Holsteins Meistertraum platzt erst spät

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21. Juni 2010, 08:05 Uhr

In einem dramatischen Finale um die Deutsche Meisterschaft verlor Holstein Kiel am 22. Juni 1930 gegen Hertha BSC unglücklich mit 4:5. Die Störche kehrten als "Meister der Herzen" heim.

Zum dritten Mal nach 1910 und 1912 steht Holstein Kiel im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft. An der Förde ist man stolz, auf dem Weg ins Finale Größen wie den Hamburger SV, Eintracht Frankfurt und den Dresdner SC aus dem Weg geräumt zu haben. "Überall im deutschen Fußball-Lande redet man in dieser Woche von Holstein Kiel", stellt die Vereinszeitung fest.

Das gilt nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für den Klub. Seit dem 22. Januar 1930 sitzt der KSV Holstein Hermann Langness vor. Unter dem begeisterten Segler und Lebensmittelgroßhändler hat die KSV die Umwandlung von einem ehrenamtlich geführten Amateurklub zu einem ambitionierten Fußball-Unternehmen geschafft. Kaum im Amt, hatte Langness mit dem Wiener Carlos Heinlein einen "Berufstrainer" engagiert, der den Kieler Störchen mittels der "Wiener Schule" den letzten Schliff auf dem Weg nach oben wies.

Das KSV-Kollektiv war über die Jahre gewachsen und stärker geworden. Mit Franz "Seppl" Esser, Walter Krause, Hannes Ludwig, Oskar Ritter, "Cally" Schulz, Kurt Voß, August Werner und Werner Widmayer umfasste es immerhin acht Nationalspieler. Holsein Kiel wirkte wie ein Magnet für Fußballtalente aus dem ganzen Norden. So war mit Oskar Ritter ein Hamburger Arbeiterfußballer zur KSV gekommen, hatte sich mit Werner Widmayer eines der größten Talente seiner Zeit den Störchen angeschlossen, waren Walter Krause von Victoria Hamburg und Hannes Ludwig von Stadtrivale Hohenzollern-Hertha (heute VfB) ins Holstein-Stadion gekommen.

Die Endspielpartie gegen Hertha BSC war ein Spiel mit Vergangenheit. 1927 und 1928 hatten die Störche in den Endrunden um die "Deutsche" gegen die Berliner jeweils den Kürzeren gezogen. Nun sann man auf Revanche, während Hertha BSC zum fünften Mal im Finale stand und nach vier Niederlagen in Folge endlich die "Viktoria" einsacken wolle.

Doch den Holstein-Fans unter den 40.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion stockte schon vor dem Anpfiff erstmals der Atem. Schiedsrichter war ausgerechnet Willy Guyenz aus Essen, der die Störche 1926 bei ihrer 1:3-Halbfinalniederlage gegen Fürth nicht gerade wohlwollend behandelt hatte. Würde er heute auf Seiten der Störche stehen?

Die KSV trat in Bestbesetzung an und galt gegen die Hertha mit ihren Ausnahmekönnern Gehlhaar, Ruch, Sobek, Lehmann und Kirsei als Außenseiter. Doch Holsteins gefürchtete Sturmstärke stach auch in Düsseldorf. Nach nur vier Minute brachte Widmayer die Störche in Führung, und als Ritter vier Minuten später bereits auf 2:0 erhöhte, breitete sich an der Förde Jubelstimmung aus, zumal Widmayer kurz darauf nur knapp das 3:0 verpasst.

Doch die Hertha wollte nicht zum fünften Mal in Folge das Finale verlieren. Schon gar nicht Nationalstürmer Hanne Sobek, der seine Mannschaft vehement antrieb. In der 22. Minute überwand er KSV-Keper Alfred Kramer zum 1:2, und nur vier Minuten später bejubelte Sobek bereits den Ausgleich. Das Spiel wurde nun zur offenen Schlacht. Drei Minuten nach dem Ausgleich brachte Ludwig die KSV erneut in Führung, die allerdings lediglich sieben Minuten Bestand hatte, ehe "Tute" Lehmann abermals für Hertha ausglich.

Mit 3:3 ging es in die Pause. Nach Wiederanpfiff übernahm Hertha sofort das Geschehen. Vor allem Sobek war nicht mehr zu bändigen, und als Lehmann in der 68. Minute eine Traumkombination zum 4:3 abschloss, hatte der Favorit alle Trümpfe in seinen Händen.

Dann kam der Auftritt von Schiedsrichter Guyenz. Zehn Minuten vor Schluss schickt der Essener Unparteiische urplötzlich KSV-Spielmacher Ludwig vom Platz - Ludwig hatte nach einer Guyenz-Entscheidung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, was der Unparteiische als platzverweiswürdiges Vergehen wertete.

Fassungslos blickte das Publikum Ludwig auf seinem Weg in die Katakomben hinterher. Alle waren sich einig: Das war nie und nimmer ein Platzverweis! Wütend warf sich das neutrale Düsseldorfer Publikum nun kollektiv auf die Seite Holsteins. 120 Sekunden später war das Rheinstadion bereits ein Tollhaus. "Das Publikum tobt. Holstein! Holstein! Holstein!", bejubelte der "Fußball" Ritters Ausgleichstreffer.

Doch es gab kein Happy-end für die KSV. Drei Minuten vor Schluss markierte Ruch den 5:4-Siegtreffer der Hertha, und Holstein Kiel ging als Verlierer vom Platz.

Der Empfang in Kiel war dennoch überwältigend. "Die Begeisterung kennt kein Ende. Mehr kann in der Fremde und zu Hause kein deutscher Meister gefeiert werden; noch nie aber ist in dem Umfange fern und daheim der Unterliegende umjubelt werden. Der Besiegte wurde der Sieger", heißt es. 71 Jahre vor dem FC Schalke 04 wurde Holstein Kiel erster "Meister der Herzen" in Deutschland.

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