Exklusiv auf shz.de : Kolumne von Gerhard Delling: Wie das Virus zu Veränderungen im Fußball führt

TV-Moderator Gerhard Delling.

TV-Moderator Gerhard Delling.

Corona als Revolution – in den Rängen der Spieler tut sich etwas. Sie wollen nicht mehr übergangen werden.

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20. Juni 2020, 17:33 Uhr

Corona ist eine Revolution. Das Virus hat alles verändert – also fast alles. Es hat als Drohkulisse die Ränge in den Stadien leergefegt. Es infizierte die Terminpläne aller großen Profiligen und machte „englische Wochen“ zu einem Rezept. Es verbreitet die Anweisungen von Trainern, weil man plötzlich jedes Wort während eines Spiels hören kann.

Corona drückt die Ablösesummen

Dazu hat das Virus das Kapital der Vereine aufgezehrt und offenbar auch die Preise abgebaut. Hätte Leipzigs Timo Werner vor einem Jahr einen neuen Verein gesucht, dann wäre dabei nach einem Bieterwettstreit zwischen diversen Landesmeistern sehr wahrscheinlich eine dreistellige Ablösesumme herausgekommen. 

Nun wechselt der 24-Jährige für etwa 50 Millionen Euro zum FC Chelsea – einem Club, der 34 Punkte hinter Tabellenführer Liverpool rangiert und um die Königsklasse bangen muss. Gegenüber der Entwicklung der letzten Jahre ein Schnäppchen, für das der Nationalspieler sogar auf die Champions League mit seinen Leipziger Kameraden verzichtet.

Vielleicht befürchtete er, dass kein Kraut gegen Corona gewachsen ist und es nie einen Impfstoff geben wird. Denn ansonsten müsste ihm klar sein, dass einige Zeit nach dem Virus die Revolution vorbei und so ziemlich alles wie vorher sein dürfte. Oder wie Karl Marx es ausdrückte: „Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen!“

Spieler rufen Gewerkschaft ins Leben

Vielleicht vermeiden deshalb die Spieler, die jetzt eine eigene Gewerkschaft ins Leben rufen, auch bewusst den Ausdruck „Revolution“. „Wir denken weniger in Problemen, sondern in Lösungen“, meint Augsburgs Torwart Andreas Luthe, der als einer der Ersten dem neuen Bündnis beigetreten ist. Dazu gehören Akteure wie Dortmunds Mats Hummels, der Leverkusener Sven Bender, Nils Petersen aus Freiburg oder auch Nationalspielerin Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg neben jetzt schon mehr als 70 Mitmachern.

Sie wollen, wie sie sagen, die Zukunft des Fußballs mitgestalten – vor allem bei Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Mobbing und Homophobie. Aber ganz sicher auch, wenn es um so systemrelevante Sachverhalte wie die Auswirkungen von Corona geht. „Wir wurden zuletzt oft übergangen“, klagt Hummels und meint damit sicher auch, dass über die Köpfe der Spieler hinweg Quarantänemaßnahmen und Geisterspiele beschlossen wurden.

„Es gibt drei Player in der Bundesliga: die DFL, die Vereine und die Spieler“, erklärt Luthe und moniert: „Maßnahmen werden aber nur von zwei Playern beschlossen.“ Ist das Virus der Unzufriedenheit erst einmal implantiert, darf man gespannt sein, wie stark es sich ausbreitet!

Fußballer machen sich für Inhalte stark

Die Revolutionsgefahr ist zwar gering, trotzdem ist das Engagement schon jetzt zu begrüßen und kann tatsächlich etwas bewirken. Vor allem für die Entwicklung der Spieler. Seit Jahren sind Persönlichkeiten auf und neben dem Platz Mangelware. Wenn sich Fußballer jetzt für Inhalte stark machen, dann treten sie aus der grauen Masse heraus, werden gehört – aber auch an ihren Worten gemessen. Das verändert die eigene Rolle und erhöht den Druck, mehr Verantwortung zu übernehmen.
 

TV-Moderator Gerhard Delling beleuchtet für unsere Zeitung das aktuelle Sportgeschehen.

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