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Fussball

16. August 2017 | 17:25 Uhr

Fußball : HSV vor der Zerreißprobe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Showdown beim Hamburger SV: Die Basis stimmt am Sonntag darüber ab, ob aus dem Fußballverein auch formal ein Wirtschaftsunternehmen werden soll.

Hamburg | Es gibt beim Hamburger SV, man mag es kaum glauben, immer noch einen Grundkonsens. Eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner, der streng genommen sogar recht groß ist. Denn nahezu alle, denen der HSV am Herzen liegt, wollen in Sachen Clubstruktur einen Neuanfang – und auf keinen Fall ein „Weiter so“. Immerhin. „Die Strukturen des Vereins passen nicht mehr ins moderne Fußballgeschäft. Die unmögliche Satzung und die Qualität des Aufsichtsrats verhindern notwendige Entscheidungen“, sagte beispielsweise Ex-HSV-Manager Günter Netzer. Das Problem ist jedoch: Die Vorstellungen darüber, mit Hilfe welcher Satzungsänderungen aus einem erfolglosen, hochverschuldeten und von Machtkämpfen gelähmten Club wieder ein zukunftsfähiger Fußball-Bundesligist werden soll, gehen weit auseinander. Deshalb tobt der Kampf um den HSV so vehement – und ein Ende ist nicht absehbar. Am Sonntag (ab 11 Uhr) ist es nun zunächst an den Mitgliedern, die Weichen für eine vermeintlich bessere Zukunft zu stellen.

Mehr als 10.000 HSVer werden zu der spannungsgeladenen Versammlung im Congress Center Hamburg (CCH) erwartet, es wird die größte Zusammenkunft dieser Art in der Clubhistorie. In den Händen der Mitglieder liegt es, einem der fünf in Sachen Strukturreform zur Wahl stehenden Konzepte den Zuschlag zu geben. Eine einfache Mehrheit reicht aus, um den Vorstand zu beauftragen, die gewählte Reform vorzubereiten. Bei einer Außerordentlichen Mitgliederversammlung im Frühjahr müssten dann allerdings drei Viertel der Mitglieder erneut für die Reform stimmen, damit sie umgesetzt werden kann.

Als Favorit gilt die Initiative „HSVPlus“, die von Ex-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff ins Leben gerufen wurde. Bei einer Umfrage einer Hamburger Zeitung sprachen sich 89 Prozent der Teilnehmer für „HSVPlus“ aus. Inhaltlich wollen Rieckhoff und Co. die Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein, die Öffnung des Clubs für Investoren sowie die Verkleinerung des ständig in der Kritik stehenden Aufsichtsrats. Die breite Zustimmung für „HSVPlus“ ist aber nicht nur mit inhaltlichen Aspekten zu erklären. So kann die Initiative die beste Öffentlichkeitsarbeit, die meisten prominenten Unterstützer (Ex–HSV-Größen wie Ditmar Jakobs, Thomas von Heesen, Holger Hieronymus) und das Wohlwollen von Investor Klaus-Michael Kühne (Foto) für sich reklamieren.

„Ich unterstütze diese Bewegung“, sagte der milliardenschwere Unternehmer mit Blick auf „HSVPlus“. Zudem stellte Kühne dem von jahrelanger Misswirtschaft gebeutelten und mit knapp 100 Millionen Euro verschuldeten Club eine Soforthilfe in Höhe von 25 Millionen Euro in Aussicht. Diese ist allerdings eng an personelle Forderungen – unter anderem die Inthronisierung von Felix Magath als Vorstandsboss – gebunden.

Den stärksten Kontrast zu Rieckhoffs Programm bietet die Initiative „HSV-Reform“, die sich gegen die Ausgliederung des Profifußballs sowie die Veräußerung von Anteilen stellt. Kopf der Kampagne ist Johannes Liebnau, der als Capo, also als Vorsänger, großen Rückhalt in der Nordkurve und in der Fanorganisation „Supporters“ genießt.

Die Fronten ziehen sich derweil quer durch den Verein. Manche Protagonisten sprechen sich laut, andere eher im Flüsterton für ihren jeweiligen Favoriten aus. Profis wie Rafael van der Vaart und Marcell Jansen werben offen für „HSVPlus“. Clubchef Carl-Edgar Jarchow, Vorstandskollege Joachim Hilke sowie Sportchef Oliver Kreuzer gelten ebenfalls als Anhänger der Ausgliederung. Anders als Aufsichtsratsboss Manfred Ertel, der für die Ausgliederungsgegner von „HSV-Reform“ eintritt. Um das Chaos abzurunden, steigt mit Jürgen Hunke ein weiterer Aufsichtsrat mit einem eigenen Konzept in den Ring („Zukunft mit Tradition“).

Dass sich die konkurrierenden Gruppen noch auf einen Kompromiss einigen, bevor es zum Showdown kommt, ist ausgeschlossen. Zu groß sind die inhaltlichen Differenzen. Einzig zu einem gemeinsamen Appell, in dem sie die Fans zum „respektvollen Miteinander“ aufriefen, konnten sich Rieckhoff und Co. durchringen – Worte, die angesichts des im Club herrschenden Klimas, das von Misstrauen und Indiskretionen geprägt ist, jedoch wie Hohn klingen.

Björn Floberg, Aufsichtsrat und Befürworter der „HSV-Reform“-Initiative, graut nach eigenem Bekunden schon vor der Kampfabstimmung. Er prophezeit: „Sollte ein Modell durchkommen – egal, welches –, gibt es viele Verlierer. Damit wird dieser Verein noch tiefer gespalten, als er es jetzt schon ist.“ Unabhängig davon, wie es Sonntag ausgeht, scheint in der Tat festzustehen: Der Kampf um eine bessere HSV-Zukunft ist noch lange nicht vorbei.  

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erstellt am 17.Jan.2014 | 07:39 Uhr

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