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30 Jahre Höhen und Tiefen : Das HSV-Drama: Ein Verein im Irrflug

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Die Durchhalteparolen sind verstummt. Kaum jemand glaubt noch an den Klassenerhalt des HSV. Der Bundesliga-Dino hat sich mit Intrigen, Fehleinschätzungen und fehlender Kontinuität Stück für Stück in den Abgrund gezogen. Ein Drama in sechs Akten.

Hamburg | Beim Hamburger SV betont man gern die große Geschichte des Vereins. Leider haben die meisten der heutigen Stadiongänger sie nicht bewusst erlebt. An der Ecke der Nordtribüne zeigt eine Uhr an, wie viele Jahre und Tage Club schon in der ersten Liga verweilt – wird sie im Sommer auf 51 Jahre springen? Vermutlich nicht. In Hamburg verliert man ungern ein Wort über die Zukunft: Schulden, Abstieg und Existenzängste drohen den Bundesliga-Dino zu erdrücken.

Monatelange Durchhalteparolen endeten am vergangenen Wochenende mit einem fatalistischen Eingeständnis des Sportdirektors. „Ich warte schon seit Wochen auf eine Reaktion der Mannschaft. Sie hat es auf die Spitze getrieben”, sagte Oliver Kreuzer und entzog den Spielern das Vertrauen Effekthascherei, verbaler Fehltritt oder Kapitulation? In Hamburg weiß man nie so genau.

Der Abstieg ist von den Füßen in die Köpfe gewandert. Dort, am Tor zur Welt, wo einst die Bananenflanke getauft wurde, wo Kevin Keegan und Uwe Seeler stürmten, wo Felix Magath den Landesmeister-Cup in die Seeluft hielt, droht nun der graue Gang durch die Niederungen zweiten Liga. Der unabsteigbare Dino ist auf direktem Weg nach Sandhausen und Aue – ein 30-Jähriger Absturz auf sechs Ebenen.

1. Die glorreichen Netzer-Jahre

Foto: Imago

So richtig viel ist in den letzten 30 Jahren beim HSV nicht passiert, was dem hanseatischen Stolz gerecht werden könnte. Mit Günter Netzer als Manager (1977-1986) darf sich der HSV als Weltverein fühlen. Der Ex-Nationalspieler prägte die erfolgreichste Ära des Clubs, von der der Verein noch heute zehrt. Mit Franz Beckenbauer kam eine Lichtgestalt aus den USA an die Elbe, das Genie Ernst Happel wurde Trainer. Magath passte, Kaltz flankte, Hrubesch köpfte, und der Ball war im Tor. Der HSV gewann unter anderem 1983 den Europapokal der Landesmeister und drei Deutsche Meisterschaften (1979, 1982, 1983). Ein Jahr nach Netzers Ausstieg durfte der Club 1987 noch mal den DFB-Pokal hissen und in die Vitrine stellen – doch seitdem ist die Tür verschlossen.

2. Transfer-Desaster

Hamburg stand Kopf als Rafael van der Vaart für viel Geld vom englischen Club Tottenham Hotspur zurückkehrte. Doch der in die Jahre gekommene Niederländer konnte die Erwartungen nie erfüllen.
Hamburg stand Kopf als Rafael van der Vaart für viel Geld vom englischen Club Tottenham Hotspur zurückkehrte. Doch der in die Jahre gekommene Niederländer konnte die Erwartungen nie erfüllen. Foto: Imago

Mit Netzers Ausstieg beginnt die Zeit der schlecht durchdachten Transfer-Desaster. Nach dem Gewinn des DFB-Pokals verpflichtet der HSV 1987 auf Anraten des damaligen Trainers Josip Skoblar Torhüter Mladen Pralija. Einer von vielen teuren Volltreffern – für die Gegner.

Jörg Albertz ist 30 und schon weit über seinem Zenit, als er 2001 nach fünf Jahren von den Glasgow Rangers an die Elbe zurückgeholt wird – eine damals ungeheuerlich wirkende Summe von fünf Millionen Euro wird von Hamburg nach Schottland überwiesen. Marcel Ketelaer gilt als Super-Talent, als er mit prächtigem Salär von Gladbach nach Hamburg gelotst wird. Schnell aber wird klar, dass der gehypte Linksfuß kaum bundesligatauglich ist.

In den letzten Jahren wurden die Transfer-Fauxpas immer verheerender und angesichts der Gehälter und Ablösesummen zu einer enormen wirtschaftlichen Belastung. Mit den Käufen von Rückkehrer van der Vaart (13 Millionen), und Sturm-Talent Marcus Berg (knapp 10 Mio.) tätigte der Club die teuersten Transfers in der Vereinsgeschichte – beide wurden als Stars gepriesen und zum Millionengrab. Diese Transfer-Debakel sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Abwehr-Recke Heiko Westermann kam von Schalke 04. Die Angebots-Summe von 7,5 Millionen ließ die klammen Knappen jubeln. Chrisantus, Kacar, Neves, Rozehnal, Diekmeier – die Liste der teuren Fehlgriffe in den letzten Jahren lässt sich nach Belieben fortsetzen. Auch in der Jugendarbeit hat der Verein trotz HSV-Campus und hoher Investitionen den Anschluss verpasst. Der Abgang des Seeler-Enkels Levin Öztunali nach Leverkusen ist ein Sinnbild für den Niedergang.

3. Ende der Beiersdorfer-Ära

Die Unstimmigkeiten zwischen HSV-Boss Bernd Hoffmann (l.) und Dietmar Beiersdorfer wurden immer größer, so dass man sich offiziell „einvernehmlich“ trennte.
Die Unstimmigkeiten zwischen HSV-Boss Bernd Hoffmann (l.) und Dietmar Beiersdorfer wurden immer größer, so dass man sich offiziell „einvernehmlich“ trennte. Foto: dpa

Zwei Mal fünfter Platz, ansonsten unteres Mittelmaß – so lassen sich die 1990er Jahre des HSV zusammenfassen. Mit Butt, Präger und Yeboah wird man 2000 aber Dritter in der Tabelle, was ein Ausreißer bleibt. Maßgeblichen Anteil am Wiedererstarken des HSV ab 2002 hat Dietmar Beiersdorfer. Als Sportchef baut der Ex-Nationalspieler ab 2004 ein florierendes An- und Verkauf-Netz für aufstrebende Spieler auf – ohne dabei den mannschaftlichen Erfolg aufs Spiel zu setzten. Stars wie Rafael van der Vaart, Nigel de Jong, Vincent Kompany, Daniel Van Buyten oder Ivica Olić lockt er in die Hansestadt. Von 2002 bis 2009 gehört der HSV daraufhin wieder zu den besten Mannschaften in Deutschland. Sechs Jahre hintereinander spielt man international.

Es sind die inneren Querelen, die die Erfolgskurve wieder nach unten rutschen lassen. Zwar wird die Saison 2008/09 mit Erreichen des UEFA-Cup-Halbfinals und dem dritten Platz in der Bundesliga die erfolgreichste des HSV seit 27 Jahren – doch intern herrscht Stunk: Erfolgstrainer Martin Jol, der nach einem schmerzhaften Saison-Finale nicht ohne Neuaufbau nicht weitermachen will, sagt nach nur einem Jahr Hamburg „Tschüss“. Ein Dauer-Zoff mit HSV-Boss Bernd Hoffmann besiegelt das unrühmliche Ende der Ära „Sportchef Beiersdorfer“. Am 23. Juni 2009 packt „Didi“ seine Koffer. Seitdem hat der ruhmreiche Verein ein Transfer- ein Trainer- und ein Sportchef-Problem.

4. Trainer-Kompetenz verzweifelt gesucht

Martin Jol war der letzte Trainer beim HSV, der Erfolg hatte.
Martin Jol war der letzte Trainer beim HSV, der Erfolg hatte. Foto: dpa
 

Der Trainerstuhl in Hamburg scheint morsch. 16 Trainer in 14 Jahren hat der HSV verschlissen – das ist nicht nur für den HSV, sondern auch für die gesamte Bundesliga ein historischer Wert. Die Jungspunde Thorsten Fink und Michael Oenning schafften es nicht, der erfahrene Meistertrainer Armin Veh biss auf Granit und auch der WM-Finalist Bert van Marwijk wusste im Hamburger Umfeld nicht mehr, was er tat. Der Ruf nach dem starken Mann wurde zuletzt laut, um die Trainer-Misere endlich zu deckeln. Doch der eng mit dem Verein verwurzelte Ex-Kapitän Felix Magath wurde sich nicht mit dem Vorstand einig. Die zahlreichen Abfindungen und Gehaltszahlungen nagen auch an der wirtschaftlichen Substanz des Clubs.

Es hätte auch anderes laufen können: 2008 war man sich mit dem damaligen Mainzer Trainer Jürgen Klopp bereits handelseinig, doch Teilen der sportlichen Führung erschien der heutige Erfolgscoach nach reiflicher Überlegung nicht hanseatisch genug. Klopp ging daraufhin nach Dortmund und führte ein anderes Sorgenkind der Liga in die Erfolgsspur zurück. Immerhin konnte sich die HSV-Führung zu dieser Zeit zu einem Kompromiss zusammenraufen, der Martin Jol hieß.

5. Die Kleinigkeiten

Bremer Fans feiern ein monströses Abbild der legendären Papierkugel wie einen Pokal.
Bremer Fans feiern ein monströses Abbild der legendären Papierkugel wie einen Pokal. Foto: Imago

Phrasen gehören zum Fußball wie Rasen, Bier und Wurst. Eine oft zitierte – die laut Oliver Kahn auf Giovanni Trapattoni zurückzuführen ist – ist diejenige, dass es meist Kleinigkeiten sind, die knappe Spiele entscheiden. Dass so eine Kleinigkeit auch ein zerknülltes Platt Papier sein kann, zeigt die HSV-Historie. Zumindest trug eine inzwischen legendäre Papierkugel ihren Teil dazu bei, dass die Rothosen am Ende der so erfolgreichen Jol-Saison den Rasen unter den Füßen verloren und im Uefa-Cup-Halbfinale 2009 gegen den Erzrivalen Werder Bremen den Kürzeren zog.

Weil ein zerknülltes Blatt Papier, das vorher Bestandteil der Choreographie der Hamburger Fans war, das Leder ablenkte, verursachte HSV-Verteidiger Gravgaard bei Versuch eines Rückpasses einen Eckball mit schweren Folgen. Diegos Hereingabe verlängerte Hugo Almeida zu Baumann, der per Kopf das entscheidende 1:3 erzielte (83.). Bei einem Unentschieden wären die Hamburger zum Uefa-Cup-Finale nach Istanbul gefahren. Auch im DFB-Pokal verloren die Rauten-Kicker das Halbfinale gegen Bremen. In wenigen Tagen hatten sie bei vier Aufeinandertreffen gegen den Nord-Rivalen Werder alle Chancen auf Titel verspielt. Ein tiefreichender sportlicher Knacks, den Martin Jol eigentlich mit einem Neuaufbau der Mannschaft reparieren wollte – man ließ ihn jedoch nicht.

6. Der Fisch stinkt vom Kopf

Frank Arnesen sollte den Verein an die Spitze zurückführen, doch an viel mehr als rote Zahlen und fragwürdige Spieler-Verpflichtungen von der Resterampe seines Ex-Clubs wird man sich beim Gedanken an seine Person nicht erinnern.
Frank Arnesen sollte den Verein an die Spitze zurückführen, doch an viel mehr als rote Zahlen und fragwürdige Spieler-Verpflichtungen von der Resterampe seines Ex-Clubs wird man sich beim Gedanken an seine Person nicht erinnern. Foto: dpa

Der erste Abstieg wäre nur die logische Konsequenz aus jahrelanger Misswirtschaft und Missgunst in der Hansestadt. Die Führungskrise des Traditionsvereins auf der sportlichen und der geschäftlichen Ebene schwelt seit Jahren und lässt ein konzentriertes Arbeiten der Mannschaft kaum zu – wenigstens da sind sich alle einig. Selbst der ikonenhafte Präsident Uwe Seeler gab 1998 nach drei Jahren entnervt auf. Obwohl es wenn es ihm nie negativ angelastet wurde: Auch er hatte den Laden nicht im Griff.

Das über Jahre andauernde Gerangel in der Führungsriege des Vereins endete im Februar im Chaos. Nach dem Engagement von Trainer Mirko Slomka und der kostspieligen Entlassung von van Marwijk schmissen als Folge des internen Machtkampfes fünf der elf Aufsichtsräte hin. Wer den HSV aus der andauernden Krise führen könnte und ob eine Verpflichtung von Felix Magath ein gangbarer Weg sei – darüber stritt das Gremium über Wochen. Die nötige Zweidrittelmehrheit in dem Rat war allerdings nicht zustande gekommen. Magath sagte dem HSV daraufhin ab und wechselte zum FC Fulham.

Der jetzige Sportchef Oliver Kreuzer erwies sich früh als ungeschickt im Umgang mit den Medien. Vor der laufenden Saison wollte er seinem Schützling Rafael van der Vaart Motivationshilfe geben und sah ihn auf „einer Stufe mit Ribery und Robben“ – doch der scheinbar satte Niederländer erreichte nur selten Bundesliga-Niveau. Dem Milliardär und Gönner Klaus-Michael Kühne brannte bald die Sicherung durch und so machte schnell das Wort „Drittliga-Manager“ die Runde. Beim Schicksalsspiel am Wochenende erwartet der Kreuzer „lustlose“ Meister vom FC Bayern – die Frage ist, wen der Beteiligten er damit motivieren will.

Dem Traditionsverein droht angesichts sinkender TV-Gelder der Entzug der Spielgenehmigung für die Profiligen und damit der Totalabsturz in die Bedeutungslosigkeit für Jahre. Der Imageschaden wäre unvorstellbar. Doch der Dino muss, anders als andere Vereine, in einer solchen Situation nicht bangen, erst bei der nächsten archäologischen Ausgrabung wiederentdeckt zu werden. Kühne wäre bereit, für seinen Lieblingsklub zu bürgen. „Mein Engagement beim HSV würde auch im Falle eines Abstiegs gelten“, sagt der milliardenschwere Transportunternehmer, der trotz seiner Strohhalm-Funktion stets betont, nicht ins operative Geschäft einwirken zu wollen.

Alexander Otto war bis 2013 Mitglied des  elfköpfigen Aufsichtsrats. Außer der Zahl hatte das Gremium, dem er seit 2012 vorsaß, mit Fußball jedoch nicht viel am Hut. Vielmehr wurde der Verein zum Spielball seiner Funktionäre.
Alexander Otto war bis 2013 Mitglied des elfköpfigen Aufsichtsrats. Außer der Zahl hatte das Gremium, dem er seit 2012 vorsaß, mit Fußball jedoch nicht viel am Hut. Vielmehr wurde der Verein zum Spielball seiner Funktionäre. Foto: Imago

Zwei Spiele bleiben dem Dino noch, um die Uhr auf „51“ zu stellen. Möglicherweise werden es auch vier, sollte mit Platz 16 die Relegationsrunde erreicht werden. Viele sehen in einem möglichen Abstieg zwar eine Chance für die Zukunft, doch Reformen der prähistorischen Vereinsstrukturen des Dinos wie die Initative „HSVPlus“, die die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft vorsieht, würden wieder auf der Strecke bleiben. Kader, Stadion, Gehaltsstruktur, Marketing und der HSV-Geist sind komplett auf erste Liga getrimmt.

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erstellt am 03.Mai.2014 | 08:00 Uhr

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