Steiler Absturz eines Traditionsvereins

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04. Oktober 2010, 09:05 Uhr

1965 standen sich die KSV Holstein und der SSV Reutlingen 05 in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gegenüber. Heute kicken die Reutlinger nur noch in der fünfthöchsten Spielklasse.

Wie in Kiel, so blickt man auch in Reutlingen gerne auf den Frühsommer 1965 zurück, als der lokale Fußballclub drauf und dran war, die neugeschaffene Bundesliga zu erstürmen. Holstein und Reutlingen 05 standen sich seinerzeit in Gruppe 1 der Aufstiegsrunde gegenüber, der zudem Wormatia Worms und Borussia Mönchengladbach angehörten. Für die Schwarz-Roten von der Schwäbischen Alb verlief zunächst alles nach Maß. Einem 1:1 zum Auftakt in Kiel folgte ein 3:0-Heimsieg über Worms sowie ein 1:1 vor eigenem Publikum gegen den Gruppenfavoriten aus Gladbach. Doch im Rückspiel auf dem Bökelberg erwischte der Klub mit dem Hirschgeweih im Logo einen fürchterlichen Tag und ging im Sturmlauf von Netzer und Co. mit 0:7 unter. Ein verheerendes Ergebnis, dass am Schlussspieltag seine ganze Fatalität entfaltete, da der SSV selbst im Falle eines Heimsieges über Holstein Kiel aufgrund des katastrophalen Torverhältnisses chancenlos war. Folgerichtig kam es an der Reutlinger Kreuzeiche zu einem unspektakulären 1:1, verabschiedete man sich in Reutlingen auf lange Zeit von seinen Bundesligaträumen.

Dabei wäre das Potenzial zweifelsohne vorhanden, denn schon seit einer halben Ewigkeit streitet sich Reutlingen mit Heidelberg und Pforzheim darüber, wer denn nun den höheren Anteil an Millionären an der Gesamtbevölkerung aufweist. Doch egal, wer dabei der Sieger ist - Fußballgeschichte geschrieben hat keine der drei Städte. In Reutlingen blickt man immerhin auf 14 Jahre in der alten Oberliga Süd, eine bis 1973 währende Zugehörigkeit zur alten Regionalliga Süd sowie mehrere Episoden in der 2. Bundesliga zurück.

Der SSV 05 ist eine 1938 vorgenommene Verknüpfung von SV 05 und SSV Reutlingen, deren Aufschwung 1953 begann, als mit Landrat Hans Kern der wohlhabende Präsident der Industrie- und Handelskammer die Führung übernahm. Kern war kein gewöhnlicher Mäzen, sondern bemühte sich auch um eine familiäre Vereinsatmosphäre. Legendär seine "Bildungsabende", bei denen die Spieler im feinen Zwirn aufzutreten hatten und das Thema Fußball für zwei Stunden tabu war.

1954/55 erreichte die Elf um Regisseur Gernhardt und dem oberschlesischen Torjäger Lothar Grziwok zum zweiten Mal nach 1950 die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, in der sie knapp an der Herner Knappen-Elf aus Sodingen scheiterte. Anschließend forderten die Standortnachteile ihren Tribut, und bei der Bestückung der Bundesliga war der SSV chancenlos.

Nach dem tragischen Scheitern in der Aufstiegsrunde 1965 brachen schwere Tage an, und der SSV verschwand im Mittelfeld der Regionalliga Süd. Das Publikum blieb aus, der patriarchalische Mäzen Kern zog sich zurück, die Sponsoren hielten sich bedeckt und die wohlhabende Struktur in Reutlingen war auch nicht gerade förderlich für den Spitzenfußball. 1973 stieg der SSV erstmals in die Drittklassigkeit ab, kam 1975 zurück, war in der zwischenzeitlich gegründeten 2. Bundesliga Süd jedoch chancenlos. Platz 20, ganze fünf Siege und ein Zuschauerzuspruch von kaum 2.800 pro Begegnung trübten die Bilanz.

Zwei fehlgeschlagene Rückkehrversuche folgten, ehe der Klub 1979 sogar in der Verbandsliga verschwand und vor dem finanziellen Aus stand. Bis die Rot-Schwarzen sich wieder aufrappelten, vergingen viele Jahre. Erst 1989 klopfte man an der Kreuzeiche erneut ans Tor zur 2. Bundesliga. Doch Reutlingen bleib ein schwieriges Terrain für Profifußball. Das zeigte sich auch nach der Qualifikation zur Regionalliga Süd 1994, als die Zuschauerzahlen überschaubar blieben, obwohl der SSV stets in der Spitze mitmischte und 1997 sogar zum zweiten Mal nach 1974 Deutscher Amateurmeister wurde.

Erst als der Klub 2000 unter dem jungen Trainer Armin Veh unerwartet in die 2. Liga zurückkehrte, explodierte Fußball-Reutlingen. Mehr als 7.000 Zahlende passierten die Kassenhäuschen und freuten sich über einen vorzüglichen siebten Platz im Bundesligaunterbau. Bisweilen hatte man am Fuße der Alb gar vom Durchmarsch in die Bundesliga geträumt, und erstmals schien sich der SSV 05 damit im Profifußball zu etablieren. Vater des Erfolges war Walter Seinsch, gebürtiger Rheinländer und ehemaliger Textilunternehmer, der den SSV bzw. das Stadion Kreuzeiche modernisiert hatte. Doch dem Hoch folgte die Bruchlandung. 16 Spiele waren 2001/02 absolviert, als Erfolgstrainer Veh nach Rostock wechselte und finanzielle Turbulenzen um "Macher" Dieter Winko für den Abzug von sechs Punkten für die Saison 2002/03 sorgten, als der SSV auch mit dem VfB Lübeck die Klingen kreuzte. Ohne Punktabzug hätten die in dieser Spielzeit erreichten 39 Zähler zum dritten Mal in Folge zum Klassenerhalt gereicht - so aber ging es zurück ins Amateurlager.

Es kam noch schlimmer. Der DFB verweigerte dem SSV 05 die Regionalligalizenz und verdonnerte ihn zu einem Neuanfang in der 4. Liga. Dort kämpften die Rot-Schwarzen zunächst ums nackte Überleben, ehe sie 2006 unter Trainer Peter Starzmann die Rückkehr in die Regionalliga erreichten. Nachdem 2008 die neue 3. Liga verpasst wurde, musste er 2010 aufgrund eines Insolvenzverfahrens sogar erstmals in die Fünftklassigkeit absteigen.

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