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Kolumne zur EM 2016 : Markus Merk: Diese Regeln sind neu bei der EM 2016

vom
Aus der Onlineredaktion

Der ehemalige Schiedsrichter Dr. Markus Merk berichtet über Fussballregeln und beleuchtet für uns während der EM zweifelhafte Entscheidungen der EM-Referees.

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Alle Infos rund um die EM, Spielpläne und Liveticker finden Sie unter diesem Link.

Wer die Leistungen der Schiedsrichter beurteilt, kann sagen, dass 2004 in Portugal bis dato die beste EM war: Anders Frisk, Pierluigi Collina, Urs Meier, Lubos Michel – jeder von uns zwölf Referees damals war eine Riesen-Persönlichkeit. Generell ist die Qualität der Unparteiischen bei einer EM höher als bei einer WM, weil alle über internationale Erfahrung in Europas Top-Wettbewerben verfügen.

Diesmal gibt es aber zwei Besonderheiten. Durch die Aufblähung des Turniers auf 51 Spiele müssen mehr Referees eingesetzt werden: insgesamt 18. Da steigt automatisch die Streuung bei der Leistung. Dazu kommt, dass zwei der zum Turnier neu eingeführten Regeln die Aufgabe der Schiedsrichter keinesfalls einfacher machen.

Diese Regeln lassen ihnen zwar Spielräume, aber fordern von ihnen genau deshalb die Anwendung vergleichbarer Maßstäbe, die aber bis dato noch keiner praktisch angewendet hat. Wer berücksichtigt, dass so eine EM auch Vorbildfunktion hat für die Spiele in allen nationalen Ligen danach, weiß: Das wird eine verantwortungsvolle Aufgabe für die Unparteiischen – und ganz sicher keine Einfache.

Das erste Beispiel ist die Abschaffung der sogenannten Dreifachbestrafung, die überall als Revolution euphorisch gefeiert worden ist. Diese Regel endlich zu verändern, war zwar richtig – und übrigens bereits nach der EM 2004 das einhellige Anliegen aller Trainer und Schiedsrichter bei der gemeinsamen Nachbesprechung des Turniers. Aber Vorsicht: die Neuregelung hat einen Haken.

Denn eine Notbremse im Strafraum soll nach wie vor zwingend mit Elfmeter, Roter Karte und folgender Sperre geahndet werden, wenn der betreffende Spieler keine Chance hatte, den Ball zu spielen und so eine Torchance verhindert. Also auch, wenn er einen Gegner dabei einfach kurz festhält.

Nur, wenn der Spieler im Zweikampf die klare Absicht hatte, den Ball zu spielen, dabei einfach einen kurzen Moment zu spät kommt und daher ein Foul begeht, soll der Schiedsrichter künftig „nur“ Gelb und Elfmeter geben – eine Verwarnung und die Bestrafung dieser Aktion mit der allergrößten denkbaren Torchance soll dann ausreichen.

Ich bin gespannt darauf, wie gut es den Schiedsrichtern gelingt, jene Unterscheidung durch die richtigen Entscheidungen transparent zu vermitteln. Und wie schnell das Ganze das Verständnis der Zuschauer findet. Dass so etwas schwierig ist und lange dauern kann, haben wir in der vergangenen Bundesliga-Saison bei den anhaltenden Debatten um die modifizierte Bestrafung von Handspielen gesehen – wobei die Handspiel-Regel noch einmal eine ganz andere Katastrophe ist.

Eine andere Anweisung, die Schiedsrichtern keinen Spaß macht, ist jene, dass verletzte Spieler, die nur etwa 20 bis 25 Sekunden und nicht länger behandelt werden, das Feld nicht mehr verlassen müssen. Im Prinzip ist das sinnvoll – oft dauert ein Zeitspiel noch länger, wenn Fußballer nach der Behandlung auch noch 30, 40 Meter vom Feld gehen. Umgekehrt hatte man durch den Zwang, dass ein von Betreuern behandelter Spieler zwingend vom Platz muss, das andauernde Simulieren schon wirksam eingedämmt. Ich hoffe, dass man durch die neue Regel nicht in alte Handlungsmuster zurückfällt – und der Schiedsrichter zusätzlich noch Debatten führen muss, ob jetzt 20 Sekunden um waren oder nicht.

Neu ist zudem, dass Schiedsrichter nicht mehr zulassen, dass Fußballer beim Anlauf zum Elfmeter komplett abstoppen. Verlangsamen bleibt aber erlaubt – was Thomas Müller gerne macht, dürfte somit gerade noch durchgehen. Gut finde ich zudem, dass die Regel abgeschafft worden ist, dass beim Anstoß der Ball zwingend nach vorn gespielt werden muss. Dies im Jugendfußball immer wieder zu erklären, hat Schiedsrichtern landauf, landab sicher den einen oder anderen Nerv gekostet – und die Praxis hat ja gezeigt, dass Mannschaften das Problem selbst gelöst haben, indem sie einfach einen zweiten Mann am Ball postiert haben, der diesen dann zurückgespielt hat.

Die meisten der anderen insgesamt 95 Regeländerungen werden die Fans in der Praxis kaum bemerken: Auf das Spiel hat es sicher keinen Einfluss, ob die Eckfahnen bedruckt sind oder nicht. Auch dass ein Spieler bis zur nächsten Unterbrechung noch den Ball spielen darf, wenn er seinen Schuh verloren hat, macht Sinn – dabei passiert ja keinem etwas.

Ich glaube, dass die ersten EM-Partien jetzt noch relativ fair verlaufen werden: Die Erfahrung hat gezeigt, dass Regeländerungen zunächst einmal Respekt bei den Spielern auslösen, weil auch sie damit erst einmal zurechtkommen müssen. Das dürfte aber spätestens ab dem zweiten Gruppenspieltag vorbei sein, wenn es für die ersten Teams ums Überleben im Turnier geht.

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erstellt am 10.Jun.2016 | 18:28 Uhr

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