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Fußball-Weltverband Fifa : Nach Sperrung: Joseph Blatter kündigt Einspruch an

vom
Aus der Onlineredaktion

Joseph Blatter und Michel Platini wurden für acht Jahre gesperrt. Blatter will jetzt Einspruch erheben.

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2015 | 11:58 Uhr

Zürich | Die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes hat den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter und den Chef der Europäischen Fußball-Union Michel Platini für acht Jahre gesperrt. Damit ahndete das Gremium unter dem Vorsitz des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert die Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken von Blatter an Platini aus dem Jahr 2011.

Ein Blick auf die Präsidenten des Weltverbandes offenbart das ganze Dilemma im Weltfußball: Juan Angel Napout und Alfredo Hawit Banegas, die Präsidenten der Verbände aus Südamerika und Nord- und Zentralamerika, wurden wegen möglicher Korruption festgenommen. Auch gegen Afrika-Chef Issa Hayatou, Fifa-Interimspräsident, sind Korruptionsvorwürfe bekannt. Unterdessen musste sich Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa, der Boss der asiatischen Konföderation und Fifa-Präsidentschaftskandidat, zuletzt mit Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen in Bahrain auseinandersetzen.

Es habe keine rechtliche Grundlage für die Zahlung gegeben, begründete die Ethikkommission das Urteil. Zwar wurde der Vorwurf der Bestechung und Korruption fallengelassen, dafür beanstandete die Kommission bei beiden Spitzenfunktionären einen Interessenskonflikt sowie die Annahme und Gewährung von Geschenken und sonstigen Vorteilen (Artikel 20). Außerdem hätten sowohl Blatter als auch Platini ihre Treuepflicht gegenüber der Fifa verletzt und gegen allgemeine Verhaltensregeln verstoßen. Dazu muss Blatter eine Geldstrafe von 50.000 Schweizer Franken zahlen, Platini wurde mit 80.000 Schweizer Franken belegt.

Blatter will nun gegen seine Sperre vorgehen. Der Schweizer kündigte am Montag einen Einspruch beim Berufungskomitee des Weltverbands Fifa und beim Internationalen Sportgerichtshof CAS an. „Ich werde kämpfen, für mich, für die Fifa“, sagte Blatter. Auch ein Einspruch bei zivilen Schweizer Gerichten sei möglich, erklärte Blatter nach Beratung mit seinen Anwälten.

Dieser Deal sei nach Schweizer Recht völlig sauber gewesen, beteuerte Blatter. Auch ein Einspruch bei zivilen Schweizer Gerichten sei nun möglich, erklärte er nach Beratung mit seinen Anwälten. Das Urteil der Fifa-Ethikhüter sei „eine Schande“, sagte Blatter. Der 79-Jährige betonte, er gehe weiter fest davon aus, am 26. Februar den außerordentlichen Kongress zur Wahl seines Nachfolgers zu leiten.

Auch Platini, der für das Amt des Fifa-Präsidenten kandidieren will, werde dann dabei sein. Die Ethikkommission habe nicht das Recht, den gewählten Fifa-Chef aus dem Fußball zu verbannen, erklärte Blatter.„Zu sagen, dies wäre ein guter Tag für die Fifa, ein guter Tag für den Fußball, wäre völlig falsch“, sagte Blatter.

Die ermittelnde Kammer hatte für Blatter und Platini sogar eine lebenslange Sperre gefordert. Aber auch mit diesem Strafmaß dürfte die fußballpolitische Karriere der Beiden vorbei sein, so denn das Urteil auch bei einem möglichen Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof oder das Schweizer Bundesgericht weiter Bestand hat.

Blatter hatte ohnehin seinen Rücktritt angekündigt. Platini galt lange Zeit als Favorit auf die Nachfolge. Dies dürfte nun hinfällig sein, zumal er auch noch den notwendigen Integritätscheck bestehen muss. Fraglich ist auch, ob er überhaupt noch genügend Stimmen auf sich vereinigen könnte. Der englische Verband hatte bereits angekündigt, Platini nicht zu unterstützen.

Die UEFA hat bereits Generalsekretär Gianni Infantino als Ersatzkandidaten aufgestellt. Auch der europäische Kontinentalverband muss sich nun einen neuen Chef suchen.

Hintergrund der Verurteilung war die dubiose Zwei-Millionen-Zahlung aus dem Jahr 2011. Nach Darstellung der beiden Spitzenfunktionäre habe es sich um eine verspätete Honorarzahlung für Platinis Dienste aus den Jahren 1998 bis 2002 gehandelt. Dieser Argumentation wurde aber nicht gefolgt. Gegen Blatter hat auch die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren unter anderem wegen des Verdachts der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ eingeleitet. Platini wird in diesem Fall als Auskunftsperson geführt.

Die Stellungnahme des Richters im Wortlaut:

Auf ihrer Internetseite veröffentlichte die Fifa die Stellungnahme der rechtsprechenden Kammer unter dem Vorsitz des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert in deutscher Übersetzung:

„Die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission unter dem Vorsitz von Hans-Joachim Eckert hat Joseph S. Blatter, Fifa-Präsident, und Michel Platini, Vizepräsident und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees sowie UEFA-Präsident, jeweils für acht Jahre für sämtliche nationalen und internationalen Fußballtätigkeiten (administrativ, sportlich und anderweitig) gesperrt. Die Sperren treten mit sofortiger Wirkung in Kraft.

Das Verfahren gegen Joseph S. Blatter betraf in erster Linie eine Zahlung der Fifa von CHF 2 Millionen im Februar 2011 an Michel Platini. In seiner Eigenschaft als Fifa-Präsident bewilligte Joseph S. Blatter die Zahlung an Michel Platini, die einer rechtlichen Grundlage im zwischen den beiden Offiziellen am 25. August 1999 schriftlich abgeschlossenen Vertrag entbehrte. Weder in seiner schriftlichen Eingabe noch in seiner persönlichen Anhörung konnte Joseph S. Blatter eine andere rechtliche Grundlage für diese Zahlung nachweisen. Seine Behauptung einer mündlichen Absprache wurde als nicht überzeugend erachtet und von der Kammer abgewiesen.

Die Beweise, die der rechtsprechenden Kammer im vorliegenden Fall vorlagen, reichten nicht im geforderten Ausmaß für den Nachweis, dass Joseph S. Blatter mit der Zahlung die Ausübung oder Unterlassung einer offiziellen Handlung von Michel Platini im Sinne von Art. 21 Abs. 1 des Fifa-Ethikreglements (Bestechung und Korruption) bezweckte.

Die Handlung von Joseph S. Blatter gegenüber Michel Platini ohne rechtliche Grundlage ist aber ein Verstoß gegen Art. 20 Abs. 1 des Fifa-Ethikreglements (Annahme und Gewährung von Geschenken und sonstigen Vorteilen). Joseph S. Blatter befand sich zudem in einem Interessenkonflikt. Dennoch übte er seine davon betroffenen Aufgaben weiterhin aus und versäumte es, diesen Interessenkonflikt und seine persönlichen Interessen hinsichtlich seiner künftigen Tätigkeit offenzulegen, womit er gegen Art. 19 Abs. 1, 2 und 3 des FIFA-Ethikreglements (Interessenkonflikte) verstieß.

Indem er die Interessen der Fifa nicht voranstellte und nicht alles unterließ, was den Interessen der Fifa zuwiderlaufen könnte, verletzte Joseph S. Blatter seine Loyalitätspflicht gegenüber der Fifa und damit Art. 15 des FIFA-Ethikreglements (Loyalität).

Joseph S. Blatters Handlungen entbehrten ethischen Verhaltens, verstießen gegen die anwendbaren Gesetze und Bestimmungen sowie das Fifa-Regelwerk, soweit auf ihn anwendbar, und zeugten von einem Missbrauch seiner Stellung als Fifa-Präsident, womit er gegen Art. 13 des Fifa-Ethikreglements (Allgemeine Verhaltensregeln) verstieß.

Er wurde deshalb für acht Jahre für alle Fußballtätigkeiten gesperrt und mit einer Geldstrafe von CHF 50 000 belegt.

Die Untersuchung gegen Joseph S. Blatter wurde von Robert Torres, Mitglied der Untersuchungskammer der Ethikkommission, geleitet. Der Schlussbericht zur Untersuchung wurde am 20. November 2015 an die rechtsprechende Kammer überwiesen. Die rechtsprechende Kammer hatte am 23. November 2015 ein formelles Verfahren eröffnet. Die Anhörung von Joseph S. Blatter fand am 17. Dezember 2015 in Zürich statt.

Das Verfahren gegen Michel Platini betraf in erster Linie eine Zahlung von CHF 2 Millionen, die er im Februar 2011 von der Fifa erhalten hatte. Die Zahlung an Michel Platini hatte keine rechtliche Grundlage im schriftlichen Vertrag, den die beiden Offiziellen am 25.

August 1999 abgeschlossen hatten. Michel Platinis Behauptung einer mündlichen Absprache wurde als nicht überzeugend erachtet und von der Kammer abgewiesen.

Die Beweise, die der rechtsprechenden Kammer im vorliegenden Fall vorlagen, reichten nicht im geforderten Ausmaß für den Nachweis, dass Michel Platini die Zahlung für die Ausübung oder Unterlassung einer offiziellen Handlung im Sinne von Art. 21 Abs. 1 des FIFA-Ethikreglements (Bestechung und Korruption) erhalten hatte.

Das Verhalten von Michel Platini ohne rechtliche Grundlage ist aber ein Verstoß gegen Art. 20 Abs. 1 des Fifa-Ethikreglements (Annahme und Gewährung von Geschenken und sonstigen Vorteilen). Michel Platini befand sich zudem in einem Interessenkonflikt. Dennoch übte er seine davon betroffenen Aufgaben weiterhin aus und versäumte es, diesen Interessenkonflikt und seine persönlichen Interessen hinsichtlich seiner künftigen Tätigkeit offenzulegen, womit er gegen Art. 19 Abs.1, 2 und 3 des Fifa-Ethikreglements (Interessenkonflikte) verstieß.

Indem er die Interessen der Fifa nicht voranstellte und nicht alles unterließ, was den Interessen der Fifa zuwiderlaufen könnte, verletzte Michel Platini seine Loyalitätspflicht gegenüber der Fifa und damit Art. 15 des Fifa-Ethikreglements (Loyalität).

Michel Platini ließ zudem ein absolut glaubwürdiges und integeres Verhalten vermissen und offenbarte damit fehlendes Bewusstsein für seine Pflichten und die damit verbundenen Obliegenheiten und Aufgaben. Sein Handeln entbehrte ethischen Verhaltens, verstieß gegen die anwendbaren Gesetze und Bestimmungen sowie das Fifa-Regelwerk, soweit auf ihn anwendbar, und zeugte von einem Missbrauch seiner Stellung als Fifa-Vizepräsident und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, womit er gegen Art. 13 des Fifa-Ethikreglements (Allgemeine Verhaltensregeln) verstieß.

Michel Platini wurde deshalb für acht Jahre für alle Fußballtätigkeiten gesperrt und mit einer Geldstrafe von CHF 80 000 belegt.

Die Untersuchung gegen Michel Platini wurde von Vanessa Allard, Mitglied der Untersuchungskammer der Ethikkommission, geleitet. Der Schlussbericht zur Untersuchung wurde am 20. November 2015 an die rechtsprechende Kammer überwiesen. Die rechtsprechende Kammer hatte am 23. November 2015 ein formelles Verfahren eröffnet. Die Verhandlung fand am 18. Dezember 2015 in Zürich im Beisein von Michel Platinis Anwälten statt.“

 

Der Fußball-Weltverband Fifa wird seit Langem von einer Korruptionsaffäre erschüttert. Zentrale Figuren sind dabei Fifa-Chef Joseph Blatter und UEFA-Präsident Michel Platini. Ein Überblick über die Geschehnisse seit Mai 2015:

27. Mai

Zwei Tage vor der Wiederwahl von Joseph Blatter als Fifa-Chef nimmt die Schweizer Polizei mehrere Funktionäre fest. Die USA berichten von Ermittlungen gegen ehemalige Spitzenfunktionäre und Geschäftsleute. Die Schweizer Staatsanwaltschaft eröffnet ein Strafverfahren wegen der umstrittenen WM-Vergaben 2018 und 2022.

2. Juni

Blatter kündigt seinen Abschied als Fifa-Präsident an. Sein Nachfolger soll auf einem außerordentlichen Fifa-Kongress am 26. Februar gewählt werden.

29. Juli

Platini erklärt seine Kandidatur für das Amt des Fifa-Präsidenten.

25. September

Die Schweizer Justiz eröffnet ein Strafverfahren gegen Blatter wegen eines fragwürdigen Millionen-Deals mit Platini aus dem Jahr 2011. Blatter wird am Verbandssitz vernommen, sein Büro durchsucht. Platini wird als Auskunftsperson befragt. Laut Blatter und Platini handelte es sich um eine verspätete Honorarzahlung für Platinis Fifa-Arbeit in den Jahren 1998 bis 2002.

7. Oktober

Die Ethikkommission sperrt Blatter und Platini vorläufig für 90 Tage.

18. November

Die Berufungskommission lehnt die Einsprüche von Blatter und Platini gegen ihre 90-Tage-Suspendierungen ab.

20. November

Platini ruft den Internationalen Sportgerichtshof CAS an und verlangt eine vorläufige Aufhebung seiner Suspendierung.

23. November

Fifa-Ethikrichter Hans-Joachim Eckert eröffnet offiziell ein Verfahren gegen Blatter und Platini. Lebenslange Sperren sind im Gespräch.

6. Dezember

Eine französische Zeitung berichtet von einem internen UEFA-Report, der auf einen Vertrag Platinis über Tätigkeiten für die Fifa hindeuten könnte. Sein Anwalt sieht darin einen entlastenden Beweis. Experten bezweifeln die Darstellung.

9. Dezember

Platini sagt vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS aus.

11. Dezember

Der CAS bestätigt die 90-Tage-Sperre für Platini. Die provisorische Suspendierung darf aber nicht verlängert werden.

17. Dezember

Blatter sagt vor der rechtsprechenden Kammer der Fifa-Ethikkommission aus. Später behauptet er, Richter Eckert habe dabei erklärt, den Korruptionsvorwurf fallen lassen zu wollen.

18. Dezember

Platini erscheint wie angekündigt nicht zur Anhörung der Ethikhüter. Er fühlt sich vorverurteilt. Seine Anwälte verlangen einen Freispruch.

21. Dezember

Richter Eckert verkündet Urteil gegen Blatter und Platini. Blatter hat für 11 Uhr zu einer Pressekonferenz nach Zürich eingeladen.

 
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