Mit Teenagern in die deutsche Spitze

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16. Januar 2012, 09:05 Uhr

1912 feiert Holstein Kiel die Deutsche Meisterschaft. Nachdem wir in der vergangenen Woche bereits auf die allgemeine Lage in Reich, Land und Stadt vor 100 Jahren zurückblickten, schauen wir uns heute einmal die sportliche Entwicklung des Vereins an. Wie war der junge FV Holstein in der Lage, sich binnen kurzer Zeit erst in die norddeutsche und bald darauf in die deutsche Elite empor zu arbeiten?

Blutjung sind die Akteure, die für Holstein in den ersten Jahren nach der Gründung 1902 spielen. Der spätere Meister- und Nationaltorwart "Adsch" Werner steht beispielsweise schon als 16-Jähriger im ersten Spiel der Vereinsgeschichte zwischen den Pfosten. Es ist die Generation dieser Spieler, die Holstein in den folgenden Jahren zur Nummer eins in Kiel und Schleswig-Holstein (1904), in Norddeutschland (1910) und im gesamten Reich (1912) macht. Sie sind nicht nur jung, sie sind auch noch fast allesamt gut miteinander bekannt. Die Werners, die Möllers, die Krogmanns, die Kellners, die Ficks - es sind die fußballbegeisterten Söhne einer Handvoll Kieler Familien, aus denen viele der Protagonisten der Anfangsjahre stammen. Als Holstein 1906 zum ersten Mal das Halbfinale um die Norddeutsche Meisterschaft erreicht, ist keiner der elf Spieler volljährig. Drei Spieler aus der Meisterelf von 1912 stehen da bereits auf dem Feld, darunter der erst kurz zuvor 16 Jahre alt gewordene Willi Fick als jüngster.

Für die Jugendförderung ist vor allem der erfolgreiche Vereinsvorsitzende Karl Möller verantwortlich. Er sorgt dafür, dass der Nachwuchs gut ausgebildet wird. Ein geregelter Juniorenspielbetrieb wie 100 Jahre später ist damals noch längst nicht üblich. Spieler aller Altersklassen kicken gemeinsam. Und das erfolgreich: Die Meisterspieler Heinrich Homeister, Ernst Möller und Hans Reese dienen sich auf diese Weise ebenso hoch wie hoffnungsvolle Nachrücker wie Arthur Intert oder Wilhelm Tim.

Nahezu alle Spieler kommen damals aus gutbürgerlichem Milieu, sind auf der Oberrealschule oder dem Realgymnasium auf dem Weg zum Abitur. Vor dem Ersten Weltkrieg sind es nur sehr wenige Akteure des rasch wachsenden Vereins, die aus proletarischen Verhältnissen stammen. Im Laufe der Jahre gewinnt der Verein durch die nahe Universität, vor allem aber durch die Marine auch den einen oder anderen auswärtigen Akteur hinzu. Aus der Elterngeneration wird der eine oder andere als Förderer zum Vereinsmitglied - doch Spieler wie Funktionäre des FV Holstein bleiben vor dem Ersten Weltkrieg quasi ausnahmslos Teens und Twens. Die Erfolge des Vereins machen überdies offensichtlich neugierig auf den neuen Sport: Von 29 Mitgliedern im Jahr 1903 über 160 zu Beginn des Jahres 1910 steigt die Mitgliederzahl auf 425 zum Zeitpunkt des Titelgewinns.

Seit die erste lokale Dachorganisation der Vereine - der von Georg P. Blaschke, dem Vorsitzenden des Holstein-Rivalen 1. Kieler FV und späteren DFB-Vizepräsidenten, ins Leben gerufene Verband Kieler Ballspielvereine ging im 1905 gegründeten Norddeutschen Fußball-Verband auf - in der Saison 1903/04 erstmals eine Kieler Meisterschaft ausschrieb, heißt der Meister stets Holstein. Ein Zustand übrigens, der bis ins 21. Jahrhundert anhält. Nie gelingt es einem anderen Verein aus dem Kieler Stadtgebiet, Holstein den Rang abzulaufen. Kilia in den 1940er, Friedrichsort in den 1960er und Altenholz in den 1990er Jahren sind nur sehr kurzfristig nah dran, an Holsteins sportlichem Thron zu kratzen. In Schleswig-Holstein verteidigt Holstein die Spitze unangefochten bis 1940, als Polizei Lübeck erstmals vorbeizieht.

In den Anfangsjahren gibt es in der Region keine Konkurrenz. Die Spiele um die Bezirksmeisterschaft werden als mehr oder weniger lästige Pflichtaufgaben gesehen, in denen schon mal in der Aufstellung experimentiert wird. Zwischen 1904 und 1918 wird dennoch kein Punktspiel gegen ein Kieler Team verloren. Ernst genommen werden vielmehr die attraktiven Freundschaftsspiele gegen Hamburgs, Niedersachsens oder Berlins Spitzenclubs sowie gegen die Kopenhagener Elitevereine, mit denen sich Holstein regelmäßig misst.

In der 1905/06 eingeführten Norddeutschen Meisterschaft, die die Meister der verschiedenen Bezirke zusammenführt, ist es zu Anfang aber noch schwer. Die Konkurrenz aus Hamburg (an der dortigen Meisterschaft nehmen auch die Vereine aus dem noch holsteinischen Altona teil) und Niedersachsen sind wichtige Kräftemessen mit gleichwertigen Gegnern schon viel länger gewohnt. Die Zeiten, als aus Hamburg nur Reserveteams zu Freundschaftsspielen nach Kiel entsandt wurden, sind zwar schon kurze Zeit nach Holsteins Vereinsgründung vorbei. Die jungen Kieler werden als aufstrebende Mannschaft wahrgenommen - doch noch haben die Hamburger meist knapp die Oberhand. In der Norddeutschen Meisterschaft sind die Kontrahenten aus Lübeck, Mecklenburg oder dem Rest Schleswig-Holsteins, der seinen eigenen Bezirk bildet, mehr oder weniger leicht schlagbare Gegner. 1906 wird der Rostocker FC 95 klar mit 10:1 in die Schranken gewiesen, ein Jahr später tritt Vorrundengegner Schleswig 06 nicht an, 1908 kämpft sich Schwerin 03 völlig überraschend in die Verlängerung, um Holstein am Ende mit 2:3 zu unterliegen.

Das Halbfinale hat Holstein also bei den ersten drei Norddeutschen Meisterschaften jeweils erreicht. Doch Victoria Hamburg - die Gelb-Blauen haben Altona 93 als Nummer eins im Hamburg-Altonaer Fußball-Bund abgelöst - ist gleich drei Mal Endstation. Die Resultate (2:5, 3:5, 3:4) deuten die Fortschritte der Kieler aber schon leise an.

Spätestens aufmerksam geworden ist man überregional auf den jungen FC Holstein, als im Jahr 1907 der VfB Leipzig, der zwei der drei bis dahin ausgespielten Deutschen Meisterschaften gewonnen hatte, von Holstein mit 2:1 bezwungen wird. "Ein neuer Stern am Fußballhimmel", jubelt das Berliner Fachorgan Rasensport. In diesen Jahren müssen sich auch andere führende Vereine der deutschen Fußball-Metropolen Holstein erstmals beugen. Altona 93 wird mit 3:1, Victoria Hamburg gar 6:1 besiegt, Britannia Berlin mit 1:0 geschlagen. Auch internationale Konkurrenz wie Racing Paris (3:0) und AB Kopenhagen (7:0) wird deutlich in die Schranken gewiesen. Doch auch 1909 ist noch nicht das Jahr der Kieler. In der Norddeutschen Meisterschaft behält nach dem obligatorischen Vorrundensieg (klares 6:0 gegen Mecklenburgs Meister Corso Strelitz) diesmal die Braunschweiger Eintracht im Halbfinale noch knapp mit 2:1 die Oberhand.

Beim DFB hat man die aufstrebenden Kieler jedoch längst registriert. 1908 trägt das Deutsche Reich erstmals ein offizielles Länderspiel aus (3:5-Niederlage gegen die Schweiz in Basel). Der Norden ist zunächst noch im Hintertreffen. Nur zwei Spieler von Victoria Hamburg und der legendäre Adolf Jäger von Altona 93 erhalten zu einem der drei Länderspiele des Premierenjahres Einladungen des DFB-Spielausschusses - einen Reichstrainer gibt es erst 18 Jahre später. Doch als es zu Beginn des Jahres 1909 erstmals ins Mutterland des Fußballs geht, ist neben Jäger und Victorias Hermann Garrn ein weiteres Nordlicht dabei. Holsteins Torhüter "Adsch" Werner wird zu Kiels erstem Internationalen. In Oxford zeigt der Schlussmann dabei trotz starker Seekrankheit auf der nächtlichen Überfahrt seine Klasse. Trotz der 0:9-Rekordschlappe gegen Englands Amateure wird Werner von allen Seiten gelobt. Die Engländer locken mit Profi-Angeboten. Die Auszeichnung des DFB ist Vertrauen: In Zeiten, als Regionalproporz die Aufstellung der Nationalelf bestimmt und nie nur annähernd die gleiche Mannschaft zwei Mal aufläuft, wird Werner zum nächsten Spiel in Ungarn wieder aufgestellt und gilt fortan als bester deutscher Schlussmann vor dem Ersten Weltkrieg.

Eine schwere Verletzung setzt den Schornsteinfeger im Tor jedoch wenig später monatelang außer Gefecht. Den endgültigen Aufschwung seines Vereins in die deutsche Spitzenklasse erlebt Werner somit nur als Zuschauer. Mit diesem Teil des Holstein-Aufstiegs beschäftigt sich dann der nächste Teil unserer Serie.

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