Itzehoer SV: Mit Flüchtlingen in die 1. Liga

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07. Juni 2010, 08:10 Uhr

Im dritten Anlauf gelang dem Itzehoer SV am 13. Juni 1950 mit einem 4:1-Sieg über Post Hamburg erstmals der Aufstieg in die Oberliga Nord. Es war ein "importierter" Erfolg.

13. Juni 1950. Itzehoe feiert seinen ISV. Mit einem 4:0-Sieg beim Post-SV Hamburg haben die Schwarz-Weißen das große Ziel erreicht und sich den Aufstieg in die Oberliga Nord gesichert. Dank geht aber auch an den aus dem Aufstiegsrennen bereits ausgeschiedenen TSV Goslar, der den Blumenthaler SV zeitgleich mit 3:2 bezwang und den Steinburgern damit den Weg frei machte.

"Itzehoe griff in diesem Jahr zum dritten Mal nacheinander in den Aufstieg um die Oberliga ein. Wer die sympathisch Elf in Hamburg gegen Post sah, gönnt ihr das ersehnte Ziel", schrieb das "Sport-Magazin" und feierte den neuen Erstligisten, der "das beste Beispiel dafür" ist, "dass durch das Bindemittel Kameradschaft verschiedenartige Mannschafts-Elemente zu einer homogenen Einheit zusammengeschweißt werden können."

Was die Aussage nur andeutet: Itzehoes Erfolg war ein importierter, denn mit Ausnahme von Verteidiger Heinz Priebe stand kein einziger Einheimischer im ISV-Team! Statt dessen sorgten vor allem Ostpreußen für den bis dahin größten Erfolg in der Itzehoer Fußballhistorie.

Angelockt von Itzehoes im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg boomender Zementindustrie, hatten sich zahlreiche Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien in Steinburg niedergelassen. Darunter war der frühere schlesische Auswahlspieler Fritz Langner, der seine Karriere nach dem Krieg beim ISV fortsetzte und später zu einem renommierten Bundesligatrainer wurde.

Das erste Ausrufezeichen hatten die Itzehoer 1947 gesetzt, als sie in der Qualifikationsrunde zur Oberliga Nord ein prestigeträchtiges 2:1 über Holstein Kiel feierten und die Qualifikation für die neue Eliteliga nur knapp verpassten. Inzwischen war der ISV zur "Königsberger Fußballfiliale" geworden. Gleich sieben Akteuren stammten aus dem heute russischen Kaliningrad - angeführt vom über Eckernförde nach Itzehoe gekommenen Kurt Baluses, der mit Gerhard "Pinsel" Reich, Kurt Lingnau, Hans Klinger, Erwin Scheffler, Kurt "Jockel" Krause sowie Rudi "Rulle" Schönbeck weitere ostpreußische Landsleute nach Steinburg gelockt hatte. Weiterer Leistungsträger war der aus dem schlesischen Pommerensdorf stammende Kurt Dittmer.

1948 hatte sich Itzehoer "Ostauswahl" erstmals die schleswig-holsteinische Landesmeisterschaft gesichert und war in die Aufstiegsrunde zur Oberliga eingezogen. Dort hatten über 10.000 Fans im Lehmwohld-Stadion zwar ein spektakulären 4:3 über Altona 93 bejubelt, doch im Entscheidungsspiel musste sich der ISV in Hannover den punktgleichen 05ern aus Göttingen mit 0:3 geschlagen geben. Auch 1949 ereilte die Steinburger das Aus erst im Entscheidungsspiel, als sich der Harburger Turnerbund am Hamburger Millerntor mit 4:1 durchsetzte.

1949/50 wollten es die Itzehoer endlich wissen. Die durch Verteidiger Heinz Priebe und Mittelläufer Dieter Brendara verstärkte Elf brauchte allerdings eine Halbserie, ehe sie zu einem reibungslos funktionierenden Kollektiv wurde. In der Rückserie war der ISV dann nicht mehr aufzuhalten und holte den zur Winterpause noch mit neun Punkten Vorsprung führenden Tabellenspitze Phönix Lübeck schließlich ein. Auch in der Aufstiegsrunde legte der ISV beim 2:4 am Blumenthaler Forsthaus eine Startpleite hin, die jedoch folgenlos blieb. Eine Woche später feierten 7.000 Zuschauer einen schwer erkämpften 2:1-Sieg über Favorit Altona 93, in Goslar gelang ein 1:0, und das 4:0 bei Post Hamburg brachte dank Goslarer Schützenhilfe bereits die Entscheidung.

Mit zwei Doppelschlägen waren die "Itzehoer Ostpreußen", wie die Presse den ISV seinerzeit gerne nannte, zum Sieg gekommen: Scheffler und Klinger hatten in der 53. bzw. 54. Minute mit zwei Treffern zunächst den Hamburger Widerstand gebrochen, ehe Dittmer und Klinger in der 83. bzw. 84. Minute den "Sack" mit den Treffern drei und vier endgültig zugemacht hatten. Das abschließende 2:2 auf eigenem Platz gegen Eintracht Osnabrück war damit bedeutungslos.

Der Aufstieg in die höchste Liga, wo man auf Gegner wie den Hamburger SV und Werder Bremen traf, stellte die Steinburger jedoch vor zahlreiche Probleme. Eilig musste das Lehmwohld-Stadion ausgebaut werden, doch sowohl wirtschaftlich als auch sportlich entpuppte sich die Oberliga Nord als Nummer zu groß für den ISV. Das zeigte sich am ersten Spieltag, als lediglich 5.000 Fans Werder Bremen sehen wollten und nach der 2:5-Heimniederlage nachdenklich das Lehmwohld-Stadion verließen.

Am Ende standen für den ISV ganze drei Saisonsiege, 118 Gegentore sowie ein Zuschauerschnitt von 4.937, der zwar auch 60 Jahre danach noch Vereinsrekord ist, dem ISV aber wirtschaftlich dennoch keine großen Sprünge erlaubte.

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