässliche Funktionäre von den Alliierten der Wiederaufbau der Sportverbände in den Städten übertragen wurde, sie verzichteten jedoch auf die Neubildung eines separaten Verbandes, weil sie die politischen Gräben im Sports der 1920er Jahre überwinden wollten. Eine richtungsweisende Entscheidung, die gerade vor dem Hintergrund der Geschichte hohen Respekt verdiente.

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