"Schlafender Riese" mit großer Tradition

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24. Januar 2011, 08:05 Uhr

Einst rangen Wormatia Worms und Holstein Kiel Seite an Seite um den Aufstieg in die Bundesliga. Heute kämpft man sowohl an der Förde wie auch in der Nibelungenstadt um seinen Status im höherklassigen Amateurfußball.

Ein Name wie aus dem Märchenbuch, ein Logo wie aus einer schönen Sage und ein Klub, dessen Tradition so reich trägt wie die der KSV Holstein oder des VfB Lübeck: Wormatia Worms ist eine Größe im deutschen Fußball, auch wenn die Gegenwart für die Rheinhessen nicht allzu glorreich ausschaut.

2008 in die neue dreigleisige Regionalliga aufgestiegen, vermieden die Rot-Weißen zweimal in Folge den Abstieg nur, weil Konkurrenzvereine ihre Lizenz verloren.

Wormatia Worms zählte lange Zeit zu den Spitzenvereinen in Rheinhessen. Die Glanzzeit des Klubs begann 1924, als das Team um Nationalspieler Willi Winkler viermal in Folge Hessenmeister wurde. Als 1933 die späteren Nationalspieler Seppl Fath und Jakob Eckert zur Mannschaft stießen, rückte die Wormatias noch eine Stufe höher auf der Erfolgsleiter. Dreimal wurde man Südwestmeister und erreichte die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Nach dem Krieg setzte sich die Erfolgsgeschichte zunächst fort. Zwar gerieten die Rheinhessen ein wenig in den Schatten von Fritz-Walter-Klub 1. FC Kaiserslautern, doch die neue Spielergeneration um B-Nationalspieler Hans Mechnig, seinem Abwehrpartner Horst Löb, Mittelläufer Willi Selbert sowie den Torjägern Karl Blankenberger und Helmut Müller erreichte 1949 immerhin das Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft.

Anschließend fielen die Wormser, bei denen Torhüter-Legende Petar Radenkovic seine Deutschlandkarriere begann, jedoch ins Mittelfeld zurück, und an die Qualifikation zur Bundesliga war 1963 nicht zu denken.

Ziel war fortan die neue Eliteklasse. Doch es sollte nicht sein. 1963/64 führte Wormatia wochenlang die Tabelle der Regionalliga Südwest an - und verpasste als Dritter die Aufstiegsrunde. Im Folgejahr war man als Vizemeister zwar dabei, doch nach einem 1:5 zum Auftakt vor heimischem Publikum gegen Mönchengladbach und einem 0:3 in Reutlingen zerplatzten die Träume vorzeitig. Als Erinnerung blieb nur ein episches Duell mit der KSV Holstein, die am 13. Juni 1965 nach einer guten Stunde mit 2:0 in Führung lag, nach dem Seitenwechsel mit 2:3 in Rückstand geriet und sich am Ende mit 3:4 geschlagen geben musste. Vor Schlusslicht Wormatia Worms beendeten die "Störche" die Aufstiegspiele als Vorletzte.

Für beide Mannschaften war es der letzte Anlauf in Richtung Bundesliga. 1965/66 verdarb eine schlechte Rückrunde den Rheinhessen die erhoffte erneute Aufstiegsrundenqualifikation, und danach ging es in den Abstiegskampf. 1974 für die 2. Bundesliga-Süd qualifiziert, waren die Rot-Weißen dort chancenlos und mussten erstmals in die dritte Liga absteigen.

Es begann eine schleichende Talfahrt, während der Wormatia Worms zwar ein wenig Ruhm einbüsste, dennoch im Südwesten einer der renommiertesten Vereine blieb. Im Erfolgsfalle strömte das Publikum in das Wormatia-Stadion, und viele sprachen von einem "Schlafenden Riesen" Wormatia.

1978/79 schien der Riese zu erwachen. 1977 in die 2. Bundesliga zurückgekehrt, steuerte die Wormatia als Herbstmeister auf Bundesligakurs. Doch im Saisonfinale ging der Mannschaft die Puste aus, und es reichte nur zum undankbaren dritten Platz. Die Zugehörigkeit zur 1981 eingeführte eingleisige 2. Bundesliga ging dann schon im ersten Jahr verloren, und anschließend tauchte Wormatia Worms dauerhaft im Amateurfußball ab.

Hinzu kamen wirtschaftliche Probleme sowie Sorgen um das marode Wormatia-Stadion mit dessen uralter Holztribüne. 1986 erreichte man sportlich die Aufstiegsrunde zur 2. Liga, erhielt jedoch keine Lizenz und musste dem FSV Salmrohr den Vortritt lassen. 1987 fehlte ein Tor auf Eintracht Trier zur Meisterschaft. Als Torhüter Stephan Kuhnert anschließend zu Mainz 05 wechselte, verschwand die Wormatia im Drittligamittelfeld. 1993 in Viertklassigkeit abgestiegen, ging es direkt weiter in Liga 5 und die stolze Wormatia lag vollends am Boden.

Erst 1998 gelang - mit zwischenzeitlich erbauter neuer Tribüne - die Rückkehr ins Amateuroberhaus des Südwesten, der 2008 pünktlich zum 100. Bestehen die Qualifikation zur neuen dreigleisigen Regionalliga folgte. Aus geografischen Gründen zunächst in die Weststaffel eingegliedert, gelang der Klassenerhalt erst nach Lizenzentzug des FSV Oggersheim. Im Folgejahr mussten sogar zwei Lizenzentzüge her (Bonner SC und Rot-Weiss Essen), um der Wormatia den Viertligastatus zu bewahren.

Wormatia Worms ist einer dieser Traditionsvereine, die von einer gehörigen Portion Charme umgeben sind und über ein Umfeld verfügen, das sich redlich Mühe gibt, den Verein unter den führenden Teams zumindest im regionalen Großraum zu halten. Der wirtschaftliche Überlebenskampf im Ballungsgebiet Rheinhessen fordert zwar alle Kräfte, doch die engagierte Fanschar der Rot-Weißen tut ihr Möglichstes, um den Ruf des "Schlafenden Riesen" zu mehren.

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