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Der Dino lebt : HSV wendet Abstieg ab: Friedliche Party in Hamburg und auf Twitter

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Ende gut, alles gut: Der HSV rettet sich in der 115. Minute durch ein Tor von Nicolai Müller gegen den KSV und bleibt in der Bundesliga.

shz.de von
erstellt am 01.Jun.2015 | 21:57 Uhr

Hamburg | Seine Nichtabstiegs-Party startete der Hamburger SV lautstark schon in der Kabine. Immer wieder schallte es: „Niemals 2. Liga!“ In einem dramatischen Relegations-Rückspiel hatte sich das Bundesliga-Gründungsmitglied mit viel Glück sein Ticket für eine weitere Saison in der deutschen Eliteklasse gesichert und den tapfer kämpfenden Zweitligisten Karlsruher SC in tiefe Trauer gestürzt.

„Wir sind wahnsinnig enttäuscht. Eine schlimmere Dramaturgie kann man sich gar nicht ausdenken“, sagte KSC-Sportdirektor Jens Todt nach dem 1:2 (1:1,0:0) nach Verlängerung am Montagabend. „Fußball kann so schlimm sein, das ist gar nicht in Worte zu fassen.“ Reinhold Yabo, der die KSC-Führung erzielt hatte, versuchte es dennoch: „Wenn man das Gefühl messen könnte, wie es sich anfühlt, wenn das Herz herausgerissen wird, dann trifft es das gut. Wir sind am Boden zerstört, der Schmerz sitzt so tief.“

Foto: dpa

Die Hanseaten retteten sich hingegen wie schon in der Vorsaison auf den letzten Drücker und machten sich noch in der Nacht per Bus und Flieger auf den Weg zurück in die Heimat. „Das ist ein unglaubliches Glücksgefühl“, sagte HSV-Coach Bruno Labbadia. „Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft. Was sie unter dem Druck geleistet hat, ist gigantisch.“ Seine Leistung war es auch. Erst am 15. April hatte Labbadia seinen Retter-Job im Norden angetreten.

Da freut sich jemand. Ihr euch auch? #HSV #KSCHSV #Bundesliga Foto: Witters

Ein von @bild gepostetes Foto am

Bis zur 90. Minute führte der KSC am Montagabend mit 1:0, die Aufstiegs-Shirts lagen bereits neben der Bank parat. Doch dann schoss Marcelo Diaz (90.+1) mit seinem ersten Pflichtspieltor für den HSV das Bundesliga-Gründungsmitglied in die Verlängerung. In der 115. Minute zerstörte der eingewechselte Nicolai Müller mit seinem Treffer jäh die Karlsruher Erstliga-Träume. Kurz vor Schluss parierte HSV-Keeper René Adler noch einen Strafstoß von Rouwen Hennings (120.+2). „Das ist ein unglaubliches Glücksgefühl“, sagte Labbadia aufgekratzt im TV-Sender Sky. „Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft. Was sie unter dem Druck geleistet hat, ist gigantisch“, betonte der Coach, der erst am 15. April seinen Retter-Job angetreten hatte.

„Das ist unglaublich für den ganzen Verein, die ganze Stadt“, sagte Kapitän Rafael van der Vaart. Der Karlsruher Sportdirektor Jens Todt sprach von einem „extrem bitteren Tag“ und kritisierte die Entscheidung von Schiedsrichter Manuel Gräfe (Berlin), der vor Diaz' direkt verwandeltem Freistoß ein umstrittenes Handspiel von Jonas Meffert gepfiffen hatte. „Den Freistoß darf man nicht geben, das ist absoluter Wahnsinn“, sagte Todt. „Vor allem für die Spieler ist das eine Riesenenttäuschung“, sagte KSC-Trainer Markus Kauczinski. Über den Freistoß sagte er: „Er dreht sich weg, das kann man mit der Regel nicht erklären, keine Ahnung, was er da gepfiffen hat.“

Vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw gelang den Norddeutschen damit wie schon im Vorjahr nach einer völlig verkorksten Saison die späte Rettung. Der sechs Minuten vorher eingewechselte Reinhold Yabo hatte mit seinem Treffer in der 78. Minute die Badener 1:0 in Führung geschossen und nach dem 1:1 im Hinspiel das mit 27.986 Zuschauern ausverkaufte Wildpark-Stadion kurzzeitig in ein Tollhaus verwandelt.

Nach dem Last-Minute-Schock in der regulären Spielzeit versuchte der KSC in den zusätzlichen 30 Minuten noch einmal alles, doch trotz der lautstarken Unterstützung von den Rängen reichte es nicht mehr zum sechsten Erstliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte.

Die ganz in Rot gekleideten Hamburger starteten aggressiv und angriffslustig in die Partie, die als „Hochrisiko-Spiel“ eingestuft und aus Sicherheitsgründen von 20.30 Uhr auf 19.00 Uhr vorverlegt worden war. Vor allem van der Vaart wollte sich in seinem letzten Spiel für den HSV offensichtlich ansprechend verabschieden. Der Niederländer war Taktgeber und Ideenautomat für die Hamburger.

Die Gäste gaben zunächst den Ton an und vermittelten im Gegensatz zu manchem Spiel in der abgelaufenen Saison endlich einmal den Eindruck, als Team aufzutreten. Die Offensivkräfte Ivo Ilicevic, Ivica Olic und Pierre-Michel Lasogga sorgten für Gefahr. Die Badener agierten zunächst abwartend und auf Konter. Kurz vor dem Wechsel setzte Daniel Gordon einen Kopfball zu hoch an - es blieb beim 0:0.„Wir sind gut im Spiel, aber klar ist auch: Wir sollten irgendwann mal ein Tor schießen“, sagte der gesperrte HSV-Verteidiger Heiko Westermann zur Pause im TV-Sender Sky. Seine Mannschaftskollegen versuchten auch nach dem Wechsel, das Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Angetrieben von den unentwegt singenden Fans gingen aber auch die Karlsruher nach dem Wechsel mutiger zu Werke. Nach einer guten Stunde vergab Gordon die bis dato beste Möglichkeit des KSC, als er aus kurzer Distanz eine scharfe Hereingabe von Enrico Valentini nur knapp verpasste (63.). Nach einem gefährlichen Kopfball von Lasogga (77.) schlug auf der Gegenseite der für Yamada eingewechselte Yabo zu und sorgte für Party-Stimmung im altehrwürdigen Wildpark.

Schon fünf Minuten vor dem Abpfiff wurden die Aufstiegs-Shirts in Pappkartons zur Ersatzbank gebracht - dann aber ging es in die Verlängerung, und am Ende eines bitteren Abends für den KSC wurden sie dann nicht mehr ausgepackt.

In der Hansestadt ist der Sieg mit Stolz und Respekt aufgenommen worden. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) twitterte:

Sportsenator Michael Neumann (SPD), der zum Relegations-Rückspiel nach Karlsruhe gereist war, schrieb: „Die Mannschaft war im Vergleich zum Hinspiel wie ausgetauscht - Gott sei Dank! Ein spannendes Spiel, der HSV hat heute verdient gewonnen.“ Die grüne Wissenschaftssenatorin und zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, eher ein Fan vom FC St. Pauli und von Werder Bremen twitterte:

FDP-Frontfrau Katja Suding gratulierte ebenfalls über Twitter.

Der Unternehmer Alexander Otto, Mäzen für den HSV-Campus und früherer HSV-Aufsichtsratsvorsitzender, sagte: „Mir fallen 1000 Steine vom Herzen. Für den Verein, seine Fans, die ganze Stadt und auch für die Olympia-Bewerbung ist der Verbleib in der 1. Liga von unglaublicher Bedeutung.“ Pragmatisch sah es der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Niels Annen:

Auch ein Kommentar von HSV-Fan Ralf Stegner ließ nicht lange auf sich warten.

Im Hamburger Volksparkstadion, wo rund 15.000 Fußballfans auf der Südtribüne das Spiel verfolgt hatten, lagen sich die Zuschauer jubelnd in den Armen. Voller Inbrunst sangen die Anhänger nach dem 2:1 (0:0)-Erfolg nach Verlängerung beim Karlsruher SC ihre Hymne „Hamburg, meine Perle“. Für viele war es der Startschuss in eine lange Partynacht.

Auch auf der Reeperbahn feierten am Abend zahlreiche HSV-Fans. Die am nahe gelegenen Heiligengeistfeld bereitgestellten Wasserwerfer und Räumfahrzeuge kamen nicht zum Einsatz, mehr als 400 Polizisten patrouillierten in der Stadt. Die Hamburger Feuerwehr berichtete von einem Fan, der beim Torjubel in eine Scheibe gefallen war. Er erlitt Schnittwunden am Arm. Nach Angaben der Polizei blieb die Stimmung in Hamburg in der Nacht friedlich.

Noch am frühen Morgen haben sich auch Trainer Bruno Labbadia und Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer den Feiernden angeschlossen. Sie machten Halt in einer Hamburger Kultkneipe. Der HSV postete am Dienstag ein Bild mit Beiersdorfer und Labbadia in dem Lokal. Nach Angaben von Mitarbeiter des Lokals war auch Kapitän Rafael van der Vaart bei der frühmorgendlichen Feier dabei - mit Freundin Sabia Boulahrouz.

Am Ort des Geschehens blieb es am Abend ebenfalls weitestgehend friedlch. Vor dem Spiel im Wildparkstadion in Karlsruhe habe es lediglich eine Festnahme wegen des Verdachts auf Raub gegeben. Ein Fan hatte versucht, einem anderen den Fanschal zu entreißen. Drei Gästen aus Hamburg wurde Pyrotechnik abgenommen. Sie erwartet eine Anzeige.

Nach dem Spiel verletzte sich ein HSV-Fan bei einer Auseinandersetzung an der Kniescheibe. Außerdem gab es mehrere Beleidigungen gegen Polizisten sowie Pöbeleien und Provokationen zwischen rivalisierenden Fangruppen.

Auf Twitter und Instagram feiern die Fans ihren HSV ausgelassen:

#HSV #DB

Ein von @maur_icecream gepostetes Foto am

#HSV hat mehr #Glück bekommen, als der #fussballgott eigentlich geben wollte... #nächsteSaison

Ein von PaKu (@paddy_kulhei) gepostetes Foto am

Dieses Liebermann-Zitat vom KSC-Sportdirektor Jens Todt dürfte ein Klassiker werden.

Allerdings sind die Stimmen gegen den Klassenverbleib des Bundesliga-Dinos in der Mehrheit.

HURENSÖHNE! HURENSÖHNE! HEY! HEY! #relegation #kschsv #unverdiebt

Ein von @wabudi gepostetes Foto am

#KSCHSV

Ein von @jacquez_lafite gepostetes Foto am

Justizminister Heiko Maas bringt es auf den Punkt.

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