Sieben Titel und ein 4:0 in Barcelona

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06. Mai 2013, 08:05 Uhr

Wenn der Lübecker Holger Willmer heute auf seine Karriere als Fußball-Profi zurück blickt, dann klingt er fast selber ein wenig erstaunt: "Ich habe vier deutsche Meisterschaften und drei DFB-Pokale gewonnen, dabei als erster deutscher Spieler zwei Mal das inzwischen so berühmte Double." Die Frage, ob er damit der nach Titeln erfolgreichste schleswig-holsteinische Fußballer ist, beantwortet der sympathisch bescheidene Willmer vorsichtig: "Ich glaube schon…"

Die Jugend hat der heute 54-Jährige in Lübeck verbracht, anfangs bei Rot- Weiß Moisling, dann beim VfB. War er zuerst in allen Jahrgängen auf der Position des zentralen Spielmachers zu Hause, so rückte er nach einiger Zeit im Sturm auf die Außenposition.

Keine Geringeren als Hennes Weisweiler und Karl- Heinz Thielen, Trainer und Manager des Bundesligisten1. FC Köln waren es, die den flinken Linksfuß 1977 bei der A-Jugend-Nationalmannschaft - 19 Mal trug der Lübecker den Dress der Junioren-Nationalteams des DFB und wurde später auch in die damalige B-Nationalelf berufen - entdeckten und vom Fleck weg verpflichteten. Willmer stand zu der Zeit in den Diensten des VfB Lübeck, der gerade Verbandsliga-Meister geworden war und sich den Aufstieg in die drittklassige Oberliga gesichert hatte.

Doch der 18-Jährige, der schon als A-Jugend-Spieler regelmäßig in der Liga-Mannschaft des VfB zum Einsatz gekommen war, zögerte nicht lange und zog zwar mit Sack und mit Pack, aber ansonsten alleine nach Köln. Willmer: "Ich zog in eine vom FC organisierte Wohnung mit Familienanschluss zusammen mit Gerry Ehrmann, dem ehemaligen Keeper und heutigen Torwarttrainer des 1. FC Kaiserslautern." Während im oberen Geschoss die Gasteltern, Familie Hammermann, wohnten und sich um Essen und Wäsche kümmerten, logierten im Erdgeschoss die Jungprofis. "Wir hatten jeder unser Zimmer und sind sehr gut klargekommen. Im Jahr darauf zog sogar noch der blutjunge Bernd Schuster zu uns." Zwar verloren die "Geißböcke" das erste Spiel der Saison bei Fortuna Düsseldorf mit 1:5. Weil sich aber "Hennes" Löhr beim Aufwärmen verletzt hatte, durfte Willmer schon am ersten Spieltag ran - und der Lübecker traf bereits in der zweiten Minute. "Es war nach genau 70 Sekunden", erinnert sich Willmer. Er hatte sich auf der linken Seite durchgesetzt, zwei Düsseldorfer ausgespielt und Fortunen-Schlussmann Wilfried Woyke keine Chance gelassen. Anderthalb Stunden später hatte der FC jedoch 1:5 in Düsseldorf verloren und Willmer war nach 72 Minuten "völlig platt" ausgewechselt worden. Er reifte schnell zum Stammspieler und gewann mit dem 1. FC Köln gleich im ersten Jahr das Double. Fünf Jahre später folgte noch ein Pokalsieg, im Endspiel gegen den Kölner Lokalrivalen Fortuna. Ingesamt brachte es Holger Willmer in seiner sieben Jahre währenden Kölner Zeit auf 165 Bundesliga-, 11 DFB-Pokal- und 19 Europapokal-Einsätze. Besonders gut hat der 48-Jährige die zahlreichen internationalen Spiele in Erinnerung. 1980 zum Beispiel siegte er mit Köln im Uefa-Cup 4:0 beim favorisierten, wenn auch damals nicht ganz so prominent besetzten, FC Barcelona. "Da flogen hinterher die Sitze, wir mussten nach Spielschluss noch zwei, drei Stunden in der Kabine bleiben", erzählt Willmer, der damals "ein Nachtmensch" war, und gerne spät spielte. Im FC-Dress war auf europäischem Parkett zudem die Halbfinal-Teilnahme 1981 im Uefa-Cup (Aus gegen Ipswich Town) ein Höhepunkt.

Und dann rief 1984 der große FC Bayern! Ein Traum begann: In den ersten drei Jahren unter Trainer Udo Lattek wurde die Mannschaft mit Willmer jeweils Deutscher Meister und gewann 1985 sogar das Double. 13 Einsätze im Europapokal kamen noch hinzu, zum Abschluss das Finale im Landesmeister-Wettbewerb gegen den FC Porto (1:2), in dem Willmer allerdings nicht mehr zum Einsatz kam. Grund dafür waren auch Verletzungen. In seinen drei Bayern-Jahren musste er drei Operationen über sich ergehen lassen und dafür sogar einen längeren Aufenthalt bei der damaligen "Leisten-Koryphäe" Dr. Martens in Belgien in Kauf nehmen. Trotz der gesundheitlichen Probleme schwärmt Willmer heute noch in den höchsten Tönen von den Jahren an der Säbener Straße: "Bei den Bayern stimmt einfach alles! Sportlich sowieso und wenn ich heute Nacht um drei Uhr ein Problem hätte und ich würde Uli Hoeneß anrufen, dann wäre er zwei Stunden später vor meiner Tür. Es gibt keinen sozialeren und hilfsbereiteren Club als Bayern München", sagt er, "und immer ohne es an die große Glocke zu hängen."

1987 war der Lübecker knapp 29 Jahre alt und hatte zehn Jahre äußerst erfolgreichen Profi-Fußball hinter sich. Er entschloss sich, noch zwei Jahre heimatnah dranzuhängen. So kickte er anschließend zwei Jahre für Hannover 96 und schoss sein letztes Bundesligator am 20. Mai 1989 ausgerechnet gegen den 1. FC Köln. Der Kreis hatte sich geschlossen. In 267 Einsätzen traf er 21 Mal ins Tor, wobei zu berücksichtigen ist, dass aus dem Stürmer Willmer bereits seit geraumer Zeit der Verteidiger Willmer geworden war. Es war ein Bestreben der Trainer, sich seine körperliche Robustheit zu Nutze zu machen.

In der Heimat ließ er anschließend seine Laufbahn ausklingen. In der Oberliga und Verbandsliga kickte Willmer bis 1996 noch einige Jahre für Eutin 08, seinen Heimatverein VfB Lübeck und den SV Sereetz.

Nach seiner aktiven Zeit widmete sich der dreifache Vater zuvorderst seinen Töchtern Janin, Bianca und Dallina sowie seinen beruflichen Ambitionen. Lange Zeit arbeitete Willmer als selbständiger Unternehmer in der Finanzdienstleistungs- und Immobilienbranche. Heute bevorzugt er eine Festanstellung, nicht ohne allerdings nebenberuflich seinem ehemaligem Job treu zu bleiben. Zwischenzeitlich versuchte er sich beim Schleswig-Holstein-Ligisten FC Dornbreite auch als Trainer. Auch wenn Holger Willmer freimütig zugibt, das nicht alles nach seiner Fußball-Karriere zu seinem Bestem verlaufen ist und er manchen privaten Rückschlag hinnehmen musste - die Lebensfreude und der Schalk sind ihm deswegen nicht vergangen.

Es gibt keinen besseren Beleg hierfür, als seine Geschichte von seiner ersten und für ihn zugleich schönsten Deutschen Meisterschaft: "Wir lagen vor dem letzten Spieltag punktgleich an der Spitze mit Mönchengladbach, das Torverhältnis musste wahrscheinlich entscheiden. Unser Gegner FC St. Pauli hätte uns am Millerntor möglicherweise enorme Schwierigkeiten bereitet. Unser Rivale Gladbach hatte zu Hause die Dortmunder Borussen, für die es um nichts mehr ging. Also orderte unser Manager Karl-Heinz Thielen absurd viele Auswärtstickets und prompt wurde das Spiel ins Volksparkstadion verlegt. Es gelang uns ein 5:0-Sieg, der so im Hexenkessel Millerntor wohl kaum zustande gekommen wäre. Und es war nötig, denn Gladbach schlug Dortmund unter Trainer Otto Rehhagel letztendlich zwar vergeblich, aber doch sensationell mit 12:0."

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