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Fußball : Reformator Löw kämpft gegen letzten Makel

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In der Nacht nach einem Länderspiel geht es Joachim Löw wie vielen anderen Trainern auch. Der Bundestrainer wälzt sich in seinem Bett, grübelt, geht entscheidende Szenen wieder und wieder gedanklich durch, findet keinen Schlaf.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2013 | 10:49 Uhr

«Es dauert Stunden, bis die Anspannung abfällt, die erste Nacht ist sehr unruhig, unabhängig von Sieg oder Niederlage», berichtete Löw in dem Buch «Die Nationalelf - Momente für die Ewigkeit».

Amtsmüdigkeit fühlt Löw aber nicht. Er ist in seinem achten Jahr als DFB-Chefcoach motivierter denn je. Weil eben jener Moment für die Ewigkeit noch nicht geschafft ist. Trotz vieler großer Augenblicke mit der Fußball-Nationalmannschaft. Mit seinem neuen Vertrag bis 2016 sind die Hoffnung, aber auch der Auftrag verbunden, endlich wieder für einen Titel zu sorgen.

«Erfolgreiches Abschneiden hängt ja nicht immer nur von der Platzierung ab. Sondern wie ist es insgesamt gelaufen, wie hat man gespielt, wie ist das Verhältnis zur Mannschaft», sagte Löw. Doch der 53-Jährige weiß. Misslingt nach einem EM-Endspiel 2008, WM- Halbfinale 2010 und EM-Halbfinale 2012 auch beim vierten Versuch in Brasilien 2014 der letzte Schritt, wird wieder heiß debattiert. Scheitert die Mission in Brasilien gar vollkommen, ist der neue Kontrakt nichts wert.

«Wenn natürlich so eine Situation eintritt, trotz eines Vertrages, dass wir in der Vorrunde ohne Punkt und ohne Sieg ausscheiden, muss man nicht blauäugig sein und denken, dass alles in Ordnung ist und weitergeht. Dann gibt es in jedem Fall eine Veränderung», erklärte Löw. Deswegen braucht er den Vertrag auch nicht, im Gegensatz zu DFB-Chef Wolfgang Niersbach, der aus Erfahrung klug, ein Dauer-Medienthema verhindern will.

Der fehlende Triumph bei einem Großereignis ist Löws verbliebener Makel in einer ungewöhnlichen Trainerkarriere auf allerhöchstem Level. Mit der Unterschrift unter den neuen Kontrakt bekundet DFB-Chef Niersbach sein Vertrauen in Löw, das durch dessen Rundum-Erneuerung des Nationalteams und die Etablierung auf Weltniveau begründet ist. Der grundlegende Wandel zu offensivem Gute-Laune-Fußball war vor neun Jahren so nicht absehbar.

Jürgen Klinsmann war im Sommer 2004 als Heilsbringer auserkoren. Seinen Assistenten Löw holte er aus der Arbeitslosigkeit in Österreich zum Deutschen Fußball-Bund. Bei Austria Wien war dieser kurz zuvor wegen Erfolglosigkeit entlassen worden. Gleiches war ihm auch schon beim Karlsruher SC in der 2. Bundesliga und in der Türkei bei Adanaspor und Fenerbahce Istanbul widerfahren. Mit dem FC Tirol war er vor dessen Insolvenz immerhin österreichischer Meister geworden.

Dabei hatte sich die Trainerkarriere gut angelassen. Mit dem VfB Stuttgart wurde Löw 1997 Pokalsieger, ein Jahr später scheiterte er erst im Finale des Europacups der Pokalsieger am FC Chelsea. Dann wurde Winfried Schäfer sein Nachfolger bei den Schwaben - warum, war nicht so recht ersichtlich. Für Löw begann die Lehrzeit im Ausland.

Schon als Spieler war Löw oft gependelt - zwischen 1. und 2. Bundesliga. Sein großes Glück fand er nur im Unterhaus beim SC Freiburg, dessen Rekordschütze er mit 81 Treffern bis heute ist. Freiburg ist Löws Heimat - auch heute noch. Mit dem DFB kam er nur bei vier Einsätzen als U-21-Nationalspieler in Kontakt.

Als sich Klinsmann nach dem Sommermärchen 2006 wieder Richtung Amerika verabschiedete, machte er es zu einer Bedingung, dass Löw sein Nachfolger wird. Vertrauen schenkte auch die höchste deutsche Fußball-Instanz, Franz Beckenbauer: «Er hat gezeigt, dass er ein sehr guter Trainer ist. Es ist absolut richtig, mit ihm die Arbeit nun in verantwortungsvoller Position fortzusetzen», sagte der Kaiser.

Zweifel schwangen aber mit, ob sich Löw aus dem großen Schatten seines Chefs würde befreien können? Er konnte es. Heute ist es akzeptierte Meinung, dass Löw schon unter dem großen Motivator Klinsmann die taktische Linie prägte. «Es ist der falsche Ansatz zu sagen, wir müssen zurück zu alten deutschen Tugenden, Laufen und Kämpfen. Das würde bedeuten, zu einem Jugendlichen zu sagen, du musst Rechnen können, dann wirst du Mathematik-Professor», geißelte er kurz vor der WM 2006 die konservativen deutsche Fußball-Kräfte.

Es ist Löws Verdienst, dass man im Ausland unter neuen deutschen Tugenden mutigen, frischen Angriffsfußball à la Mesut Özil und Mario Götze versteht. Löw hat diesen Wandel ermöglicht - mit seinem Weitblick für Entwicklungen im Weltfußball, aber auch mit seiner Sturheit, die ihm nicht immer half, aber verhinderte, dass er bei Misserfolgen dem öffentlichen Druck nachgab.

Nie war der Gegenwind größer als nach dem vercoachten Halbfinale bei der EM 2012. Löw war bei dem Turnier Ikarus-gleich empor geschwebt - unaufhaltsam Richtung Titel - und durch seine Taktikfehler gegen Italien abgestürzt. «Teile der Kritik halte ich nicht für zielführend und ermüden mich», sagte er wenige Wochen später bei seiner schärfsten Rede im Basta-Stil Gerhard Schröders - dabei ist er doch mit dessen Nachfolgerin Angela Merkel freundschaftlich verbunden.

Staatstragend wirkende Aussagen hat Löw, der in Länderspielpausen oft abtaucht und mitunter sogar für sein nächstes Umfeld schwer erreichbar ist, längst in seinem Repertoire - und eine Fußball-Politik der starken Hand. «Ein Nationaltrainer darf nicht Fähnchen im Winde sein. Ich muss Entscheidungen treffen», lautete seine jüngste Botschaft an alle Kritiker.

Widerstände zu brechen, galt es nicht nur in der Personalpolitik, wie bei der DFB-Berentung von Michael Ballack, Torsten Frings oder Kevin Kuranyi. Auch die eigene Vertragsverlängerung geriet einmal zum PR-Desaster für Löw und noch mehr für den DFB. Der damalige Präsident Theo Zwanziger verkündete kurz vor dem Jahreswechsel 2009 schon Vollzug, als es den noch nicht gab. Löw fühlte sich unter Druck gesetzt. «Von unserer Seite wurde ein verhandelbarer Vorschlag vorgelegt, uns dagegen wurde ein nicht-verhandelbares Angebot zugestellt, über das ich innerhalb von 48 Stunden entscheiden sollte», monierte Löw, der nichts mehr braucht als Selbstbestimmung.

Erst nach der WM 2010 waren die Wogen geglättet, der Vertrag nach der famosen Südafrika-WM unter Dach und Fach. «Ich habe einen Teil der Mannschaft per SMS informiert, weil alle ja im Moment an verschiedenen Orten dieser Welt im Urlaub sind. Ich weiß nicht, ob ich wegen der Zeitverschiebung einige geweckt habe im Schlaf. Einige haben mir danach mitgeteilt: `Herzlichen Glückwunsch`», sagte Löw. An Gratulationen dürfte es Löw auch diesmal kaum mangeln, eher wieder an Schlaf - spätestens in der Nacht nach seinem 100. Länderspiel als Bundestrainer am 15. November gegen den großen Rivalen Italien.

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