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FIFA wegen Zwangsarbeit unter Druck : Skandal-WM in Katar wird zum Politikum

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Nach Korruptionsvorwürfen und Streit um Standort, Klima und Termin sorgen nun Berichte über tote Zwangsarbeiter auf den WM-Baustellen in Katar für die nächsten Negativschlagzeilen.

shz.de von
erstellt am 27.Sep.2013 | 15:47 Uhr

Erst die handfesten Korruptionsvorwürfe und ein weltweiter Streit über eine Winter-WM, nun sogar Forderungen nach einem Boykott und einer Neuvergabe: Die umstrittene Fußball-WM 2022 im kleinen Golfstaat Katar wird nach dem alarmierenden Bericht über „moderne Sklaverei“ mit zahlreichen Todesfällen von Gastarbeitern auf den WM-Baustellen immer mehr zu einem großen Politikum. Der Fußball-Weltverband FIFA - seit der unter dubiosen Umständen zustande gekommenen Vergabe an den Wüstenstaat ohnehin in der Dauerkritik - gerät vor seiner Exekutivsitzung am 3./4. Oktober weiter unter Druck.

Die Rufe nach Konsequenzen werden jedenfalls lauter. „Ich frage mich, ob die Aspekte wie die Verlegung der WM (vom Sommer in den Winter), die Menschenrechte und die Störung des Sportkalenders nicht so groß sind, dass es die FA (englischer Fußballverband) in Betracht ziehen sollte, nicht zu spielen“, sagte das englische Parlamentsmitglied Damian Collins der Tageszeitung „Guardian“. Er regte eine internationale Kooperation von Politikern auch mit Blick auf die Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM an. „Die FIFA versteht und respektiert nur Geld. Die einzige Macht der FA ist, nicht anzutreten.“ 

Sharan Burrow vom Internationalen Gewerkschaftsbund ITUC erneuerte ihre Kritik an den WM-Gastgebern und verwies via Twitter auf die Kampagne „www.rerunthevote.org“ für eine Neuvergabe der WM. Schwere Vorwürfe erhebt auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. „Katar hat mit die schlimmsten Arbeitsbedingungen weltweit. Wir erwarten von der FIFA, dass sie aktiv eingreift“, sagte Regina Spöttl, bei Amnesty International zuständig für die Golfstaaten, der „Süddeutschen Zeitung“. Von „moderner Sklaverei“ zu sprechen, sei nicht übertrieben. „Das ist sehr tragisch. Die FIFA ist gefordert, das zu hinterfragen“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic vom VfB Stuttgart am Freitag. Doch beim Weltverband heißt es lediglich, dass man „besorgt“ über die Berichte sei und die Verantwortlichen kontaktieren werde.

Auch FIFA-Boss Sepp Blatter, ansonsten ein kommunikationsfreudiger Mensch, hält sich merklich zurück. Auf seinem Twitter-Account gratuliert er stattdessen Brasilien, Spanien und Russland zum Halbfinal-Einzug bei der Beachfußball-WM. Dabei sind die Recherchen der englischen Tageszeitung „Guardian“ durchaus kommentierungswürdig. Demnach seien allein zwischen dem 4. Juni und dem 8. August insgesamt 44 nepalesische Gastarbeiter auf den WM-Baustellen wegen Herzversagens oder Arbeitsunfällen gestorben. Der Internationale Gewerkschaftsbund ITUC rechnet vor, dass demnach mindestens 4000 Gastarbeiter ihr Leben gelassen haben werden, ehe das erste WM-Spiel angepfiffen wird.

Die vielen Todesfälle gehen vor allem auf die katastrophalen Bedingungen zurück. Zwangsarbeit bei Temperaturen von 50 Grad, die Verweigerung von Trinkwasser und die unhygienischen Bedingungen in den überfüllten Unterkünften seien der Grund. Außerdem hätten die Gastarbeiter, deren Pässe eingezogen worden seien, keinen Lohn erhalten. Mit rund einer halben Million Gastarbeiter aus Nepal, Sri Lanka oder Indien wird für den Bau der Stadien, Hotels oder der Infrastruktur gerechnet.

Bedingungen, die auch laut der Internationalen Spielergewerkschaft FIFPro ein direktes Handeln erfordern. „Wenn die Berichte wahr sind, muss der Fußball reagieren. Es ist unentschuldbar, dass das Leben der Arbeiter geopfert wird, zumal es moderne Gesundheits- und Sicherheitspraktiken in der Baubranche gibt“, sagte FIFPro-Vorstandsmitglied Brendan Schwab. Zugleich forderte er die FIFA auf, mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO Experten nach Katar zu schicken.

Auch Maya Kumari Sharma, die nepalesische Botschafterin in Katar, hatte in einem BBC-Bericht von sklavenähnlichen Zuständen und einem „offenen Gefängnis“ gesprochen. Dafür wurde sie laut Zeitungsberichten wegen „undiplomatischen Verhaltens“ abgezogen. Die WM-Veranstalter gelobten indes Besserung. Es gebe keine Entschuldigung für alle Arbeitnehmer, die in Katar auf diese Weise behandelt würden, hieß es in einer wohl formulierten Mitteilung. Die Gesundheit, die Sicherheit, das Wohlergehen und die Würde eines jeden Arbeiters, der zur Austragung der WM 2022 beitrage, seien von größter Bedeutung. Für den nordirischen Verbandsfunktionär Jim Boyce reicht das nicht. Die FIFA müsse den Informationen sofort nachgehen und auf der Sitzung des Exekutivkomitees Bericht erstatten, forderte Boyce, der FIFA-Vizepräsident ist.

Es sind dabei nicht die ersten Negativschlagzeilen rund um das umstrittene WM-Turnier im Wüstenstaat. Derzeit untersucht die FIFA-Ethikkommission unter Vorsitz von Chefermittler Michael Garcia die Korruptionsvorwürfe rund um die WM-Vergabe an das Land. Streit gibt es auch um den Termin der Veranstaltung. Die WM soll aufgrund der hohen Temperaturen im Sommer nun in die Wintermonate verlegt werden, was insbesondere auf starken Widerstand in England stößt. Auch Australien hat bereits mit millionenschweren Schadenersatzforderungen gedroht.

Dies dürfte wohl noch das geringste Problem der milliardenschweren Scheichs sein. Die Kosten für das Prestigeprojekt sollen sich auf schätzungsweise 73 Milliarden Euro belaufen. Den weitaus höheren Preis zahlen jedoch die Gastarbeiter.

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