"Mini" auf dem Spielfeld ganz groß

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10. Mai 2010, 09:05 Uhr

Im Sommer 1996 waren im Kieler "Storchennest" andere Straßenkarten gefragt. Erstmalig in der Vereinsgeschichte war der Traditionsverein von der Förde in die Viertklassigkeit abgerutscht. Unter Trainer Jens Martens wurde der Neuaufbau eingeleitet, junge Spieler wurden an den Mühlenweg gelockt. Doch vom Wiederaufstieg sprach nach sechs sieglosen Spielen zum Saisonstart in der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein schon bald niemand mehr. Der Weg mit jungen "Wilden" brauchte seine Zeit. Die Routiniers Eggert Dolling, Frank Wolf und Jens Bochert hatten ihren Leistungszenit längst überschritten. Am Ende der Oberliga-Saison stand ein enttäuschender 6. Tabellenplatz. Der VfL 93 Hamburg, Heider SV, TSV Nord Harrislee, TSV Pansdorf und der TuS Hoisdorf hatten die "Störche" locker abgehängt. Doch es gab auch Lichtblicke bei den Kielern. Im Mittelfeld sorgte ein wuschelköpfiger Wirbelwind für neue Impulse. Vom SC Norderstedt in die Landeshauptstadt gewechselt, entwickelte sich Dirk "Mini" Köhlert nicht nur zum Dauerbrenner, sondern auch zum Denker und Lenker in der Kieler Schaltzentrale. Drei Spielzeiten lang sollte der Hamburger "Wandervogel" eine feste Größe im Spiel - und Erfolgskonzept - der KSV Holstein bleiben. Und bereits im zweiten Jahr gelang unter Trainer Dieter "Otto" Bollow der viel umjubelte Aufstieg in die Regionalliga Nord. Trotz der starken Konkurrenz aus Osnabrück, Lübeck, Braunschweig oder auch Oldenburg konnten sich die Kieler den Klassenerhalt sichern. Danach hieß es für Sympathieträger "Mini" Köhlert Abschied nehmen. Nach 89 Liga-Einsätzen in der 1. Mannschaft der "Störche" kehrte Dirk Köhlert zurück in seine Hamburger Heimat. Heute, elf Jahre nach seinem Abgang aus Kiel, sprachen wir mit dem einstigen "Chef" im Holstein-Mittelfeld.

Hallo Herr Köhlert, zuletzt sah man Sie beim Spiel der "Störche" gegen Eintracht Braunschweig im Holstein-Stadion. Hatten Sie Heimweh nach Ihrer ehemaligen Wirkungsstätte?

Ich wollte schon lange mal wieder reinschauen und mir Drittliga-Fußball anschauen. Durch meine Freundschaft zu Eggert Dolling bin ich ohnehin öfters in Kiel. Der Besuch bei Holstein war also überfällig.

Haben Sie noch bekannte Gesichter getroffen?

Auf jeden Fall. Klaus Kuhn und Martin Balsam waren ja schon früher dabei. Und viele ältere Holsteiner, die damals schon nach den Spielen am Tresen zu finden waren, die stehen noch immer dort. Nach dem Schlusspfiff habe ich länger mit Thorsten Rohwer gesprochen. Mit ihm habe ich ja sogar noch zusammen gespielt. Ich war sehr überrascht, dass er für das Braunschweig-Spiel nominiert worden war. Das hat mich natürlich gefreut.

Juckt es Ihnen auch noch manchmal in den Füßen?

Natürlich, und deshalb spiele ich auch bei den alten Herren von Eintracht Norderstedt in der Leistungsklasse A. Irgendwann wollen wir mal Meister werden, dann dürften wir an der Deutschen Meisterschaft der Alten Herren teilnehmen. Sportlich ehrgeizige Ziele verfolge ich also noch immer…

Wie sieht Ihr Leben beruflich und privat aus?

Es läuft alles wunderbar. Ich habe zwei gesunde Kinder und ein glückliches Familienleben. Darüber hinaus trainiere ich die D-Jugend von Eintracht. Mein Sohn Mats spielt dort. Er wurde übrigens einen Tag vor unserem Regionalliga-Aufstieg mit den "Störchen" 1998 geboren. Wie die Zeit vergeht… Beruflich bin ich nach 15 Jahren im Immobilienbereich kürzlich in die Selbstständigkeit gewechselt. Zusammen mit meinem Schwiegervater arbeite ich als Handelsvertreter für chemisch-technische Spezialprodukte. Das ist etwas völlig Neues, dadurch habe ich aber auch eine ganz andere Zeiteinteilung. Das kommt meiner Trainertätigkeit sehr entgegen. Und wer weiß, vielleicht werde ich mich irgendwann noch einmal intensiver um junge Spieler kümmern. Das macht mir sehr viel Spaß.

Früher galten Sie als Wandervogel. Welche Erinnerungen sind an Ihre Zeit als aktiver Fußballer geblieben?

Ich habe noch eine Fotokiste unter meinem Bett, die schau ich mir manchmal heimlich an. Die Kieler Zeit ist noch am dichtesten dran. Es war eine besonders schöne Zeit mit tollen Erfolgen. Wir haben beim großen Hallenturnier in der Ostseehalle gespielt, im DFB-Pokal Eintracht Frankfurt im Holstein-Stadion begrüßt und 1998 den Aufstieg in die Regionalliga Nord geschafft. Darüber hinaus hatten wir drei Jahre lang einen tollen Teamgeist. Und unter den Trainern Jens Martens und Dieter Bollow hat das Fußballspielen immer sehr viel Spaß gemacht.

In Hamburg haben Sie drei andere bekannte Trainer erleben dürfen…

Beim SC Norderstedt habe ich Michael Lorkowski und Volker Finke kennen gelernt und beim VfL 93 Uwe Erkenbrecher. Alle waren ganz unterschiedlicher Natur. Und einfach war es sicherlich nicht immer. Aber der sportliche Erfolg hat wohl doch allen Recht gegeben. Aber als Michael Lorkowski in Kiel überraschend Dieter Bollow abgelöst hat, da war es für mich an der Zeit zu gehen. Damals wurde zu viel über den Haufen geschmissen, was in den Jahren zuvor mühsam aufgebaut worden war. Außerdem wurde es für mich immer schwieriger, das intensive Berufsleben mit dem Leistungssport zu vereinbaren.

Wie lautet Ihr Geheimrezept, um die "Störche" wieder in die 3. Liga zu hieven?

Man kann so eine Situation ja überhaupt nicht mehr mit damals vergleichen. Viele Vereine haben inzwischen sehr hohe Ansprüche. Es geht immer über einen gesunden Teamgeist. Man sollte keine verrückten Einkäufe tätigen und irgendetwas über das Knie brechen. Ein Aufbau mit Bedacht und dann vielleicht im zweiten Jahr angreifen, so könnte es klappen. Allerdings wird es nur mit jungen Spielern nicht gehen. Da braucht man eben auch gestandene Spieler aus höheren Spielklassen. Sonst ist so ein Kraftakt heute nicht mehr zu schaffen.

Dirk Köhlert (geb. 26. August 1965 in Hamburg) - Stationen als Spieler: SC Sperber (1984-85), SC Norderstedt (1985-91), VfL 93 Hamburg (1991-93), Bergedorf 85 (1993-95), SC Norderstedt (1995-96), Holstein Kiel (1996-99), Concordia Hamburg (1999-2003). Größte Erfolge als Spieler: Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Amateuroberliga Nord 1986 und Aufstieg in die Amateuroberliga Nord 1987 mit dem SC Norderstedt, Aufstieg in die Regionalliga Nord mit dem VfL 93 Hamburg 1992, Regionalliga-Aufstieg 1998 mit Holstein Kiel.

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