Letzte Stunden im Abstiegskampf : HSV-Geschichten aus Malente: 17:20 ist der Spuk vorbei

2011 formte Bruno Labbadia aus dem VfB Stuttgart ein Team, das den Klassenerhalt schaffte. Am Samstag geht es mit dem HSV um Alles.
2011 formte Bruno Labbadia aus dem VfB Stuttgart ein Team, das den Klassenerhalt schaffte. Am Samstag geht es mit dem HSV um Alles.

Die Uhr tickt – noch. Der HSV ist aus Malente zurück und hat ein bemerkenswertes Rettungs-Trainingslager hinter sich. Was im „Uwe Seeler Fußball Park“ geschah, wird in jedem Fall Geschichte schreiben.

shz.de von
22. Mai 2015, 17:52 Uhr

Hamburg | Der Glaube an das Fußball-Wunder ist da: Kurz vor Pfingsten beschwörte der Hamburger SV den heiligen Geist von Malente, der im deutschen Fußballkosmos einen ungefähr vergleichbaren historischen Stellenwert wie der Bundesliga-Dino hat. In der Sportschule bereiteten sich einst die DFB-Auswahlteams auf die Weltmeisterschaften 1974 und 1990 vor. Am Donnerstag rollte der HSV-Bus unter viel Trubel in Ostholstein an und die Spieler bezogen ihre Zimmer am „Uwe Seeler Fußball Park“, auf dem sie dann zwei Stunden trainierten und Zusammenhalt beschworen. Inzwischen sind die Hamburger abgereist – so der Fußballgott es will mit dem Geist von Malente im Gepäck. „Das hat was gebracht“, verkündete Peter Knäbel im Brustton der Überzeugung. „Besondere Tage und Entscheidungen brauchen besonderen Vorlauf“, so der Sportdirektor.

Vor dem Abstiegs-Endspiel am Samstag gegen Schalke 04 wäre spiritueller Beistand für die Rothosen zumal bitter nötig. Selbst der obligatorische „Dreier“ würde wirkungslos verpuffen, sollten die Keller-Kontrahenten ebenfalls punkten. Aber obwohl sich seit Jahren Misserfolge und Fehlentscheidungen aneinanderreihen, ist es ja immer irgendwie gut gegangen in Hamburg. Vielleicht, so hoffen die Fans, ist der vom DFB degradierte Geist von Malente ja inzwischen ein Schutzengel.

Ruhe im Karton: Panzertape hält Schaulustige vom Training fern.
dpa
Ruhe im Karton: Panzertape hält Schaulustige vom Training fern.
 

Beim Mini-Trainingslager in der abgeschiedenen Sportschule, deren Einöde Franz Beckenbauer und Co. 1974 kaum ertragen konnten, war dann mehr Andrang als erwartet. Neben Autogrammjägern kam der Erste Bürgermeister Olaf Scholz zu Besuch. „Ich habe ein Team erlebt, das den Willen hat zu gewinnen“, segnete der wiedergewählte Stadtchef die Mannschaft nach seiner Stippvisite bei Kaffee und Erdbeerkuchen.

Der sportlichen Leitung geht es mit dem Tapetenwechsel darum, aus dem verkrampften Druck durch die bedrohte Erstligaexistenz eine positive Anspannung für das Spiel um Tod oder Gladiolen zu machen. Coach Bruno Labbadia ringt um gute Stimmung und macht dabei Dinge, die selbst dem Außenstehenden alle Abstiegsängste entfliehen lassen. 24 Stunden Nestwärme und ein bisschen Hokuspokus vor den Stunden der Wahrheit.

Ex-HSV-Coach Thorsten Fink hatte die Rothosen ja vor Jahren schon zum Überlebenstraining in ein Wildniscamp nach Schweden verfrachtet. Es wurde gerudert und „geteambuildet“, wie man auf Neudeutsch sagen könnte. In Malente paddelten die Spieler auf dem Kellersee los. Ein unbekanntes Terrain für die kriselnden Rasenprofis, das ganz schön in die Hose ging. Das Boot mit den Leistungsträgern Pierre-Michel Lasogga, Heiko Westermann, Johan Djourou und Nicolai Müller kenterte und Spieler mussten zurück in den Bus und sich umziehen. Wenn dieser Schiffbruch mal nicht eine symbolische Fügung vom Fußballgott persönlich war, munkelt das subjektive Fußball-Orakel. Immerhin nahm das durchnässte HSV-Quartett das Ungeschick mit Humor.

HSV-Kicker beim „Kopf-Hoch“-Training in Malente.
dpa
HSV-Kicker beim „Kopf-Hoch“-Training in Malente.

Wie die „Mopo“ berichtet, gab es am Nachmittag sogar eine Begegnung der HSV-Kicker mit dem Geist in Malente. Ein Mann hatte sich ein Laken über den Kopf geworfen und mimte Deutschlands stärksten Fußball-Mythos. Dabei wäre er aber auch als Abstiegsgespenst durchgegangen. Ob das Horror-Szenario eintritt oder nicht: All dies wird in diesem Jahr zur Legendenbildung betragen. Doch Geist schießt bekanntlich keine Tore.

imago19907527h.jpg hsv abstieg geist von malente
imago/Metelmann
 

Für den Ex-Torjäger Labbadia ist das wahre Schreckgespenst erstmal Klaas-Jan Huntelaar. Denn der Niederländer hat in acht Spielen gegen die Hamburger zehn Tore geschossen. „Er lebt von den Zuspielen. Die müssen wir verhindern“, forderte Labbadia. „Die Leute hoffen alle, dass wir es hinbekommen. Ich bin überzeugt, dass wir es können“, betonte der erfahrene Coach, der 2011 schon den VfB Stuttgart in einer prekären Lage vor dem Absturz in die 2. Liga bewahrt hat. Nun läuft er Gefahr, als erster Coach in die Fußball-Geschichte einzugehen, der den HSV nicht in Liga 1 halten konnte. Doch das blendet der 49-Jährige komplett aus: „Mir geht's gut. Und ich beschäftige mich nur damit: Wie können wir Schalke schlagen? Wen stellen wir auf?“

Laut „hsv-blog Matz ab“ werden die Fans sich um 13.30 Uhr Fans am Stellinger Bahnhof treffen und gemeinsam zum Stadion gehen, wo sie nach Möglichkeit den Mannschaftsbus im Spalier empfangen. „Am Sonnabend sind alle HSVer aufgerufen, ihre Raute zu zeigen, die Fahnen aus den Fenstern zu hängen und der Mannschaft die maximale Unterstützung zukommen zu lassen“, sagt Supporterschef Tim Oliver.

Überlebensymbolik wird in Hamburg aber am Größten geschrieben. Maskottchen Dino verteilte am Freitag vor dem Rathaus fleißig Exemplare des Ginkgo biloba. Der Heilpflanze werden magische Kräfte nachgesagt. Sie soll sogar gegen atomare Strahlung schützen. Was all die psychologischen Manöver, taktischen Geplänkel und Mentaltricks bewirkt haben - darüber herrscht am Samstag gegen 17.20 Uhr Gewissheit. Dann fließen irgendwo Tränen der Enttäuschung, andernorts bilden sich Jubeltrauben. Die Hamburger Polizei stellt sich schon mal vorsichtshalber auf Krawalle ein, damit die große ESC-Party nicht auch noch den Bach runter geht.

(Mit dpa)

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