"Munki", der Kieler Kurvenflitzer

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28. November 2011, 09:05 Uhr

Als sich gegen Ende des Jahres 1945 einige beherzte Leichtathleten zusammenfanden, wurde an einem winterkalten Abend wieder eine Leichtathletik-Abteilung im "Storchennest" ins Leben gerufen. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, in der Zeit der Not, des Hungers und der Resignation wurde das Fundament einer echten Erfolgsstory gelegt. Das entschlossene Anpacken der wenigen verbliebenen Unentwegten und die Aufgeschlossenheit aller Führungskräfte im Verein waren die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neuanfang. Es fanden sich ältere Wettkämpfer, die aus Liebe zur Sache die Nagelschuhe noch einmal angezogen hatten und mithalfen, die Jugend wieder zu gewinnen und zu begeistern. Jeder gab sein Bestes, und das damalige Durchhalten aller Mitstreiter, für die Opfer und Entbehrungen an der Tagesordnung standen, war die Grundlage dafür, dass die KSV in der Zeit von 1946 bis 1966 unangefochtene Nummer eins in Sachen Leichtathletik in Schleswig-Holstein war. Die Erringung von Meistertiteln, jede Menge gute Platzierungen bei der "Deutschen" und eine große Anzahl von Landesmeistertiteln machten Holstein zu einem der stärksten Vereine im ganzen Norden. Die Jahre des Neubeginns waren eng verbunden mit den Namen Christian "Tischi" Martens und Klaus Wilkens, aber auch mit Kieler Sportidolen wie Willi "Munki" Sommer. Der nur 1,60 Meter große Athlet mit ausgeprägter Muskulatur war so etwas wie ein Pionier der Nachkriegs-Leichtathletik in Kiel. Und noch heute, inzwischen 86-jährig, strotzt Willi Sommer nur so vor Gesundheit und Kraft, auch wenn er sich seit einigen Jahren aus dem aktiven Sport zurückgezogen hat. "Munki", wie ihn Holsteins Leichtathletik-"Chef" Christian Martens in den 40er Jahren "taufte", erfreut sich eines bewegten Ruhestandes. Und so viel Zeit wie nur möglich verbringt der Vater zweier Töchter zusammen mit seiner Frau Maria in den Sommermonaten in seinem Ferienhaus am Meer. Aber auch der wöchentliche Besuch beim Treffen der Fußball-Altliga in der Holstein-Halle gehört zum Leben des ehemaligen Deutschen Vizemeisters im 400-Meter-Lauf dazu. Wir sprachen mit Willi Sommer über die bewegte und bewegende Zeit, als die Leichtathletik im nördlichsten Bundesland und vor allem in Kiel einen sehr großen Stellenwert besaß.

Herr Sommer, Kurvenflitzen und Saltos waren Ihre Spezialität und machten Sie zu einem Idol der Kieler Leichtathletik-Szene, erzählen Sie doch mal…

Ich komme ursprünglich aus dem Dorf Hasenkrug bei Bad Bramstedt und nachdem ich mit zehn Jahren an einem 1500-m-Lauf gegen 30 andere 18-jährige Läufer teilgenommen, barfuß den dritten Platz belegt und im Ziel einen Salto hinlegte hatte, da hatte ich meinen Ruf weg. Das Saltospringen haben mir damals übrigens Zígeuner in meinem Heimatdorf beigebracht. Das kam überall ziemlich gut an. Auf jeden Fall wurde ich bei meiner Rückkehr ins Dorf auf Schultern getragen, nicht nur für einen Zehnjährigen ein tolles Erlebnis. Den Namen Kurvenflitzer habe ich allerdings erst später bei Holstein Kiel von Tischi Martens bekommen, ich habe in Kurven immer mächtig Dampf gemacht, dafür war ich bekannt.

Wie sind Sie denn nach Kiel gekommen?

Ich habe 1941 als Lehrling der Feinmechanik bei ELAC angefangen, meine Gesellenprüfung bestanden und bin dann im Herbst 1943 eingezogen worden. Stationiert war ich in Halle/Saale und geriet dann 1945 in amerikanische Gefangenschaft bei Lüttich. Nach dem Krieg bin ich dann 1946 zurück zu ELAC, weiter zu Hagenuk und letztlich bin ich dann bei der Telekom gelandet.

Entdeckt wurden Sie 1942 bei einem Sportfest in Kiel-Wik?

Das stimmt, Tischi Martens hat mich damals angesprochen und vom Postsportverein zu Holstein geholt. Anfangs fehlten mir noch die großen Erfolge, aber nachdem ich ordentlich an Muskeln zugelegt hatte, war ich nicht mehr zu halten. Vier Wochen nach dem Ende meiner Kriegsgefangenschaft war ich dann wieder bei Holstein Mitglied - und habe gleich beim ersten Sportfest eine Bestzeit im 400-m-Lauf hingelegt. Bei den Norddeutschen Meisterschaften hat sich unsere 4x400-m-Staffel damals tolle Duelle mit dem HSV geliefert. Und die Zuschauer strömten in Scharen zu den Wettbewerben. Einmal waren sogar fast 5000 Sportbegeisterte im Holstein-Stadion, um uns laufen zu sehen. Das waren tolle Erlebnisse. Und wenn es mal schwer geregnet hatte, dann wurde kurzerhand zur Spitzhacke und Schaufel gegriffen und ein Abflussgraben zum Fögeplatz gebuddelt. Und dann konnte es losgehen…

Ihren größten Erfolg feierten Sie 1948 bei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg…

Wir hatten eine 30-stündige Anfahrt mit dem Bus zur Meisterschaft, heutzutage fast unglaublich. Mit einem tollen Schlussspurt von mir hat unsere 4x400-m-Staffel die Deutsche Vizemeisterschaft geholt, ganz vorne landete Rot-Weiß Oberhausen.

Auf der Rückfahrt gab es einen denkwürdigen Lauf auf der Autobahn…

Ja, das war schon ungewöhnlich. Bei Bad Kissingen mussten wir eine Pause einlegen, weil der Motor unseres Reisebusses überhitzt war. Da kamen zwei US-Amerikaner und forderten mich zum 200-m-Lauf heraus. Wir sind dann auf der Autobahn um eine Flasche Sekt gelaufen. Ich habe deutlich gewonnen, die Amerikaner sind beleidigt in ihrem LKW verschwunden und den Sekt habe ich auch nicht bekommen (lacht!). Solche Fahrten zu Meisterschaften waren immer toll. Wir haben an spannenden Orten laufen dürfen wie zum Beispiel im Nürnberger Frankenstadion, in Köln Müngersdorf oder in der Frankfurter Festhalle. Auch Showkämpfe in der Kieler Ostseehalle waren beliebt. Da fällt mir noch eine Anekdote ein. 1947 auf dem Weg nach Köln wurde ich unterwegs bei Osnabrück ausgewählt, um in einem Garten über den Zaun zu klettern und Äpfel zu klauen für die Mannschaft. Schließlich wäre ich der Kleinste und der beste Kletterer, meinten meine Teamkollegen.

Welches war Ihr größter Erfolg neben dem Gewinn der Deutschen Staffel-Vizemeisterschaft?

Unvergessen war ein Lauf am Rothenbaum 1947. Fünf Tage nach der Deutschen Meisterschaft habe ich den amtierenden 400-m-Titelträger Hans Hicke deutlich geschlagen. Ein großes Erlebnis war aber auch ein Sportfest im Gefangenenlager bei Lüttich. Am 30. September 1945 habe ich hinter Stacheldraht den 800-m-Lauf gewonnen, die Urkunde habe ich heute noch.

Wie war das Vereinsleben bei Holstein Kiel in den Jahrzehnten nach dem Krieg, hatten Sie auch Kontakt zu anderen Sportarten?

Wir waren rund 400 Leichtathleten im Verein und hatten sehr gute Verbindungen zu den Boxern, Handballern und später auch Radfahrern. Besonders gut kamen wir mit den Fußballern zurecht, denn wir haben sehr häufig zeitgleich trainiert. Im Sommer habe ich mehreren Ligaspielern das Sprinten beigebracht, so etwas wie Spezialtraining gab es also auch damals schon. Da fällt mir noch ein, als 1976 der Immo Stelzer zu Holstein kam, da war der zwar auf längere Distanzen schnell, aber sein Antritt war katastrophal. Ich habe immer nur den Kopf geschüttelt. Er war ein toller Stürmer und später ein guter Verteidiger, aber wenn ich ihn trainiert hätte, dann wäre aus ihm bestimmt ein Bundesliga-Spieler geworden. Und solche Kandidaten gab es damals so einige: Talent und Körper stark, aber an der Technik haperte es doch sehr. Einmal hatten wir einen Kugelstoßer, Wolfgang Bartel, der brauchte für die 100 Meter 15 Sekunden. Dann wurde er von uns richtig schnell und fit gemacht - und später ist er Europameister geworden. Schade, dass die Leichtathletik nach sehr erfolgreichen Jahrzehnten bei Holstein von der Bühne verschwand. Es waren unvergessliche Zeiten auf dem Holsteinplatz.

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