Comeback in Klagenfurt : Manuel Neuer: Im Auge des Sturms

<p>Wieder fit und zwischen den Pfosten für Deutschland - Manuel Neuer.</p>

Wieder fit und zwischen den Pfosten für Deutschland - Manuel Neuer.

Neuer besteht den Härtetest. Einer WM-Nominierung dürfte nichts mehr im Wege stehen – das sehen auch die Mitspieler so.

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03. Juni 2018, 14:02 Uhr

Klagenfurt | Erst hinterher rang Manuel Neuer im Wörtherseestadion von Klagenfurt um die richtige Orientierung. Sollte er nun den Weg wie Sami Khedira entlang am Stellgitter nehmen, der an wartenden Journalisten und aufgereihten Mikrofonen vorbei führte? Oder besser die Abkürzung wie Antonio Rüdiger, der eine Absperrung verschob, um auf kürzestem Weg zum abfahrbereiten Mannschaftsbus zu kommen? Manuel Neuer, trotz Schirmmütze gut zu erkennen, fand dank einem ortskundigen Helfer noch die dritte Variante: ab durch eine Hintertür neben einer Spiegelwand im verbauten Tiefparterre des Kärntner Schmuckkästchens.

Die Vereinbarung geht schließlich so: Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft redet in der Öffentlichkeit erst am Dienstag. Dann wenn Gewissheit wird, was im Panini-Sammelalbum bereits manifestiert ist, wo nur ein deutschen Torwart in den Tütchen auftaucht. Als Klebebildchen Nummer 434. Skeptiker, die seinen dritten WM-Einsatz aus gesundheitlichen Gründen nach drei Mittelfußbrüchen, aus sportlichen Erwägungen nach 259 Tagen ohne Spielpraxis oder gegenüber dem Selbstwertgefühl eines Marc-André ter Stegen für unverantwortlich halten, erreichen neuerdings noch schlechtere Zustimmungswerte als die SPD.

Selbst wetterfesten Besucher aus der österreichischen Urlaubsregion standen unter dem schützenden Tribünendach die Münder offen, wie standhaft der Vollprofi im 100 Minuten ausgedehnten Vorlauf allen Kapriolen trotzte. Es hatte ja nicht nur angefangen wie aus Kübeln zu gießen, sondern Hagelkörner schepperten aufs Spielfeld. Die meisten Spieler zogen Kapuzenjacke über, hielten sich die Hände über den Kopf oder trauten sich gar nicht aus dem Kabinentunnel, als Neuer ungerührt sein Aufwärmprogramm durchzog. Im Dauerregen Bälle fangen und fausten. Im Gewitter werfen und fliegen.

Insgesamt spulte der 32-Jährige im Auge des Sturms diese Prozedur dreimal für eine Partie ab, die endgültige Zweifel an seiner Einsatzbereitschaft wegwischen sollte. Fazit: Abgesehen von der Feinjustierung mit dem Fuß bei langen Schlägen scheint da einer gerade rechtzeitig reif für die Russland-Reise. Der Weltmeistertorhüter spielte gut mit, parierte zweimal - gegen Florian Grillitsch (32.) und gegen Marko Arnautovic (55.) – in bester Manuel-Neuer-Manier. In typischer Systematik und eigener Gestik, die eine unverrückbare Grundhaltung demonstriert: An mir kommt keiner vorbei.

Ein Habitus, der zu dem gebürtigen Gelsenkirchener inzwischen gehört wie das über die Hose hängende Trikot. Und der sogar die neuen Mitstreiter verblüffte.  „Ich habe das erste Mal mit ihm zusammengespielt. Es wundert mich nicht mehr, dass dieser Mann Jahr für Jahr Welttorhüter wird“, sagte Stürmer Timo Werner voller Ehrfurcht. Bundestrainer Joachim Löw verbeugte sich verbal nicht ganz so tief, als er konstatierte: „Für Manuel war es nach so langer Zeit ein sehr zufriedenstellendes Comeback. Er hatte auch nach dem Spiel mit seinem Fuß keinerlei Probleme. Er hat in eigenen Situationen sehr gut reagiert. Man hat ihm die Pause nicht angemerkt.“

Gerade letztere Feststellung gehört herausgestellt: mangelnde Wettkampferfahrung, so die gängige Meinung, kann dieser spezifisch geforderte Facharbeiter eigentlich nicht kaschieren. Weil sich speziell die im Spiel zu erwartende Komplexität nur schwerlich im Training simulieren lässt. Oder hatte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke vor dem WM-Achtelfinale gegen Algerien 2014 vorher auf dem Trainingsplatz am Campo Bahia Hunderte von Steilpässen auf die Reise geschickt, die der Keeper im Vollsprint gegen heranstürmende Kollegen bis in den João de Tiba grätschte? Eher nicht.

Insofern hätte es mutmaßlich keinen besseren Sparringspartner als diese mutigen Österreicher gegeben, die nun kurz vor Nominierungsschluss von allen Seiten auf ihn zustürmten, dutzendweise Flanken schlugen und aus allen Lagen Schüsse absetzten. Dass die ungedeckten Martin Hinteregger (53.) und Alessandro Schöpf (69.) den Schlussmann vom FC Bayern in dessen 75. Länderspiel  überwanden, dafür konnte der am allerwenigsten. Vorwurfsvoll hob er die Hände. Hinterher klatschte er als einer der wenigen den deutschen Fans Applaus. Später folgte der Abgang ohne Worte.

Dafür redeten ja aber alle anderen über ihn. Etwa Vereinskollege Joshua Kimmich: „Ich sehe nicht, dass ihm was fehlt.“ Oder Führungsspieler Sami Khedira: „Ich habe ihn seit zehn Tage erleben können: Er ist zu 100 Prozent fit. Selbst wenn der eine oder andere Pass nicht so angekommen ist, aber das passiert wahrscheinlich auch mit dem gesunden Fuß. Das kann er alles am besten selber beantworten.“ Was aber Neuer aber erst dann tut, wenn am Montag auf der Meldeliste beim Weltverband Fifa genau wie 2010 und 2014 hinter der Nummer eins beim Team Germany wirklich sein Name steht.

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