"Tiffy" holte sogar den Europacup

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15. August 2011, 09:07 Uhr

Seine Profi-Karriere fand ein überraschend frühes Ende. 1998, gerade mit dem VfL Bad Schwartau in die 1. Handball-Bundesliga zurückgekehrt, beendete Stephan Schlegel mit 29 Jahren seine Kariere als Profihandballer. Ungewöhnlich war dabei der frühe Zeitpunkt - doch dieser hatte natürlich auch einen Grund: Handballmüdigkeit. "Ich hatte damals einfach andere Dinge im Sinn. Der Handball spielte keine große Rolle mehr", erinnert sich der ehemalige Kreisläufer der Ostholsteiner an das abrupte Ende. "Ich war nach 21 Jahren einfach handballmüde, hatte die Lust am Sport verloren."

Dabei konnte der auch noch heute in Bad Schwartau beheimatete Schlegel durchaus auf eine erfolgreiche Handballzeit zurückschauen. Mit acht Jahren und von der E- bis A-Jugend bekleidete der gebürtige Altenholzer dass Trikots des dortigen TSV. "Eine erfolgreiche Zeit für mich", weiß "Tiffy", wie er von allen genannt wird (durch die Figur in der Kinder-Kult-Serie "Sesamstraße" erhielt er vor langer Zeit diesen Spitznamen) noch heute zu berichten. "Dort gelang es mir sogar, mit meiner C-Jugend-Mannschaft die Deutsche Meisterschaft zu erringen." Doch neben dem Talent und Willen Schlegels, etwas im Handball zu erreichen, war auch noch eine weitere Komponente wichtig - sein Trainer in Kiel, Wolfgang Röbsch. "Er war ein ständiger Begleiter für mich, enorm wichtig. Ihm habe ich vieles zu verdanken", zollt der heute 42-jährige zweifache Vater von Sohn Jannes (13) und Tochter Lykka Lyn (2), seinem ehemaligen Protektor immer noch gehörigen Respekt.

So geriet Schlegel als A-Jugendlicher auch in den Fokus anderer - und zwar in den von Kult-Coach Vlado Stenzel. Das Enfanterrible des Handballsports, der als Trainer mit Jugoslawien 1972 Olympiasieger und mit Deutschland 1978 Weltmeister wurde, entdeckte den am Kreis beheimateten Schlegel und holte ihn 1987 zum VfL Bad Schwartau. "Eine Chance, die ich einfach annehmen musste", war für den aufstrebenden Handballer klar, dass er dem Ruf von "Magier" Stenzel folgen musste. Dabei beeindruckte den damals gerade 18-Jährigen vor allem eines - die Ausstrahlung Stenzels. "Ein handballverrückter Mann, mit einer wahnsinnigen Aura. Entweder mag man ihn oder nicht." Doch auch wenn Schlegel in den drei Jahren nicht ganz der Durchbruch gelang, der Respekt und das Vertrauen in Stenzel blieben ungebrochen. "Er hat mich sehr geprägt", so Schlegel, "hatte einfach ein Händchen für junge, hungrige Spieler. Der war sich nicht einmal zu schade dafür, zu mir nach Hause zu kommen und persönlich mit meinen Eltern zu sprechen." Nicht verwunderlich ist es wohl auch deshalb, dass "Tiffy" nach drei Jahren in Schwartau auch seinem "Lieblingstrainer" folgte, der inzwischen beim ambitionierten TSV Milbertshofen im Süden Deutschlands angeheuert hatte. Es sollte das erfolgreichste Jahr für Schlegel werden. Denn 1991 gelang es ihm, mit den Bayern Europapokalsieger zu werden. "Ein tolles Ereignis und Erlebnis", weiß Schlegel heute. "Doch damals war ich einfach noch zu jung um das zu realisieren, völlig überfordert mit der Situation in der Fremde." So zog es ihn nach dem einjährigen Gastspiel und mit Heimweh ("Der Norden hat mir einfach gefehlt") für zwei Jahre zu GWD Minden, wo Schlegel in der 2. Bundesliga agierte. "Auch das hat natürlich Spaß gemacht", bekennt er. "Aber mich reizte natürlich auch die Möglichkeit nach Schwartau und in die 1. Handball-Bundesliga zurückzukehren." Gesagt, getan. Was er jedoch nicht ahnte: Es sollte die letzte Station in seiner aktiven Laufbahn werden. Dabei erlebte er mit seinen Mitstreitern, den Keepern Jens Kürbis und Jörg Engelhardt, Holger Kretschmar oder Kai Stolze neben Erstliga-Auf- und Abstieg, fünf Jahre lang "eine schöne Zeit", die aber 1998 endgültig endete. Nach erreichtem Aufstieg in die Eliteklasse Deutschlands machte sich bei ihm ein "Burn-Out" breit.

Andere Dinge wurden wichtiger. Seine Frau Nicole und natürlich auch der berufliche Werdegang hatten nun Vorrang. In Lübeck übernahm der gelernte Koch zunächst eine Gastronomie (Bayrisches Bierhaus in der Dr. Julius-Leber-Straße), ehe er in Eutin seine eigentliche Berufung fand: Die Arbeit mit behinderten und gehandicapten Menschen. "Eine dankbare Aufgabe", weiß Schlegel. "Es ist doch schön, Menschen helfen zu können." So arbeitete er viereinhalb Jahre lang bei der Ostholsteiner Lebenshilfe, den Eutiner Werkstätten, mit geistig Behinderten. Dort trainierte er auch mit Christian Hippler einen Versehrtensportler, dem es als Leichtathlet und unter Anleitung von "Coach" Schlegel gelang von den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Leverkusen (2005) mit einer Silber- (im Weitsprung) und Bronzemedallie (im Sprint) im Gepäck zurückzukehren. Doch das Engagement in Eutin endete im Dezember 2009. "Es ergab sich für mich eine neue Herausforderung", befand Schlegel, "und dabei weiterhin mit Menschen, die Hilfe benötigen, zu arbeiten." So leitet der heute 42-Jährige in Oldenburg (Holstein) mittlerweile ein Cafe eines Integrationsbetriebes, unterstützt dabei hilfebedürftige, gehandicapte Menschen wieder den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen und weiß aus eigener Erfahrung zu berichten: "Menschen, die ein schweres Schicksal erlitten haben, gehen oft damit viel besser um als Außenstehende, sind viel sensibler."

Doch einige Jahre nach dem Laufbahnende konnte Stefan Schlegel seine Finger doch nicht ganz vom Handballsport lassen. Nach einem Intermezzo beim ATSV Stockelsdorf, der bestandener Trainer-B-Lizenz im Jahre 2007 und einem halbjährigen Gastspiel als Hauptverantwortlicher bei den Zweitliga-Frauen des TSV Travemünde ("Leider hat das bei den Raubmöwen nicht ganz gepasst"), kehrte "Tiffy" ausgerechnet zu seinem Ex-Club, dem VfL Bad Schwartau zurück - und zwar als Co-Trainer. Die treibende Kraft dabei war ausgerechnet sein ehemaliger Mitspieler, der aktuelle Trainer des Zweitligisten, Thomas Knorr. "Knorri hat mich einfach überredet", gibt Schlegel mit einem Augenzwinkern zu. "Da konnte ich ja nicht nein sagen." Für eineinhalb Jahre reiste Schlegel im Zweitligatross mit, coachte den Zweitligisten und hielt sich nebenbei selbst fit. Zum Glück für den verletzungsgeplagten VfL: Denn der "Kreisläufer im Ruhestand" sollte noch zu vier Einsätzen im Trikot der Schwartauer kommen. "Das war eigentlich nicht so geplant", verrät Schlegel. "Aber so wie beim Spiel gegen den SC Magdeburg konnte ich noch einmal beweisen, dass ich als Defensivspezialist noch nichts verlernt habe."

Derzeit trainiert Schlegel nun die C-Jugend der Ostholsteiner, in der auch sein ältester Sohn Jannes aktiv ist und kann sich über mangelnden Erfolg nicht beschweren. Denn "sein" Team spielt nach dem Erreichen der Vize-Landesmeisterschaft in der D-Jugend nun in der höchsten Spielklasse im Nachwuchsbereich, der Schleswig-Holstein-Liga. "Mir macht das Spaß, mit den Jungs zu arbeiten", so Schlegel, der trotz jahrelanger Abwesenheit im Sport für sich ein neuen, alten Lebensinhalt entdeckt hat: "Treibe Sport, denn es hilft dir den Kopf frei zu bekommen. Etwas, was ich jedem Menschen nur empfehlen kann. "

Name: Stephan Schlegel

Geburtstag: 21. Mai 1969

Stationen: TSV Altenholz 1977 bis 1987 (bis zur A-Jugend), VfL Bad Schwartau 1987 bis 1990 (1. und 2. Bundesliga), TSV Milbertshofen 1990 bis 1991 (1. Bundesliga), GWD Minden 1991 bis 1993 (2. Bundesliga), VfL Bad Schwartau 1993 bis 1998 (1. und 2. Bundesliga).

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