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Fußball-Europameisterschaft in Frankreich : Reichskriegsflagge, Faust und Eisenstange: Wird die EM 2016 das Fest der Hooligans?

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Gewalt hat sich in den Fußball zurückgeschlichen. Bei der Uefa hegt sich der Groll gegen Russland. Das könnte weitreichende Auswirkungen haben.

Marseille/Paris | Vor allem auf Islamismus zielte die Sicherheitsstrategie vor der Europameisterschaft in Frankreich. Doch statt der im Vorfeld so gefürchteten Gotteskrieger ist es bisher eine rein europäische Gewaltproblematik, die das Turnier auf die Probe stellt. Eine neue Hass-Kultur, wie sie in sozialen Netzwerken vernehmbar ist, hat sich wie Mehltau auf die Fläche abseits des grünen Rasens gelegt. Gewaltorgien von Hooligans mitten auf öffentlichen Plätzen versetzen Anwohner und Fans in Angst und Schrecken. Zum Teil sind es Menschen mit Universitätsabschluss, die vereint mit Menschen aus bildungsfernen Schichten auf Fans, Gehandicapte und am Boden Liegende eintreten. Was sie vereint ist der Hass, der Hass auf beinahe jedweden Gegner.

Befürchtungen weiterer islamistischer Terroranschläge lassen Frankreichs Polizisten seit Monaten am Rande der Belastungsgrenze arbeiten. Nun stellt sich die Gefahrenlage anders dar, ohne dass die ursprünglich Situation anders einzustufen wäre.


Trotz des durch die Sicherheitsbehörden verordneten Ausnahmezustands liefern sich Engländer mit Russen und französischen Ultras sowie Jugendbanden in Marseille drei Tage lang Straßenkämpfe. Ein Engländer wird mit einer Eisenstange am Kopf verletzt, mit Stühlen wird zugeschlagen, am Boden liegende werden weiter getreten. Die französischen Medien reagierten schockiert auf die Fan-Gewalt. „Die Schande“, titelt die Sportzeitung „L'Équipe“ am Sonntag und spricht von „Guerillaszenen“ in der Mittelmeerstadt. „Es gibt niemals eine Entschuldigung für diese gedankenlosen Idioten. Sie bringen Schande über uns alle“, kritisiert der „Mirror“ die Krawalle englischer Fans rund um den Alten Hafen von Marseille. „Es war schockierend. Ich habe solche Szenen in einen Fußballstadion seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen“, sagt Verbandsfunktionär Glenn. Es habe ein „antisoziales Verhalten“ von Fans in der Stadt gegeben. „Leider kam noch ein Niveau an Kriminalität von anderen hinzu, darunter organisierte russische Gangs und Einheimische, die die Szenerie wirklich geändert haben.“

 

Am Samstagabend im Stadion stürmten russische Hooligans dann einen Block von englischen Fans und prügelten auf sie ein. Eine Hooligan-Spezialeinheit der Polizei ist schnell zur Stelle und verhindert Schlimmeres. Während des Spiels hallte ein lauter Knall durch das Stadion, der unweigerlich an die Anschläge vom 13. November 2015 erinnern ließ. Und auch in der Nacht kommt es wieder zu Auseinandersetzungen. Insgesamt wurden bei den Ausschreitungen 35 Personen verletzt. Nachdem zunächst den englischen Fans die Schuld gegeben wurde, hält die französische Staatsanwaltschaft nunmehr eine Gruppe von 150 russischen Hooligans für verantwortlich. Zwei von ihnen wurden des Landes verwiesen.

Mehr als verstörend wirkten da die Kommentare vom russischen Parlamentsvize Igor Lebedew. „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“, schrieb der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“.

 

England und Russland haben beide ein Hooligan-Problem, Europa und Frankreich haben auch ein Hooligan-Problem. Und ein Fingerzeig ist zwecklos, denn auch Deutschland hat eines, nicht nur in Dresden. Dass in Frankreich rund 40 deutsche Hooligans mehrere Ukrainer mit Dosen angegriffen, gerät angesichts anderer Szenen schon fast zur Randnotiz des noch jungen Turniers. Im Internet kursierten Bilder aus Lille von einer Reichskriegsflagge und Männern mit Hitlergruß. Laut dem Portal „Vice Sports“ ist es dem Dortmunder Neonazi Michaeul Brück offenbar gelungen, beim Spiele Deutschland gegen Ukraine das Stadionverbot zu umgehen. Ein Foto zeigen das Mitglied von „Die Rechte" und seinen Kameraden Matthias Deyda mitten im Deutschen Fanblock.

Bei den Ausschreitungen in Marseille wurde ebenfalls ein Deutscher verhaftet. Schon 2015 gab in Deutschland eine auffällige Serie von Gewalt-Eskapaden im und um den Fußball, die vermuten lassen muss, dass Fußballspiele ihren schwer erlangten Status als Familien-Event verlieren könnte oder bereits hat. Die Bundesregierung reagiert mit der Macht der Daten und mit Stadionverboten. 2500 registrierte Hooligans seien den französischen Behörden übermittelt worden, sagte Innenminister Thomas de Maiziere der „Bild am Sonntag“.  Wie ein Sprecher am Sonntag in Trier sagte, wurde vor dem Spiel der Deutschen gegen die Ukraine zunächst eine 18-köpfige Gruppe einschlägig bekannter Gewalttäter aus Dresden an der Ausreise gehindert.  Anschließend wurden drei weitere gestoppt. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei (ZIS) registriert und beobachtet bundesweit Fußball-Gewalttäter in die Kategorien (A) friedlich, B (gewaltbereit) und C (gewaltsuchend).

 

 

Während Youtube-Kanäle die Bilder der internationalen Hooligan-Szene als Highlights auflisten, reagiert die Uefa mit Drohungen. England und Russland winkt der Ausschluss vom Turnier, sollte sich die Gewalt nicht legen. Das klingt simpel, sollte aber jedenfalls kurzfristig gewaltmildernde Wirkung durch Entschlossenheit der Vernünftigen zeigen. Gerade Russland könnte sich so eine Schmach als heftig umstrittener Ausrichter der kommenden Weltmeisterschaft kaum erlauben. Präsident Putin wird handeln müssen, will er das Turnier 2018 nicht noch verlieren. Russland hat gerade erst eine Bewährungsstrafe der Uefa  hinter sich und sich nun gleich eine neue eingehandelt. In Moskau haben sich Fan-Randalen in den letzten Jahren verselbsständigt. Die russischen Hooligans gelten als rassistisch, sie zeigen zuweilen Nazi-Symbole und sind hemmungslos brutal. Rigorose Ausübung der Staatsgewalt seitens der Polizei ist für sie eher ein Ansporn als eine Warnung.

Bei der Uefa ändert sich derzeit die Stimmung gegenüber Russland, was auch auf die Fifa überspringen könnte. Sollten Fans erneut randalieren, muss sich der europäische Verband an seiner Ausschlussdrohung messen lassen. Russlands Funktionäre spielen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans runter. Bei der EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine hatten russische Hooligans Sicherheitskräfte im Stadion angegriffen und den dunkelhäutigen tschechischen Nationalspieler Gebre Selassie mit rassistischen Gesängen beleidigt. Erst kürzlich lief eine Bewährungsstrafe für den Verband ab. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. „Man muss solche Spiele gut organisieren und die Fans (im Stadion) trennen“, sagte er Moskauer Medien zufolge und spricht sich damit für Zäune aus. Die Fifa wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Im Quartier der Nationalmannschaft sind alle Beteiligten um Normalität bemüht. Am Tag nach dem Beschluss des Exekutivkomitees der Europäischen Fußball-Union versammelte Nationaltrainer Leonid Sluzki mit einem kurzen Pfiff in seine Trillerpfeife die 23 Spieler in der Mitte des Rasens. Der 45-Jährige hält eine zweiminütige Ansprache, von der man noch nicht einmal ein Murmeln versteht.

Die Frage nach einem Gespräch mit Neustädter lehnt der russische Presse-Offizier freundlich, aber bestimmt ab. Ob die Ausschreitungen und der mögliche Ausschluss von der EM in der Mannschaft diskutiert werden? „Wir kommentieren das nicht“, heißt es. Ob es vielleicht einen gemeinsamen Aufruf der Spieler an die Vernunft der Fans geben wird? „Ich weiß es nicht. Sorry“, lautet die Auskunft.

<p>Fliegende Fäuste im Stadion: Ein Russe und ein Engländer prügeln sich.</p>

Fliegende Fäuste im Stadion: Ein Russe und ein Engländer prügeln sich.

Foto: dpa

Bei den Engländern gibt man sich größtenteils kleinlaut. „Wir nehmen diesen Brief mit allergrößter Ernsthaftigkeit“, schrieb Martin Glenn, Generalsekretär des englischen Verbands FA, in einer Stellungnahme am Sonntagabend.  Stürmerstar Wayne Rooney richtete sich vor der zweiten EM-Gruppenpartie gegen Wales am Donnerstag in Lens per Video-Ansprache direkt an die englischen Zuschauer. „Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!“, erklärte der 30-Jährige.

Die offizielle Vereinigung englischer Fußballfans (Football Supporters Federation) hat jegliche Verantwortung für die Krawalle von Marseille zurückgewiesen. Sie sieht die englischen Krawallmacher als Opfer und beschuldigt russische Fans und französische Jugendbanden, die Straßenschlachten ausgelöst und provoziert zu haben. Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa hat eine Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium auch 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

In der Nacht zum Sonntag ging es in Nizza weiter mit der Gewalt. Französische Jugendliche provozierten nordirische Fans. Die Ordnungshüter mussten das Handgemenge unterbinden. Sieben Menschen erlitten Verletzungen.  Es warten weitere kritische Begegnungen. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England spielt einen Tag später im benachbarten Lens im brisanten innerbritischen Duell gegen Wales. Auch das deutsche Spiel gegen Polen wurde mit der höchsten Risikostufe versehen.

Mit dpa

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erstellt am 13.Jun.2016 | 17:42 Uhr

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