Restrunden-Auftakt in der 2. Bundesliga : Holstein Kiel-Trainer Markus Anfang: „Wir leben vom Kollektiv“

Holstein-Trainer Markus Anfang will mit Demut und Respekt die Restsaison in der 2. Fußball-Bundesliga angehen.

Holstein-Trainer Markus Anfang will mit Demut und Respekt die Restsaison in der 2. Fußball-Bundesliga angehen.

Der Tabellenzweite mischt im Rennen um den Aufstieg kräftig mit. Doch Trainer Markus Anfang reagiert gelassen auf den Hype um den Club aus dem Norden.

shz.de von
22. Januar 2018, 08:39 Uhr

Kiel | Mit Demut und Respekt will Trainer Markus Anfang mit Holstein Kiel die Restsaison in der 2. Fußball-Bundesliga angehen. Vor dem ersten Punktspiel des Jahres am Dienstag gegen Union Berlin will der 43-Jährige von Aufstiegsambitionen noch nicht viel wissen: „Unser Gedanke war vor der Saison, einfach nur guten Fußball zu spielen und sich zu freuen, dass wir nach 36 Jahren wieder in der 2. Liga spielen“, sagte Anfang im Interview. An dieser Zielsetzung habe sich auch in der Rückrunde nichts geändert.

Der 43-jährige Markus Anfang ist seit August 2016 Trainer bei Holstein Kiel. In der vergangenen Saison führte er den Club nach 36 Jahren zurück in die 2. Bundesliga. Anfang war selbst Profi und spielte unter anderen für Fortuna Düsseldorf und Schalke 04. Seine größten Erfolge feierte er in Österreich, wo er von 2000 bis 2002 beim FC Tirol Innsbruck dreimal Meister wurde.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Restsaison in der 2. Bundesliga entgegen?

Wir haben uns ja schon im Sommer riesig gefreut, jetzt Teil dieser 2. Liga zu sein. Nichts anderes ist es nach der Winterpause für uns jetzt auch. Wir freuen uns auf die Rückrunde. Wir wissen halt auch, dass wir mit Demut und Respekt rangehen müssen. Aber ich glaube auch, dass wir in der Hinrunde guten Fußball gezeigt haben. Wir wollen weiter von Woche zu Woche beweisen, dass wir unseren Fußball spielen können.

War das 1:3 in Sandhausen unmittelbar vor der Winterpause ein Stimmungsdämpfer?
Nein, überhaupt nicht. Man darf ja nicht vergessen, wir sind Aufsteiger. Wir haben in Sandhausen ein Spiel verloren. Ärgerlich war, wie wir das Spiel verloren haben. Das war eine unnötige Niederlage. Aber das passiert halt auch. Es ist ja auch nicht gesagt, dass man, wenn man guten Fußball spielt, auch jedes Mal belohnt wird Das zeigt uns ja auch, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir uns so oft belohnt und diese positiven Ergebnisse erzielt haben.

Wie zufrieden waren Sie mit der Wintervorbereitung, speziell mit dem Trainingslager in Spanien?
Die Voraussetzungen im Trainingslager waren sehr gut. Insgesamt war die Vorbereitung aber durch kleinere Verletzungen etwas schleppend. Doch das gehört auch zum Fußball dazu.

Vor der Saison soll das Wort Klassenverbleib auf Ihrem Index gestanden haben. Steht auch das Wort Aufstieg auf diesem Index?
Nein. Wir hatten auch nicht Klassenverbleib auf dem Index. Wir wollten in die Liga starten, um etwas zu gewinnen, und nicht, um etwas zu verhindern. Unser Gedanke war vor der Saison, einfach nur guten Fußball zu spielen und sich zu freuen, dass wir nach 36 Jahren wieder in der 2. Liga spielen. Mit Überzeugung und Mut auftreten, aber auch mit dem nötigen Respekt und der Demut, dass es auch schwierig wird in der Liga. An dieser Zielsetzung hat sich auch in der Rückrunde nichts geändert.

Sie haben etliche Spieler wie Marvin Duksch, Kingsley Schindler oder Dominick Drexler in Ihrem Kader, die in ihren alten Clubs eher eine Nebenrolle gespielt haben, bei Ihnen sich aber in den Fokus spielen. Was ist Ihr Rezept?
Wir leben vom Kollektiv und versuchen, jedem die Möglichkeit zu geben, sich bestmöglich in Szene setzen zu können, für die Mannschaft und – wenn es für die Mannschaft funktioniert – auch für sich. Der einzelne Spieler kommt wesentlich besser zum Tragen, wenn dieses Kollektiv passt. Es wird spannend sein in der Rückrunde, ob sie alle in der Lage sind, diesen Weg weiterzugehen.

Sie sind optimistisch, dass es so sein wird?
Damit die Mannschaft funktioniert, wird jeder sein Ego herunterschrauben und sich in den Dienst der Mannschaft stellen müssen. Dann werden wir auch die Möglichkeit haben, guten Fußball zu spielen. Was wir nicht planen können, sind Ergebnisse. Deshalb kann es auch sein, dass wir in der Rückrunde genauso guten Fußball wie in der Hinrunde spielen, aber vielleicht nicht so häufig belohnt werden. Das ist aber auch nicht so dramatisch, so lange wir guten Fußball spielen.

Holstein Kiel ist ein Verein mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln. Müssen Sie am Saisonende einen Spieler-Aderlass fürchten?
Das weiß ich nicht. Das ist Sache von Ralf Becker (Holstein-Sportdirektor). Das ist aber auch der Lauf der Dinge im Fußballgeschäft. Auch wenn jeder Spieler sich hier im Kollektiv beweisen muss, hat jeder Spieler auch seine eigene Karriere und seine Vorstellung über seine eigene Karriere. Das muss man auch respektieren und akzeptieren, dass jeder das Beste aus seiner Karriere machen möchte. Was das für Holstein Kiel bedeutet, das wird sich halt zeigen.

Sie haben in Ihrer Spielerkarriere viele Trainer kennengelernt. Welche Trainer haben Sie am meisten beeinflusst?
Jeder Trainer hat seine Eigenarten. Auch die Situationen in den jeweiligen Vereinen waren jedes Mal unterschiedlich. Am meisten gelernt habe ich aber durch mich selbst. Dadurch, dass du die Situationen erlebt hast und dir vorgestellt hast, wie würdest du am liebsten vom Trainer behandelt werden. Du hast dir vielleicht erhofft, dass das Eine oder Andere anders gelaufen wäre und versuchst dich, daran zu erinnern und die Jungs da abzuholen, wo du damals nicht abgeholt wurdest. Das gelingt mal ganz gut, mal weniger. Das ist der Anspruch, den wir hier haben. Dass wir die Jungs nicht nur als Fußballer, sondern auch als Menschen sehen.

Sind Sie mehr ein strenger und autoritärer Trainer oder lassen Sie ihren Spielern die Freiheit?
Was heißt streng oder autoritär? Man muss konsequent sein. Das kann auch mal emotional sein, das kann auch sehr unaufgeregt sein. Jeder muss wissen, was der Teil ist, den er beeinflussen kann, was seine Aufgabe ist. Die Jungs sollen herkommen, sollen sich wohlfühlen, sollen in einer gewissen Harmonie leben. Sie sollen aber auch wissen, dass wir Trainer die Entscheidungsträger sind und sie mit unseren Entscheidungen zu leben haben. Wenn das jemand nicht will, dann ist das auch nicht schlimm. Dann hat er für sich eine Entscheidung getroffen, dass er nicht Teil der Gruppe sein möchte. Dann muss er mit der Konsequenz leben.

Ihre erfolgreiche Arbeit ist allem Anschein nach auch Bundesliga-Clubs nicht verborgen geblieben. Sie wirkten leicht gereizt, als Sie auf Spekulationen angesprochen worden sind.
Wenn du in einer Phase bist, in der die Mannschaft wahnsinnig gute Spiele abgeliefert hast und du unmittelbar nach einem Spiel auf deine Person angesprochen wirst, finde ich das nicht passend. Klar verstehe ich, dass solche Fragen gestellt werden müssen. Aber der Zeitpunkt war meiner Meinung nach unglücklich.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen