Sepp Herbergers Mann in Malente

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29. April 2013, 08:05 Uhr

"Da haben wir uns ja den richtigen Tag für unser Gespräch ausgesucht", schmunzelt Klaus-Peter Kirchrath zur Begrüßung. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt er und meint die Triumphe von Bayern München und Borussia Dortmund im Halbfinale der Champions League. Wenn einer wie Kirchrath so etwas im Fußball noch nicht erlebt hat, dann will das etwas heißen. Der körperlich und geistig äußerst rüstige 86-Jährige beschäftigte sich sein ganzes Leben lang mit dem Spiel. Seit 1949 darf er sich Fußball-Lehrer nennen, auch wenn damals die Bezeichnung "Herberger-Kursist" üblicher war. Schon als junger Sportstudent legte er im zweiten Lehrgang des legendären Bundestrainers Sepp Herberger an der Kölner Sporthochschule seine Prüfung für die höchste Trainerlizenz ab. Trotz der schönen Erinnerungen - Kirchrath gehört nicht zu denjenigen, die nur von früheren Zeiten schwärmen. "Früher war nicht alles besser. Alle unsere früheren Weltmeister, sie hätten im heutigen Fußball keine Chance mehr. Der ist viel zu schnell geworden, und die Spieler haben trotz des hohen Tempos herausragende technische Fähigkeiten." Allerdings, und das stellt er klar: "Hätten die damaligen Spieler nach heutigen Methoden trainiert, wären viele auch jetzt Spitzenspieler."

Inhalte und Intensität des Trainings von damals und heute seien nicht mehr vergleichbar. "In den 50er Jahren wurde auch in der Oberliga oft nur zwei Mal wöchentlich trainiert", erinnert er sich an eigene Zeiten als Trainer in der damals höchsten Spielklasse bei Altona 93. "Selbst zu Anfangszeiten der Bundesliga war das noch nicht viel anders." Auch die damaligen Grundsätze gelten heute nicht mehr. "Stoppen, schauen, passen - das war einer der Grundsätze in Herbergers Ausbildung. Da wäre der Ball heute längst weg", weiß Kirchrath. Auch die damals üblichen Anweisungen, dass ein Leistungssportler so wenig wie möglich zu trinken habe - heute längst nicht mehr zeitgemäß. Die wissenschaftlichen Weiterentwicklungen, neue Trainingsmethoden hat Kirchrath stets verfolgt und bis 1991 als Dozent an der Kieler Universität auch in Seminaren zum Fußball und seiner Entwicklung weitergegeben.

Für Kirchraths eigene Geschichte war "Seppl" Herberger prägend. "Er war nicht nur zu seiner Zeit der Beste. Auch im Vergleich steht er bei mir noch über allen Bundestrainern", betont Kirchrath. "Er hat ein gutes Auge für die Spieler gehabt und in der Ansprache mit einfachen Worten immer den richtigen Ton getroffen, der beim jeweiligen Spieler ankam." Auf seinen jungen Absolventen Kirchrath hielt der "Chef" große Stücke. "Das war mir als junger Trainer gar nicht so bewusst. Aber Dettmar Cramer hat mir später einmal erzählt, wie lobend Herberger sich über mich äußerte. Das war wie ein Ritterschlag."

Herberger gab ihm früh den Ratschlag, die Karriere als Trainer in den Mittelpunkt zu stellen. "Ein herausragender Spieler war ich nicht", weiß Kirchrath, der als Jugendspieler in Hamburg und in Köln als Student beim Landesligisten TSV Rodenkirchen spielte. Nach der Ausbildung zum Fußball-Lehrer und dem Sportlehrer-Diplom erwarb er die ersten eigenen Meriten als Trainer beim TSV Brunsbüttelkoog. "Das war damals immerhin höchste Amateurklasse." An Probleme, als Mitt-Zwanziger als Trainer akzeptiert zu werden, erinnert er sich nicht. "Die Vereine waren eher froh, einen der von Herberger gut ausgebildeten Trainer zu bekommen", glaubt er. Mit Bergedorf 85 erreichte er anschließend die Oberliga-Aufstiegsrunde, führte den Eidelstedter SV zum Aufstieg in die höchste Amateurliga und wirkte dann ein Jahr erfolgreich bei Altona 93, damals eine Top-Elf mit Größen wie Heinz Spundflasche, Dieter Seeler und Werner Erb. Kirchrath führte den AFC auf Platz vier in der Oberliga und mit Siegen über Saarbrücken, Aachen und Eintracht Frankfurt ins Halbfinale des DFB-Pokals, wo erst im Wiederholungsspiel gegen den Karlsruher SC das Aus kam.

Doch mit 28 Jahren endete schon seine Zeit als Vereinstrainer. Der Posten als Verbandstrainer an der noch recht neuen Sportschule in Malente lockte. Er bewarb sich auf eine entsprechende Annonce. "Das war damals sehr reizvoll", betont er. "Die Verbandstrainer kamen in der Wertigkeit direkt hinter Herberger. Mit Dettmar Cramer im Westen und Jackl Streitle im Süden gehörte ich zu Herbergers wichtigsten Zuarbeitern." Und auch finanziell war das Angebot verlockend. "Von den Vereinen im Norden hätten vielleicht der HSV, Werder Bremen und Hannover 96 ähnlich gut bezahlen können." Dass er den begehrten Posten auch bekam, überraschte ihn - schließlich hatte sich unter anderem auch "Schorsch" Knöpfle, späterer Kölner Meistercoach und damals schon als ehemaliger Braunschweiger und HSV-Trainer eine Größe im Geschäft, beworben. "Da hat Herberger bestimmt seine Finger im Spiel gehabt und mich bei Dr. Waßmund empfohlen", glaubt er an einen Ratschlag des Weltmeister-Trainers an den damaligen SHFV-Vorsitzenden. 15 Jahre blieb Kirchrath in Malente und trainierte auch die norddeutschen Auswahlmannschaften, denen damals noch ein hoher Stellenwert zukam. "Bei den Vereinen war ich nicht sehr beliebt", schmunzelt er. "Es hieß immer, dass der Kirchrath dafür sorgt, dass die Spieler bei den großen Vereinen landen." Dass auch die Kleinen von der guten Ausbildung profitieren, übersah man damals wie heute gern. Und einige Größen brachten die damaligen Verbandsauswahlen ja auch hervor. "Fritz Boyens, Horst Wohlers, Otto Hartz. Ich könnte zwei Mannschaften mit Spielern aufzählen, die sich auf höchster Ebene durchgesetzt haben."

1970 endete die Zeit in Malente. "Es gab ein gutes Angebot aus Barsinghausen", erzählt er. Beim Verband in Niedersachsen übernahm er den Posten als Sportdirektor. "Auf Dauer habe ich mich hinter dem Schreibtisch aber nicht so wohl gefühlt. Außerdem kamen erste Probleme zwischen Sportschule und Hotelbetrieb auf." Nach fünf Jahren wechselte Kirchrath also wieder, diesmal an die Uni. Als Dozent brachte er fortan den Studenten vor allem Fußball und Tennis, seine zweite Leidenschaft, nah. "Viele von denen haben auch Trainerlizenzen gemacht", erzählt er und nennt unter anderem den heutigen Verbandstrainer Dieter Bollow.

Die Ausbildung, das steht auch rückblickend für Kirchrath im Vordergrund, nicht Siege und Titel mit Verbandsauswahlen oder Erfolge als Vereinstrainer. "Ich freue mich, wenn ich sehe, dass ich anderen Menschen etwas mitgeben konnte." Besonders ist das in der Türkei der Fall. Dort gilt Kirchrath als "Vater der türkischen Trainer". 1962 begann die erfolgreiche Auslandstätigkeit, als er auf Herbergers Vermittlung einen türkischen Nationalelf-Lehrgang in Barsinghausen leitete. In den Folgejahren baute er in der Türkei die dort noch unbekannte Trainer-Ausbildung auf. "Beim ersten Lehrgang saßen da alle bekannten Nationalspieler." Die von ihm mit initiierte türkische Trainer-Vereinigung zeichnete ihn - als eine von nur drei Personen - mit dem höchsten Ehrenschild aus. Auch in anderen Ländern erwarb er sich Reputation. In Frankreich, Rumänien, Dänemark, Finnland, Griechenland, Sambia, Peru und den USA war er als Ausbilder tätig. "In Rumänien und Finnland hätte ich Nationaltrainer werden können", erzählt er. "Unter heutigen Bedingungen würde man das sofort machen." Damals jedoch war die Perspektive als Verbandstrainer in Deutschland noch besser. Die erlaubte ihm auch die Abstecher ins Ausland. "Natürlich ist dafür auch viel Urlaub draufgegangen. Aber ich bin dem SHFV auch dankbar, dass er mir das ermöglicht hat."

Den Verbänden ist er ohnehin dankbar. "Die Alten werden dort nicht vergessen", freut er sich. So lud ihn der SHFV selbstverständlich zu allen Feierlichkeiten rund um den Neubau der Malenter Sportschule ein. "Und beim DFB bekomme ich ohne Zögern Karten für Länderspiele, wenn ich mich melde." Auf dem Sportplatz ist er dagegen nur noch selten. Auf der Altonaer Adolf-Jäger-Kampfbahn, zu der er noch immer in Wurfweite wohnt, sieht man ihn noch, "wenn es gegen Bergedorf oder Holstein Kiel geht". Beim HSV vermisst er die Identifikation mit den austauschbaren internationalen Spielern. Und so erfreut er sich an den Erfolgen des deutschen Fußballs. "Ein rein deutsches Finale in Wembley - da ärgern sich nicht nur die Spanier, sondern auch die Engländer", schmunzelt Kirchrath. Und zu Wembley kommen neue Erinnerungen hoch. An Herberger, neben dem er 1966 das WM-Finale verfolgte. Sie sprudeln nur so - die Anekdoten eines reichen, erfüllten Fußball-Lebens.

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