"Störche" führen Schalker "Kreisel" vor

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27. Mai 2013, 08:05 Uhr

Mitten im Zweiten Weltkrieg setzten die Kieler "Störche" zu einem unvergessenen Höhenflug an. Dieser erreichte am 30. Mai 1943 seinen Zenit, als die KSV im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft auf Serienmeister Schalke 04 traf.

Seit Gründung der Gauliga Nordmark im Mai 1933 hatte die KSV Holstein im hohen Fußball-Norden nur noch die zweite Geige gespielt und im Schatten der Hamburger Vereine Eimsbüttel und HSV gestanden. Das letzte Mal waren die "Störche" 1932 in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft an den Start gegangen.

Elf Jahre später war es endlich wieder soweit, durfte Holstein Kiel um die höchste Trophäe im deutschen Fußballs kämpfen. Zu verdanken war dies ausgerechnet dem Zweiten Weltkrieg. Der spielte sich zunehmend auch auf deutschem Gebiet ab, seit die Alliierten sternförmig auf das Reich zumarschierten. 1942 war die Gauliga Nordmark in eine Staffel Hamburg, eine Staffel Mecklenburg und eine Staffel Schleswig-Holstein aufgespalten worden. In letzterer stieg die KSV quasi über Nacht wieder zur konkurrenzlosen Führungsmannschaft auf. 42:2 Punkte und 94:20 Tore hieß es nach dem Ende der Meisterschaftsrunde, die Holstein als souveräner Gaumeister beendete.

Holsteins Renaissance war freilich nicht nur der Überlegenheit gegenüber der völlig überforderten Konkurrenz zu verdanken, denn durch den Kriegsmarinehafen waren zahlreiche ausgewiesene Spitzenfußballer als Soldaten nach Kiel gekommen, wo sie als sogenannte "Gastspieler" bei lokalen Vereinen unterkamen. Die Crème de la Crème wählte natürlich das örtliche Fußball-Flaggschiff. Und es waren wahrlich namhafte Akteure, die da plötzlich für Holstein Kiel spielten! Mit Werner Baßler und Ottmar Walter schnürten beispielsweise zwei Leistungsträger des 1. FC Kaiserslautern ab 1943 die Stiefel für die "Störche". Und namentlich Fritz Walter-Bruder Ottmar war die perfekte Ergänzung für den Sturm um Lenker Franz Linken, Gustav Schmidt, Alfred Boller sowie Leo Möschel, der nach Herzenslust in die gegnerischen Netze traf.

Fußball galt seinerzeit als nahezu perfekter Ablenkungsfaktor im Kampf gegen die wachsende Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung. Also wurde auch 1943 um die Deutsche Meisterschaft gespielt, obwohl Propagandaminister Goebbels im Februar in seiner berühmt-berüchtigten Berliner Sportpalastrede den "totalen Krieg" ausgerufen hatte.

Die KSV traf dabei zunächst auf Nachbar TSG Rostock, der mit 4:0 souverän aus dem Weg geräumt wurde. Im Achtelfinale wartete der Berliner Meister BSV 92, an der Spree "Störche" genannt. Im internen "Störche-Duell" setzte sich das Original aus Kiel durch und zog mit einem 2:0-Sieg ins Viertelfinale ein. Dort trafen die Kieler auf den Gegner aller Gegner: Schalke 04, sechsfacher Deutscher Meister und das überragende Team des letzten Jahrzehnts.

Kiel stand Kopf. "Kaum war die Partie bekannt geworden, da setzte eine Nachfrage nach Karten ein, die schlechthin nicht zu überbieten war", heißt es in der Vereinszeitung. "Frau Ibsen auf der Geschäftsstelle sah man die vierzehn Tage hindurch entweder nur an der Leitung (gemeint ist das Telefon, d. Verf.) oder im schweren Abwehrkampf mit immer neuen Kartenantragsstellern", staunte die Vereinspostille im besten Kriegspropagandastil. KSV-Platzwart Karl Hofmann griff derweil zum Zollstock und maß nach, wie viele Menschen denn wirklich auf den Rängen an der Projensdorfer Straße Platz finden konnten. 18 000 errechnete er - und damit 3000 mehr als bis dahin vermutet. Dennoch war am Spieltag kein einziges Ticket mehr zu bekommen, und ausgerechnet im "totalen Krieg" stellte die KSV eine neue Rekordkulisse auf. Dass es am 30. Mai pausenlos regnete, störte die 18 000 glücklichen Kartenbesitzer nicht.

Schalkes gefürchteten "Kreisel" um Ernst Kuzorra und Fritz Szepan gedachte das Kieler Trainerduo aus dem Alt-Internationalen "Seppl" Esser und Spielgestalter Franz Linken mittels Manndeckung auszuschalten. Es lief großartig für die KSV, die schon nach neun Minuten durch Linken in Führung ging. Als Möschel nach einer halben Stunde auf 2:0 erhöhte, jubelte das Holstein-Stadion verzückt auf. Anschließend gelang der Holstein-Elf alles und dem FC Schalke 04 nichts. Als Linken das 3:0 markierte drohte den erfolgsverwöhnten Schalkern eine epische Niederlage. Nach einem von Nationalspieler Otto Tibulski verwandelten Freistoß ging es mit 3:1 in die Pause.

Auch nach dem Seitenwechsel blieben die Kieler am Drücker. Ottmar Walter scheiterte mit einem Kopfball an Schalke-Keeper Hans Klodt, Rechtsaußen Gustav Schmidt narrte Schalke-Routinier Otto Schweisfurth ein ums andere Mal, und auf Vorlage von Linken sorgte Mittelstürmer Walter Hain schließlich für den sensationellen 4:1-Endstand.

"Was nach diesem Tor an Begeisterung durch die Massen der Zuschauer floss, ist schlechterdings nicht zu beschreiben. Hier fielen sich Menschen in die Arme, die sich bisher nie gekannt hatten, hier tobten und tosten die tausenden, die alle Sorgen des Alltags vergaßen, hier fand der Jubel keine Grenzen", schwärmte die KSV-Postille. "Es war das Pech der Schalker, unsere Elf an einem ihrer besten, wenn nicht dem besten Tag überhaupt, zu treffen."

Im Halbfinale kam für Holstein Kiel anschließend das Aus gegen den Dresdner SC. Den dritten Platz sicherten sich die "Störche" jedoch durch ein 4:1 über Vienna Wien in Berlin.

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