Möller macht Holstein zum Meister

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06. Februar 2012, 08:05 Uhr

Zum zweiten Mal in der noch jungen Vereinsgeschichte steht Holstein Kiel im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Der 26. Mai 1912 wird dabei zum bis heute größten Tag in der ruhmreichen Holstein-Historie.

Wie schon zwei Jahre zuvor ist erneut der Karlsruher FV, gerade zum siebten Mal Süddeutscher Meister geworden, Gegner der Kieler. Der KFV, inzwischen ohne Trainer Townley, hat den leichteren Weg ins Finale gehabt. Während Holstein auf Messers Schneide stehende Partien gegen Preussen (2:1) und Viktoria Berlin (2:1 n.V.) überstehen musste, hatte der KFV mit dem Kölner BC (8:1) und der SpVgg Leipzig (3:1) nur wenig Mühe.

Nach der knappen Kieler Endspielniederlage 1910 (0:1 n.V.) gab es in der folgenden Saison zwei Freundschaftsspiele zwischen beiden Clubs - in Kiel siegte Holstein mit 6:3, in Karlsruhe der KFV mit 4:2. Die Kieler Neuesten Nachrichten schätzen die Lage so ein: "Wer diesmal siegreich sein wird, ist noch eine ganz offene Frage, wenn man auch außerhalb Norddeutschlands dem süddeutschen Meister bessere Aussichten gibt. Besser ist Karlsruhe vielleicht in der Zusammenarbeit des Sturmes." Mit Fritz Förderer, Gottfried Fuchs und Julius Hirsch besitzt der KFV das zu jener Zeit wohl beste Innentrio Deutschlands - alle drei gehören auch zu den besten Nationalstürmern vor dem Ersten Weltkrieg. Doch klarer Favorit sind die Badener im Gegensatz zu 1910 nicht mehr. Die "bessere Verteidigung der Kieler" haben die KNN ausgemacht. "Die Kieler sind ihrem Gegner auch in den Außenläufern überlegen. Dazu kommt noch, daß Holstein der Hamburger Platz gut bekannt ist und daß die Sympathien des Hamburger Publikums wohl in erster Linie den Kielern gelten." Die Anreise ist zudem weder strapaziös, noch wie 1910 in Köln von touristischen Aspekten begleitet. Der KFV bereitet sich professionell vor. Schon drei Tage vor dem Spiel sollen die Süddeutschen angekommen sein und auf dem Endspielplatz trainiert haben. Erst um 11.10 Uhr machen sich die Holstein-Spieler am Pfingstsonntag mit der Bahn auf den Weg nach Hamburg.

Wieder einmal ist der Victoria-Platz auf der Hoheluft das Ziel, der zwar erstmals ein deutsches Endspiel sieht, aber regelmäßig für große Spiele in Norddeutschland genutzt wird. Die für damalige Verhältnisse riesige Tribüne (rund 1000 Sitzplätze) macht den Platz so attraktiv, dass der SC Victoria in jenen Jahren gutes Geld mit der Platzvermietung an den NFV und den DFB einnimmt.

"Es war natürlich viel Volks anwesend", heißt es im Bericht der Holstein-Vereinszeitung. "Die Schätzungen schwanken zwischen 8 und 10 Tausend." Bei relativ kühler Witterung stellen sich folgende Mannschaften dem besten deutschen Schiedsrichter, dem erst 28-jährigen Paul Schröder aus München-Gladbach, wie die rheinische Stadt damals noch heißt.

KFV: Franz Burger - Curt Hüber, Ernst Hollstein - Hermann Bosch, Max Breunig, Wilhelm Gros - Fritz Tscherter, Fritz Förderer, Gottfried Fuchs, Julius Hirsch, Hermann Kächele.

Holstein: Adolf Werner - Hans Reese, Heinrich Homeister - Georg Krogmann, Willy Zincke, Hans Dehning - Helmuth Bork, Hugo Fick, David Binder, Willi Fick, Ernst Möller.

Nach gewonnener Seitenwahl mit Wind und Sonne im Rücken bestimmt Holstein die Partie. "Schon zu Beginn sah man, daß Karlsruhe über eine bessere Technik, die Kieler aber über eine viel größere Schnelligkeit verfügten", erkennt der Berichterstatter der KNN. "Mit großer Spannung sah man den unwiderstehlichen Angriffen des süddeutschen Innensturms entgegen und - wurde enttäuscht", stellt Dr. Gerhard Wagner in Holsteins Vereinszeitung fest. Dagegen erarbeiten sich die Kieler bis zur Pause ein 5:1-Eckenplus und auch Chancen. "Drei sichere Gelegenheiten, um Tore zu erzielen, wurden ausgelassen", berichten die KNN. "Oft aber rettete der Torwächter Burger in prachtvoller Weise. Sein Gegenüber Werner bekam erst nach einer halben Stunde Spielens den ersten Ball zu halten."

Nach der Pause übernimmt der KFV kurzzeitig das Kommando. "Aus weiter Entfernung versuchten Breunig und Förderer durch überraschende Schüsse, die oft nur knapp das Ziel verfehlten oder von Werner eben noch abgelenkt wurden, Erfolge zu erzielen", so die KNN. Doch Holstein findet schnell zurück ins Spiel. "Während KFV nur Durchbrüche zeigt, kommt Holstein durch rasches Flügelspiel immer wieder in gefährliche Nähe des Karlsruher Tores", berichtet der Fußball. Als Hugo Fick in den Strafraum eindringt und von Hüber zu Fall gebracht wird, ist der wichtigste Moment gekommen. "Unter dem Beifall des Publikums deponierte Schröder den Ball auf der verhängnisvollen 11m-Marke", heißt es in der Vereinszeitung. "Schweigend nehmen unsere Gegner die Entscheidung entgegen. Ein kurzer Kriegsrat, wer die verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen soll. Ernst Möller hat Mut - und schon sitzt der Ball unhaltbar in der linken Torecke. Das Publikum kargt mit Beifall nicht."

Knapp 55 Minuten sind da gespielt. Der KFV baut etwas mehr Druck auf. "Aber nur einmal muss Werner einen gefährlichen Ball abwehren", berichtet Wagner. Willi Fick und Bork lassen anschließend gute Chancen für Holstein aus. Am Ende tauscht der erschöpfte Reese den Posten mit Linksaußen Möller. Den Karlsruhern hilft das nicht mehr. "Dann verkündete Schröder Schlußpfiff. Holstein - Deutscher Meister!", jubelt die Vereinszeitung.

"Dem Spielführer der Holstein-Mannschaft, Zincke, wurde ein mächtiger Lorbeerkranz überreicht und Zincke auf den Schultern begeisterter Zuschauer vom Platze getragen", schildern die KNN. Die Viktoria, der Pokal für den Meister, wird erst eine Woche später, anlässlich der Feier zum 10. Vereinsjubiläum, durch das Kieler DFB-Vorstandsmitglied Georg P. Blaschke übergeben.

"Die meisten hatten die Überzeugung, daß der Karlsruher FV besseres leisten kann", heißt es im Fußball. "Diese Konstatierung soll aber Holsteins Sieg nicht schmälern, denn die Kieler waren soviel besser und gefährlicher, daß auch bei einem hochklassigeren KFV-Spiel der Ausgang ungewiß gewesen wäre." Ein besonderes Lob erhalten hier Reese, Krogmann, Zincke und Hugo Fick. "Werner hatte wenig zu tun, Dehning fiel etwas ab. Homeister gefiel besonders bei einigen hübschen Abwehren. Die übrigen waren gut und vor allem unermüdlich." Auch Wagner lobte in der Vereinszeitung: "Körperlich und moralisch war unsere Mannschaft in denkbar bester Form, spieltechnisch stand sie auf dem höchsten Niveau des kontinentalen Fußballsports."

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