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Abstiegs-Finale gegen Fürth : HSV: Worte können Dinos töten

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Der Hamburger SV hat sich in dieser Saison durch schwere Fehleinschätzungen und wirre Sprüche seiner Protagonisten selbst ins Abseits gestellt. shz.de blickt auf die auf die skurrilsten Zitate einer Katastrophensaison zurück.

Hamburg | Eine ungewohnte mediale Ruhe umgibt den Hamburger SV in diesen Tagen vor dem möglichen Ende seiner unbefleckten 51-jährigen Bundesliga-Geschichte. Es wirkt beinahe so, als wollten die Gazetten der Hansestadt der Mannschaft vor dem Relegationsduell gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth mit Zurückhaltung zum Erfolg verhelfen. Schließlich möchten die Medien dort auch in Zukunft mit „erstklassigen“ Schlagzeilen versorgt werden. Eben solche lieferten die Hanseaten in der abgelaufenen Saison zuhauf.

Mit den Worten „ich erwarte eine Steigerung zur vergangenen Saison, und das ist Platz sechs“, steckt HSV-Präsident Carl-Edgar Jarchow Ende Juni 2013 die Marschroute für die Saison 2013/14 fest. Das erschien auf den ersten Blick nicht mal unrealistisch, schließlich erreichte der Club in der Vorsaison den siebten Tabellenplatz – wenn auch nur mit 48 Punkten.

Das findet Trainer Thorsten Fink auch: „Wir hatten schon voriges Jahr heimliche Ziele und waren drauf und dran, in die Europa League einzuziehen. Jetzt können wir offensiv damit umgehen und sagen: 'Wir wollen dorthin'.“

Ohnehin ist der Club ja eine große Adresse in der Fußballwelt, erinnert der neue Sportdirektor Oliver Kreuzer die Anwesenden stolz bei seiner Vorstellung: „Der HSV ist ein großer Verein mit großer Tradition und steht auf einer Stufe mit Bayern, Dortmund und Schalke“. Kreuzers Quintessenz: „Das Ziel sind Titel.“

Foto: dpa

Mit sehr viel weniger Respekt heißt Milliardär und Edelfan Klaus-Michael Kühne den neuen Sportdirektor in der Hansestadt willkommen: „Ich kenne Oliver Kreuzer gar nicht, für mich ist er ein unbeschriebenes Blatt. Ich hätte mir einen wie Felix Magath als einflussreichen Vorstand und Sportchef gewünscht.“ (Juli 2013, wenige Tage nach Dienstantritt Kreuzers)

Dann holt der Milliardär nochmals kräftig aus: „Einfach ist diese Aufgabe (des Sportdirektors) wirklich nicht. Aber gerade deswegen müsste man einen Top-Mann holen, der dieser Aufgabe gewachsen ist - und eben keinen Drittliga-Manager.“ Die spottende Bezeichnung „Drittliga-Manager“ wird zum geflügelten Wort - distanziert hat sich der reiche Logistik-Unternehmer davon nie.

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Kreuzer hingegen dreht weiter an der Lautstärke – möglicherweise um Zwischentöne unhörbar zu machen. Doch vor allem für eine Aussage erntet er teils tosendes Gelächter: „Ich traue ihm (Rafael van der Vaart) zu, dass er diese Saison wieder einige Prozent zulegt, bei uns eine tragende Rolle spielt und auch in der Bundesliga zu dem Spieler werden kann, der er einmal war und so wieder auf einer Stufe mit Ribéry und Robben steht.“

Kapitän van der Vaart bemüht sich zu Saisonbeginn um Einklang: „Man muss immer versuchen, sich zu verbessern. Das bedeutet bei uns Platz sechs und damit die Europa League. Das Ziel des HSV kann nicht sein, um Platz zehn mitzuspielen“ (09.07.2013, HSV.de)

Der einst so gefeierte niederländische Glamour-Boy wird schließlich zum Gesicht der HSV-Krise werden. In der ersten Halbserie erzielt er immerhin sieben Tore (davon zwei Elfmeter) und bereitet weitere sechs vor. Doch in der vom Abstiegskampf geprägten Rückrunde taucht der vermeintliche Führungsspieler völlig unter. Das Sportmagazin „Kicker“ kommt auf einen Notendurchschnitt von 4,6. „Wenn van der Vaart nicht die Ecken und Freistöße schießen würde, würde er gar nichts machen“, ätzte der Ex-HSV-Profi Stefan Schnoor vor kurzem im Sport1-„Doppelpass“ gegen den teuersten HSV-Spieler aller Zeiten.

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„Wir geben nicht zwei Tage frei, damit einer nach Mallorca fliegt, sondern damit jeder überlegt, wie er besser werden kann“, erklärt Trainer Fink im September wütend, nachdem sein Spieler Dennis Aogo den Kurzurlaub nach dem 1:5-Heimdebakel gegen Hoffenheim für einen Trip nach Mallorca genutzt hatte. Mit dieser öffentlich ausgetragenen Empörung nagt Fink jedoch auch an seinem eigenen Stuhl, war er doch ebenfalls für diverse Kurzreisen zu seiner in München lebenden Familie kritisiert worden.

Drei Wochen später nach der 2:6-Blamage bei Borussia Dortmund bleibt ihm nur noch Galgenhumor:  „Wir machen jetzt drei Tage frei“. Doch trotzig fügte er hinzu: „Die Saisonziele werden nicht revidiert“. Zwei Tage später ist er seinen Job los: Saisonziele gefährdet.

Mitte September stellt sich die Frage: „Wer wird Finks Nachfolger?“ Im Interview mit dem Kicker gibt Geldgeber Kühne aus Versehen die Richtung vor – ausdrücklich ohne Gestaltungsansprüche erheben zu wollen. „Ich möchte keinen Einfluss nehmen, sondern Ratschläge geben. Matthäus wünsche ich mir nicht, Effenberg hielte ich für ein gewagtes Experiment. Schaafs erfolgreiche Zeit ist meines Erachtens vorbei.“ Kühne koppelt weitere Millionen an die Verpflichtung seines Wunschkandidaten Felix Magath als starken Mann – doch daraus wird nichts.

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„Marcell Jansen, Heiko Westermann und René Adler, ein 17 Jahre altes Talent und Johan Djourou – das muss hinten normalerweise reichen“, sagt der neue Trainer Bert Van Marwijk zu Beginn seiner Tätigkeit bei den Rothosen. „Wenn alles normal laufen würde, würde der HSV um die Plätze eins bis sechs kämpfen.“ Doch die prognostizierte Normalität will nicht einkehren – Hamburg bleibt auch unter der Leitung des Niederländers die Schießbude der Liga. „Letztlich fehlt es auch an Qualität“ wird er nach seiner Entlassung eingestehen.

„Ich korrigiere die Ziele nicht“, gibt sich HSV-Präsident Carl Jarchow Mitte November gegenüber Hamburger Zeitungen bissig. Der 14. Platz in der Tabelle und das am Wochenende zuvor mit gegen 5:3 Bayer 04 Leverkusen verlorene Spiel sprechen eine andere Sprache. Dreifacher Torschütze für Bayer ist ausgerechnet der Hamburger Jung Heung-Min Son.

Die demonstrative Euphorie weicht im Winter einer kollektiven Ratlosigkeit. Alarmismus macht sich breit: „Ich habe das Gefühl, wenn es so weitergeht, dass der Verein sich selber zerstört. Das ist unglaublich schade für den schönen Verein“, klagt Trainer Bert van Marwijk über das sportliche Kuddelmuddel im Club. „Es sind alles Gefühle und Spekulationen. Ich habe keine Fakten“, beschreibt der FDP-Politiker und Präsident Jarchow die Situation. Der Fußballverein, der sich neu strukturieren will, verliert den Rasen unter den Füßen.

Nach acht Niederlagen in Folge fliegt van Marwijk Mitte Februar raus. Die Führungsriege zerbricht an der Frage, ob Felix Magath den Verein als „Super-Sportdirektor“ retten soll. Fünf Aufsichtsräte verlassen ihre Posten. Auch der ehemalige Vorsitzende Manfred Ertel schmeißt hin – man wolle ihn nötigen, schreibt er bei Facebook: „Ich bin unter Vortäuschung falscher Tatsachen in eine Personaldebatte über eine mögliche Zusammenarbeit mit Felix Magath getrieben und anschließend durch gezielte Indiskretionen über Medien, durch die Verbreitung von Halbwahrheiten und auch Fehlinformationen genötigt worden, der Personalie um jeden Preis zuzustimmen.“

Trainer Mirko Slomka ging seine Aufgabe mit großem Engagement an.
Trainer Mirko Slomka ging seine Aufgabe mit großem Engagement an. Foto: dpa
 

„Der Zusammenhalt des Teams ist außergewöhnlich gut“, lobt der neue Trainer Mirko Slomka seine Mannschaft kurz nach Amtsantritt im Februar. „Das ist ein großartiger Verein mit einer tollen Mannschaft“ und er müsse lediglich „an ein paar Stellschrauben drehen“, um den Verein wieder fit zu machen. Erstmals in der Saison wirkt die konsequente Ausblendung der Realität nicht kopflos.

„Ich warte schon seit Wochen auf eine Reaktion der Mannschaft. Sie hat es auf die Spitze getrieben“, stellt Oliver Kreuzer wenige Spieltage später aber resigniert fest. Hat sich der Dino bereits aufgegeben?

Kurz vor dem Saisonfinale beschwört der Sportdirektor wieder Tugenden aus der Fußball-Steinzeit, als man das Spielgerät noch „Leder“ nannte: „Sie (die Spieler) müssen verstehen, dass es um alles geht, um ihre Existenz, um die Existenz des Vereins. Wir müssen uns gegen Hertha den Hintern aufreißen.“ Van der Vaart fordert im Gleichklang: „Wir müssen Eier zeigen“.

HSV-Boss Jarchow gab vor der Saison Platz sechs als Ziel vor, nun bangt er mit dem HSV um den Klassenerhalt.
HSV-Boss Jarchow gab vor der Saison Platz sechs als Ziel vor, nun bangt er mit dem HSV um den Klassenerhalt. Foto: dpa
 

„Eine Mannschaft in dieser Verfassung, und vor allem mit dieser Führung, steht zwangsläufig vor dem Abgrund“, sagt Vereins-Liebling Uwe Seeler, der im Laufe der Saison fast schon obligatorisch und im Wochentakt seine Sorgen um seinen Club geäußert hatte, im Gespräch mit dem „Handelsblatt“. Die gute Seele des Vereins schießt vor den Schicksalstagen damit ungewohnt scharf in Richtung des Vorstandsvorsitzenden Carl-Edgar Jarchow.

Dieser richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf das überraschende HSV-Highlight dieser Saison: Hinspiel der Relegation gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth. „Wir müssen vorlegen und im Rückspiel den Deckel drauflegen. Wie, ist völlig egal“, fordert der HSV-Boss und stellt für den Erfolgsfall schon einmal klar: „Eine Nicht-Abstiegs-Prämie wird es nicht geben. Das wäre ja noch schöner!“

Ohne die „Abstiegsprämie“ des Vereins-Mäzens Kuehne in Form einer Bürgschaft wäre der Club im Fall der Fälle aber nahe an einem Lizenzentzug. Möglicherweise würde sich der Bundesliga-Dino ab Sommer in der Regionalliga wiederfinden. Doch so weit lässt Kühne es nicht kommen - sofern er den Einfluss bekommt, den er nach eigener Aussage ja eigentlich gar nicht will.

 
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erstellt am 15.Mai.2014 | 05:30 Uhr

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