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Veränderungen im Regelwerk : IFAB: Videobeweis kommt, Dreifachbestrafung wird modifiziert

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Aus der Onlineredaktion

Strittige Abseitsentscheidungen soll es nicht mehr geben - wenn der Videobeweis kommt. Der steht vor der Einführung.

Cardiff | Wegweisende Entscheidung für den Fußball: Mehrere Fußballligen sollen über zwei Jahre den Videobeweis während des Spiels als Hilfe für Schiedsrichter ausprobieren. Die Praxistests werden spätestens mit der übernächsten Saison beginnen, wie das International Football Association Board (IFAB), die obersten Regelhüter, am Samstag in Cardiff mitteilte. „Heute haben wir wirklich eine historische Entscheidung für den Fußball getroffen“, sagte der neu gewählte FIFA-Präsident Gianni Infantino. Welche Ligen am Versuch teilnehmen, ist noch nicht entschieden. Die Bundesliga hat sich beworben. Außerdem soll die Dreifachbestrafung modifiziert werden.

Besserer Schutz für Schiedsrichter und mehr Gerechtigkeit für die Vereine: Das sind die Vorteile, die ein Videobeweis bringen soll. Gleichzeitig könnte durch die Kamera-Unterstützung aber auch der Mann an der Linie überflüssig werden. Und die Aufgaben des Unparteiischen auf dem Spielfeld müssten eigentlich neu definiert werden.

Eine Änderung wird es auch bei der sogenannten Dreifachbestrafung nach Notbremsen im Strafraum geben. Wie Infantino erklärte, soll ein Abwehrspieler oder Torwart künftig nur eine Gelbe Karte bekommen, wenn sein Foul „ehrlich“ der Balleroberung dienen sollte. Einen Strafstoß für die Angreifende Mannschaft gibt es weiterhin. In allen anderen Fällen bekommt der Spieler weiterhin eine Rote Karte inklusive Sperre und Elfmeter für die angreifende Mannschaft. Dies soll probeweise bereits von ab Juni an gelten und damit schon für die Europameisterschaft.

„Das ist ein guter Tag für den Fußball“, sagte Ex-Schiedsrichter Markus Merk dem Sender „Sky“. Nach dem Willen des achtköpfigen Gremiums, das über die Fußballregeln bestimmt, wird der Videobeweis lediglich als Hilfe für den Schiedsrichter dienen, nicht als Eingreifmöglichkeit für Trainer.

Die technische Unterstützung ist für vier Fälle vorgesehen: Tore, Entscheidungen über Strafstöße, direkte Rote Karten und Verwechslung von bestraften Spielern. „Es geht um entscheidende Situationen“, betonte Infantino, der Spielfluss sei sehr wichtig. Anders als im Januar angedacht, soll es nur eine Art von Experiment geben, bei dem ein Assistenzschiedsrichter sich die Videobilder anschaut und entweder eine Szene auf Bitten des Schiedsrichters prüft oder sich aktiv an diesen wendet, wenn der Unparteiische auf dem Platz etwas übersehen hat.

„Idealerweise würde der Schiedsrichter das Material direkt sehen“, sagte Jonathan Ford vom walisischen Fußballverband. So weit sei die Technologie aber noch nicht. Ein „einschränkender Faktor“ für die praktische Anwendung des Videobeweises werde die Zahl der Kameras im Stadion sein, sagte der Geschäftsführer des englischen Fußballverbands FA, Martin Glenn. „Wir bestehen darauf, dass es 36 sind.“ Die Ergebnisse sollen von einer Universität wissenschaftlich ausgewertet werden, die noch nicht ausgesucht ist. Eingeführt werde der Videobeweis nur, wenn er sich als Hilfe für die Schiedsrichter erweise, betonte Infantino.

Insgesamt zwölf nationale Ligen und eine Konföderation hatten sich beim IFAB bisher als Tester beworben. „Eine Handvoll“ soll schließlich anfangen. Zu den Bewerbern gehört auch die Bundesliga. „Auf DFL-Seite sind wir natürlich sehr zufrieden mit dieser Entscheidung“, teilte DFL-Direktor Ansgar Schwenken mit. Die Liga werde sich mit dem DFB „sehr aktiv“ in die Testphase einbringen.

Es ist die zweite technische Revolution nach der Einführung der Torlinientechnologie.

Wie funktioniert der Videobeweis?

Ein Video-Assistent außerhalb des Stadions oder in einem geschlossenen Raum innerhalb des Stadions soll bei Spielunterbrechungen TV-Bilder anschauen und dem Schiedsrichter per Headset auf dem Platz über seine Beobachtungen informieren. Er hat dafür nur wenig Zeit. Ziel ist es, strittige Szenen innerhalb von zehn bis 15 Sekunden aufzuklären.

 

Die Entscheidung, wann ein Spiel dafür unterbrochen wird, obliegt nur den Referees. Die Mannschaften sollen in dieser Hinsicht nichts zu melden haben. Ein Monitor soll zusätzlich am Spielfeldrand stehen. In seltenen Fällen könne der Schiedsrichter sagen: „Ich schaue mir das selbst an“, erklärt DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel.

 

Bei welchen Entscheidungen kommt die Technik zum Einsatz?

Der Einsatz des Videobeweises im deutschen Profifußball soll sich getreu den Vorgaben des Weltverbandes FIFA auf drei Bereiche konzentrieren: Torerzielung (dazu zählen Abseitsdiskussionen), Elfmetersituationen und Platzverweise. Eine Absage erteilten die deutschen Verantwortlichen einem Wunsch von Karl-Heinz Rummenigge. Bayern Münchens Vorstandschef hatte gesagt: „Mein Vorschlag wäre, dass jeder Verein pro Halbzeit bis zu zwei Unterbrechungen fordern kann, in denen ein Oberschiedsrichter strittige Szenen prüft.“

 

DFL-Direktor Ansgar Schwenken erklärte, man habe sich bewusst dagegen entschieden: „Ich glaube, dass das noch zu mehr Verunsicherung führen würde. Wir wollen in Deutschland eine Testphase, wo das Schiedsrichter-Team in Gänze Herr des Geschehens ist.“ Grundsätzlich werde letztlich immer der Spielleiter und nicht der Video-Assistent die Entscheidung bei strittigen Situationen treffen.

Was sind die Pro- und Contras?

Der deutsche Profifußball treibt vehement den Videobeweis voran, sieht darin aber kein Allheilmittel. „Es wird weiter diskussionswürdige Entscheidungen geben, es wird auch weiter Fehlentscheidungen geben“, sagte DFL-Direktor Ansgar Schwenken.

Schiedsrichter Fandel geht weiter. Nach seiner Ansicht wird es haarscharfe Fehlentscheidungen - wie im Falle des Dortmunders Pierre-Emerick Aubameyang bei seinem Tor zum 1:0 gegen Ingolstadt - künftig nicht mehr geben. In dieser Bundesliga-Saison war angesichts von zahlreichen folgenschweren Fehlentscheidungen der Ruf nach dem Videobeweis lauter geworden. Insbesondere um Schiedsrichter besser zu schützen. Das erklärt Herbert Fandel in diesem Video:

Kritiker des Videobeweises befürchten allerdings, dass die neue Technik das ganze Schiedsrichterwesen durcheinander bringt. Darum ging es auch bei einer Diskussion über das Thema in der Sendung „Doppelpass“:

Es gibt aber auch weitere positive Stimmen: „Wir glauben, dass wir ein kleines Stückchen mehr Gerechtigkeit da reinbringen“, sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. Ansgar Schwenken betonte: „Wir wollen den Charakter des Spiels nicht verändern.“ Zuletzt hatte sich auch der neue FIFA-Präsident Gianni Infantino deutlich für Tests ausgesprochen.

Wo gibt es im Fußball bereits den Videobeweis?

In den Niederlanden läuft bereits seit eineinhalb Jahren eine Testphase.

Wie läuft eine Testphase ab?

Erprobt werden soll die neue Technologie - das Grüne Licht der Regelhüter vorausgesetzt - erst ein Jahr im Offline-Modus, also ohne Kontakt zwischen dem Videoassistenten und dem Unparteiischen auf dem Rasen. Davon würden Spieler und Fans auch nichts mitbekommen. Im zweiten Spieljahr würde dann das Experiment in die Praxis übergehen - eine überaus spannende Phase.

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erstellt am 05.Mär.2016 | 15:00 Uhr

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