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Drohende Relegation : Neues vom HSV: So teuer wäre der Abstieg

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Der Gang in die zweite Liga wäre ein finanzielles Desaster. Allerdings wurde Vorsorge bei einigen Verträgen getroffen - nur nicht bei den Topverdienern.

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erstellt am 18.Mai.2017 | 13:58 Uhr

Hamburg | Ein sportlicher Absturz in die Zweite Liga würde für den HSV auch einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Experten rechnen nach einem Bericht des „Hamburger Abendblatts“ (kostenpflichtiger Inhalt) für das „Worst-Case-Szenario“ mit sofortigen Einbußen etwa bei Fernsehgeldern, Marketing und Spieltagseinnahmen von rund 40 Prozent. Sollte der direkte Wiederaufstieg nicht gelingen, hätte man im zweiten Zweitligajahr wohl sogar 60 Prozent weniger in der Vereinskasse.

Das HSV befindet sich bereits in finanzieller Notlage und konnte bisher nur durch die millionenschweren Zuwendungen von Investor Klaus Michael Kühne bestehen. Erneut müssen die Spieler die Nerven behalten, damit sich der Traditionsclub auf Dauer konsolidieren kann. Ohne die üppigen TV-Gelder drohen im Unterhaus schwere Zeiten.

Allein 18 Millionen Euro würde dem HSV bei einem Abstieg an TV-Erlösen entgehen. Der Verein würde nur noch rund 21 Millionen Euro aus dem Fernseh-Topf der Deutschen Fußball Liga erhalten. Im Fall des Klassenverbleibs stünden den Hanseaten hingegen satte 39 Millionen Euro zur Verfügung.

Laut dem Abendblatt kalkulieren die HSV-Verantwortlichen mit rund 10.000 Zuschauern weniger in der Zweiten Liga, erhebliche Einbußen hätte man auch im Marketing zu verzeichnen. Einnahmen aus Sponsoring und Merchandising könnten demnach von 38 auf maximal 28 Millionen Euro sinken. „Wir hätten extreme Einbußen“, sagt HSV-Chef Heribert Bruchhagen gegenüber dem Abendblatt. Er meint aber auch: „Im Fall des Abstiegs würden bei uns aber nicht die Lichter ausgehen.“

Trotzdem ist derzeit nicht nur die Stimmung bei den Fans mies, sondern im gesamten Verein. „Die Stimmung bei uns ist sehr angespannt“, sagt Bruchhagen. „Das gilt für uns alle: Das gilt für die Verpackerin in unserer Merchandisingabteilung genauso wie für den Vorstand.“ Man beschäftige sich „tagtäglich in allen Organisationsformen mit allen möglichen Szenarien“. Intern sollen sich die Verantwortlichen für den Abstiegsfall auf ein Gesamtdelta von 50 Millionen Euro vorbereiten.

Auch Mentalcoach Olaf Kortmann warnte: „Es ist ein Irrglaube zu denken, wenn eine Mannschaft absteigt, dass sie sich konsolidieren kann. Das kann vielleicht in einer Kleinstadt passieren, aber nicht in einer großen Stadt (wie Hamburg). Der HSV hat so viele Schulden, dass er die in der 2. Liga niemals abtragen könnte.“ Ein Abstieg hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen, nicht nur für den Verein. Auch für die Stadt wäre es ein herber Imageverlust.

Wie helfen die Kühne-Millionen?

Immerhin ist die Lizenzfrage beim HSV geklärt - mal wieder dank Klaus Michael Kühne. Der Milliardär erhöhte seine Anteile an dem Traditionsclub von elf auf 17 Prozent. Dafür erwarb der Logistikunternehmer laut Vereinbarung vom 28. April exakt 312.500 Aktien. Laut Satzung darf die Fußball AG insgesamt 24,9 Prozent veräußern. Durch die Kapitalerhöhung erfüllte der Verein die Lizenzvorgaben für die erste und zweite Liga.

Allerdings müsste sich der Verein trotz der Kühne-Millionen bei einem Abstieg einen rigiden Sparkurs auferlegen. Ohnehin soll der Mannschaftsetat auch bei Klassenerhalt von 56 Millionen Euro auf 48 Millionen Euro gekürzt werden, in Liga Zwei müsste er sogar auf 25 Millionen Euro eingeschmolzen werden. Kühne ließ bisher hoffen, ob er den HSV auch in der zweiten Liga unterstützen würde. „Ich will das nicht ausschließen. Und ich weiß, dass man das von mir erwartet. Aber ich will abwarten, wie die Saison verläuft“, sagte er.

In Wolfsburg liegen die Karten anders. Im Gegensatz zu den HSV-Verantwortlichen, die in ihrem Prognosebericht von Platz zehn mit 44 Punkten ausgehen, hat man in der VW-Stadt den schlimmsten Fall im Hinterkopf gehabt. Der Verein gab an, dass sämtliche Verträge um 30 bis 40 Prozent gekürzt würden.

Ein Minus an TV-Erlösen würde bei den Wölfen mit 40 Millionen Euro noch größer ausfallen als beim HSV an. Auch Sponsor Volkswagen legte sich bereits fest: Die Zuwendungen sollten um 20 bis 30 Millionen Euro eingekürzt werden, beim Gehaltsetat würde von 100 etwa 40 Millionen Euro gestrichen.

Das HSV-Problem mit seinen Topverdienern

Der HSV hat nicht richtig vorgesorgt. Die Spielergehälter würden im Abstiegsfall zwar um rund ein Drittel gekürzt werden. Das war bei den Relegationen 2014 und 2015 noch anders. Die Verträge aller HSV-Profis hätten zu gleichen Konditionen auch in Liga Zwei Bestand gehabt. Aus dem knappen Entrinnen haben die Verantwortlichen gelernt und mittlerweile bei den meisen Lizenzspielern eine Abstiegsklausel eingearbeitet. Aber eben nicht bei allen. Und das ausgerechnet nicht bei den Topverdienern. Sowohl Pierre-Michel Lasogga (3,4 Millionen Euro pro Jahr) als auch Lewis Holtby (3,5 Millionen Euro plus Prämien) hätten auch im Unterhaus Anspruch auf ihr derzeitiges Gehalt.

Ohne Lasogga gegen Wolfsburg

Im alles entscheidenden Abstiegsduell am Samstag gegen den VfL Wolfsburg muss der HSV definitiv ohne Pierre-Michel Lasogga auskommen. Der Stürmer, der am vergangenen Wochenende im Fußball-Bundesligaspiel bei Schalke 04 (1:1) kurz vor Schluss das wichtige Ausgleichstor erzielt hatte, fällt wegen einer Verletzung im Adduktorenbereich aus, berichtete HSV-Trainer Markus Gisdol am Donnerstag in Hamburg.

Pierre-Michel Lasogga erzielte den späten Ausgleichstreffer.
Pierre-Michel Lasogga erzielte den späten Ausgleichstreffer. Foto: Ina Fassbender
 

Dagegen bestehen „Stand jetzt berechtigte Hoffnungen“, dass die ebenfalls angeschlagenen Profis Nicolai Müller, Aaron Hunt und Albin Ekdal am Samstag (15.30 Uhr) mitwirken können, sagte Gisdol. Müller musste wegen eines geschwollenen Knies wie Lasogga am Vortag das Training abbrechen. „Bei Müller ist das Innenband nicht kaputt, es besteht Hoffnung“, sagte Gisdol. Hunt fehlte gegen Schalke mit einer Oberschenkelzerrung.

Gisdol reiste mit seiner Mannschaft nach der Pressekonferenz weiter ins Trainingslager nach Rotenburg an der Wümme. „Wir haben uns da das letzte Mal sehr wohlgefühlt, die Gelegenheiten hier sind nicht optimal um sich zurückzuziehen“, erklärte der Coach. Die Anfahrt von einer Stunde sei optimal, der HSV bleibt auch nur eine Nacht. Es sei ein Teamabend im Landhaus Wachtelhof geplant, aber keine besonderen Aktionen. „Das ganze Getue um Teambuilding ist durch, künstlich etwas aufzubauen macht keinen Sinn.“ In der schwierigen Saison 2015 reiste Bruno Labbadia sogar dreimal ins Trainingslager und vermied in der Relegation den Gang in die 2. Liga.

 

Der auf Platz 16 stehende HSV kann mit einem Heimsieg den direkten Klassenverbleib sichern, dem Tabellennachbarn aus Wolfsburg reicht dazu schon ein Unentschieden. „Wir haben eine wahnsinnig lange Aufholjagd hinter uns, hatten immer was zu verlieren. Nun haben wir erstmals etwas zu gewinnen, die Position wird sich nicht verschlechtern.“ Negative Gedanken seien in dieser Situation nur Energiefresser, damit beschäftige er sich gar nicht.

Stefan Schnoor sieht im Duell seiner Ex-Clubs die Hanseaten gegenüber den „Wölfen“ psychologisch klar im Vorteil. „Hamburg hat nichts zu verlieren und hätte selbst bei einer Niederlage noch Chancen, in der Relegation die Klasse zu halten. Dass der HSV nach dem verkorksten Saisonstart überhaupt noch in dieser Lage ist, müssen sie positiv sehen“, sagte der frühere Fußball-Profi beider Vereine der „Hamburger Morgenpost“.

„Die Wölfe stehen richtig unter Druck. Denn in Wolfsburg hat eigentlich niemand damit gerechnet, dass es bis zum Schluss gegen den Abstieg geht“, glaubt Schnoor. Größtes Plus für die Hamburger sind nach Ansicht des 46-Jährigen die heimischen Fans. Das Volksparksstadion ist mit 57.000 Besuchern seit Wochen ausverkauft. Schnoor: „Wenn in Hamburg das ganze Publikum mitzieht und der Funke überspringt, wird das den VfL ganz sicher einschüchtern.“

(mit dpa)

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