Mit "Ertels Kindergarten" nach oben

Die junge Meisterelf des LBV Phönix im Jahr 1967: Trainer Reinhold Ertel (oben v. li.), Jan-Peter Iden, Heiko Berner, Lothar Hinrichs, Peter Nogly, Jürgen Ohlsen, Rudi Wedtke, Willi Pollert (unten v. li.), Siegfried Blohm, Klaus Alves, Siegfried Beyer, Joachim Ihde.
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Die junge Meisterelf des LBV Phönix im Jahr 1967: Trainer Reinhold Ertel (oben v. li.), Jan-Peter Iden, Heiko Berner, Lothar Hinrichs, Peter Nogly, Jürgen Ohlsen, Rudi Wedtke, Willi Pollert (unten v. li.), Siegfried Blohm, Klaus Alves, Siegfried Beyer, Joachim Ihde.

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08. November 2010, 09:05 Uhr

1965 wurden die Junioren des LBV Phönix durch ein 4:3 über Werder Bremen Nordmeister. Anschließend führten Talente wie Jochen Aido und Peter Nogly die Phönix-Ligaelf bis an die Spitze der Regionalliga Nord.

Als Phönix Lübeck 1959/60 aus der damaligen Oberliga Nord abstieg, stand der Klub vor einem Einschnitt. Die Zuschauerzahlen waren drastisch zurückgegangen, und eine sportliche Perspektive war nicht in Sicht. Klammheimlich hatte sich jedoch im Phönix-Jugendlager ein Team entwickelt, das den Klub bald wieder nach oben bringen sollte. 1965 wurde der Phönix-Nachwuchs mit einem 4:3-Finalsieg über Werder Bremen sogar Junioren-Nordmeister und läutete eine neue glorreiche Epoche in der Historie der Adlerträger ein.

Es war eine Mannschaft, die Lübecks Fußballfans begeisterte. Sie war geprägt von den Ausnahmetalenten Lothar Hinrichs, Florian Esch, Holger Schmidt, Hans-Joachim Ihde, Manfred Schüler und Jochen Aido, die unmittelbar nach ihrem Endspieltriumph in die von Ex-Spielmacher Reinhold Ertel trainierte Phönix-Ligaelf aufrückten und dort gemeinsam mit den alten Phönix-Recken "Siggi" Beyer, Jürgen Ohlsen, Peter Fritsche und "Janni" Iden eine streitbare Einheit bildete.

Quasi über Nacht hatte der Phönix damit ein Team, das in Schleswig-Holsteins höchster Klasse keinen Gegner fürchten musste. Und das attraktiv war für ambitionierte Spieler aus der Region. 1965 kam mit Peter Nogly ein blutjunger Angreifer aus Travemünde an den "Flugplatz", derweil sich ein Jahr später der aus Koblenz stammende Routinier Willy Pollert den Blau-Weiß-Roten anschloss. Derart verstärkt qualifizierte sich die Mannschaft 1965/66 für die Deutsche Amateurmeisterschaft und feierte 1967 endgültig ihren Durchbruch. Nach dem Gewinn der Landesmeisterschaft von Schleswig-Holstein war der Phönix auch in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord nicht zu stoppen. Am 28. Mai 1967 bejubelten rund 7.000 Fans auf dem "Flugplatz" ein 3:1 über den 1. FC Wolfsburg, mit dem die Adlerträger in die zweithöchste Spielklasse zurückkehrten.

Ganz Lübeck schwärmte über "Ertels Kindergarten", der sich mit fulminantem Angriffsfußball in die Herzen der Fans gespielt hatte. Vor allem das Offensivduo Jochen Aido/Peter Nogly war kaum zu bremsen und sollte auch in der Regionalliga Nord brillieren. Verstärkt mit den Kücknitzern Jürgen Stars und Jürgen Fimm sowie Wolfgang Bordel von Werder Bremen lieferte sich der Phönix im Auftaktspiel vor über 14.000 Zuschauer auf dem völlig überfüllten Flugplatz ein episches Duell mit seinem Lokalrivalen VfB, das leistungsgerecht 1:1 endete. Am Saisonende belegte Aufsteiger Phönix Lübeck Platz sechs und konnte sich über einen Besucherschnitt von 4.159 Zahlenden pro Begegnung freuen. Goldene Tage für den Phönix.

Dessen Aufschwung setzte sich 1968/69 fort. Mit Rudi Schnauber und Dieter Laloi war das Team gezielt verstärkt worden und konnte Platz sechs verteidigen. Lübecks Fußballeuphorie freilich war zwischenzeitlich an die Lohmühle weitergezogen, wo der VfB sich anschickte, über die Aufstiegsrunde die Bundesliga zu erreichen. Obwohl die Grün-Weißen dort kläglich scheiterten, nahm das Schicksal für den Phönix seinen Lauf.

Vor der Saison 1969/70 mussten mit Peter Nogly und "Siggi" Beyer zwei Eckpfeiler der Erfolgself an den Hamburger SV verkauft werden. "Wir brauchen die 150.000 DM", begründete Präsident Koch mit Verweis auf die finanziellen Schwierigkeiten. Die Folgen waren fatal. Aus "Ertels Kindergarten" war plötzlich die Luft raus. Statt mit furiosem Angriffsfußball zu begeistern vergraulte die ihrer stärksten Kräfte beraubte Mannschaft mit ödem Sicherheitsfußball die Fans. Nur noch rund 2.000 Neugierige kamen durchschnittlich zu den Heimspielen auf den "Flugplatz", und in der Tabelle rutschte der Phönix auf Platz 13 ab.

Es war der Anfang vom schleichenden Niedergang des Traditionsvereins, zumal im Saisonverlauf Erfolgstrainer Ertel seinen Hut hatte nehmen müssen; "Wir wissen um die großen Verdienste Reinhold Ertels um Phönix Lübeck, doch das Verhältnis ist gestört", hatte Vorsitzender Koch erklärt, ehe er wenig später selbst durch eine vom Gynäkologen Professor Dr. Ohlenroth angeführte neue Führungsriege abgelöst worden war.

Nach der Verselbständigung der LBV-Kicker als 1. FC Phönix setzte die neue Führung in der Saison 1971/72 alles auf eine Karte. Doch trotz der Verpflichtung von bundesligaerfahrenen Akteuren wie den früheren HSVern Girschkowski, Kampf und Rösel kamen die Adlerträger erneut nicht aus dem unteren Tabellendrittel heraus. 1972/73 ließen die Nachwuchskräfte Horst Raun, Gerd-Volker Schock und Norbert Bebensee ein letztes Mal Erinnerungen an "Ertels Kindergarten" aufkommen. Im Herbst 1972 stürmte der Phönix abermals an die Tabellenspitze der Regionalliga Nord, doch von Euphorie war nichts mehr zu spüren. Selbst das Derby gegen den VfB hatte nur noch 4.500 Zuschauer auf den Flugplatz gelockt.

1974 erreichten die Blau-Weiß-Roten nur im Nachsitzen die neugeschaffene Amateur-Oberliga Nord, aus der sie prompt mit Pauken und Trompeten abstiegen. Exakt zehn Jahre nach dem Gewinn der Junioren-Nordmeisterschaft und dem Beginn des Höhenfluges war der Phönix damit erneut abgestürzt.

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