Relegation zur Zweiten Bundesliga : Holstein Kiel gegen 1860 München: Wer sind diese Löwen?

Niederlage in Karlsruhe: Münchner Fans brennen Feuerwerkskörper ab.
Niederlage in Karlsruhe: Münchner Fans brennen Feuerwerkskörper ab.

Nach 34 Jahren wollen die Störche in die Zweite Liga zurück. Im Relegations-Duell wartet eine „kaputte“ Mannschaft aus München. Die Münchner Arena wird im Rückspiel ausverkauft sein.

shz.de von
26. Mai 2015, 18:01 Uhr

Norderstedt/Kiel | „Wenn du so in Kiel auftrittst, bekommst du auf die Fresse“, sagt Christopher Schindler, der Kapitän von 1860 München vor dem am Freitag anstehenden ersten Relegationsspiel gegen die Holsteiner. Beim letzten Ligaspiel gegen den Karlsruher SC (0:2) war der Mannschaft kein Schuss aufs gegnerische Tor gelungen. Nach einer Rangelei von Ersatzkeeper Stefan Ortega und Stürmer Rodri musste Sportdirektor Gerhard Poschner zudem dazwischen gehen und öffentlich feststellen: „Die Mannschaft ist völlig kaputt.“ Auch die Fans verloren Nerven und Anstand und ließen Leuchtraketen auf den Platz und die Tribüne fliegen. Dabei wurde ein Ordner verletzt. Kein Wunder: Die Luft wird seit Jahren immer dicker in München.

Fest etabliert hatte sich der TSV 1860 München seit seinem Durchmarsch aus der Bayernliga im Jahre 1994 in der ersten Fußball Bundesliga, sogar den internationalen Wettbewerb erreichte man in den zehn Jahren bis zum Abstieg 2004 mehrfach. Seit der Saison 2012/13 sind die Löwen nun die am längsten amtierende Mannschaft in der 2. Liga. Seit elf Jahren plant man den Aufstieg, stagniert und rutscht unverhohlen aber immer weiter ab.

Das lange Ergrauen der Bundesliga-Löwen

Mit Falko Götz und der Allianz-Arena fing der lange Absturz an.
dpa

Der Zeitpunkt des Abstiegs hätte 2004 kaum verheerender sein können: Die 2005 eingeweihte Allianz Arena, die man in Union mit dem Erzfeind FC Bayern München errichtet hatte, war für den Verein ohnehin ein gewaltiges finanzielles Wagnis gewesen. In Verbindung mit dem Dauerabo für die zweite Liga hätte die Sportstätte den Club beinahe Kopf und Kragen gekostet.

Die sportliche Talfahrt nach der erfolgreichen Ära unter dem Grantlerkönig Werner Lorant begann mit Trainer Falko Götz, der später (2008 bis 2009) auch bei Holstein Kiel auf der Bank saß. Aufgrund der finanziellen Belastung durch den Stadionbau mussten die Löwen 2003 einige Altstars wie Thomas Häßler, Martin Max und Davor Šuker loswerden. Götz überzeugte die Vereinsführung im März des Jahres von seinem Neuaufbau-Konzept und wurde überraschenderweise noch in der Saison für die geschasste 1860-Legende Peter Pacult als Trainer im Löwenkäfig inthronisiert. Fünf Spieltage vor Ende der Folgesaison musste Götz gehen: Der Verein stand nach einer Serie von Niederlagen auf Platz 15 und stieg am Ende ab. Von diesem Nackenschlag haben die Löwen sich nie erholt.

Der Trainer und die Mannschaft

München Torsten Fröhling
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Torsten Fröhling ist der dritte Trainer der Saison.
 

Sie wollten Tiki-Taka spielen: Vor einem guten Jahr kam der Spanien-erfahrene Gerhard Poschner als Sportchef nach München und durfte reichhaltig einkaufen: 13 Spieler hat der Ex-Nationalspieler geholt und dazu drei Trainer installiert. Drei Profis von Barcelona B kamen, um den Wunsch vom Kurzpass-Spektakel zu erfüllen und die Investor zu besänftigen: Ilie Sanchez und Rodri konnten die Erwartungen allerdings nie erfüllen und sind bereits auf der Flucht und auch Edu Bedia hat nicht eingeschlagen. Konfus ging es die ganze Saison über vonstatten. Anfangs wurde der 18-jährige Julian Weigl kurioserweise zum Kapitän ernannt, später wurde im die Binde wieder weggenommen.

Die Fehler in der Kaderplanung, die Poschner vorgeworfen werden, wurden beim letzten Saisonspiel gegen Karlsruhe offensichtlich wie nie. Poschners dritter Coach, Torsten Fröhling (ehedem auch Trainer bei Holstein Kiel) wusste gar nicht mehr, wen er in der Abwehr aufstellen sollte. Eine Rumpfmannschaft trabte aufs Feld. Gelbgesperrt fehlten Stürmer Valdet Rama und Verteidiger Gary Kagelmacher, Innenverteidiger Gui Vallori fiel verletzt aus. Die vor der Saison von Gerhard Poschner angeschleppten Spanier Ilie Sanchez und Edu Bedia blieben außen vor – Torsten Fröhling lässt Fußball deutscher Art spielen. Zu guter Letzt erkältete sich auch noch Martin Angha.

Der Investor und die Lizenz

Hasan Ismaik
dpa
Hasan Ismaiks Millionen brachten nicht den erwarteten Erfolg.

Der jordanische Geschäftsmann Hasan Ismaik hält 60 Prozent des Vereins, aber aufgrund der DFL-Statuten nur 49 Prozent der Stimmrechte beim TSV 1860. 30 bis 50 Millionen soll er dem Club seit 2011 bereits bereitgestellt haben, um ihn wieder erstklassig zu machen. Doch trotz teurer Transfers und großem Etat war das Unterfangen nicht von Erfolgen gekrönt. Ismaik hält sich inzwischen sehr bedeckt und lässt sich nicht mehr in München blicken. Angeblich antwortet er seit Monaten nicht mal mehr auf Emails und Anrufe. Dazu sucht er angeblich seit längerem nach einem Abnehmer für seine Anteile – die Nachfrage tendiert gegen Null. Dennoch ist sich die Vereinsleitung sicher, dass der Investor den Verein auch in der Dritten Liga unterstützen würde. Sein Cousin und Statthalter Noor Basha – ein Mann der Vetos – soll ein positives Signal gegeben haben. Das Schreckgespenst Lizenzentzug wäre damit vom Tisch. Schon 1982 hatte der Traditionsverein aufgrund klammer Finanzen in die Bayernliga absteigen müssen – ein schwieriger Einschnitt.

Das verhasste Stadion und die Fans

Bei den Fans hoch im Kurs: Das Grünwalder Stadion.
Bei den Fans hoch im Kurs: Das Grünwalder Stadion.
 

1860 ist seit 2006 nicht mehr Teilhaber der Allianz-Arena und muss jährlich eine Miete von sechs Millionen Euro an den Rekordmeister Bayern München überweisen. In der Dritten Liga wäre das nicht zu stemmen. Für die Fans hätte ein Abstieg daher sogar etwas Positives: 1860 München will das Stadion im Falle eines Abstiegs aus der 2. Bundesliga verlassen und ist deshalb bereits bei Stadion-Vermieter Bayern München vorstellig geworden. Eine Einigung dürfte schnell erzielt werden. Das traditionelle Stadion der Sechziger an der Grünwalder Straße (12.500 Plätze, mit Anpassungen bis zu 21.000) würde in diesem Falle höchstwahrscheinlich neue Spielstätte werden und die Löwenfans wären ihre verhasste Arena schon in der nächsten Woche los. Ein Umzug ins Olympiastadion (69.000 Plätze) wäre aufgrund der Größe und des nicht vorhandenen Rasens nebst Rasenheizung unrealistisch.

Was droht bei einem Abstieg?

Alle sind gegen ihn – nur einer ist es nicht: Gerhard Poschner.
Alle sind gegen ihn – nur einer ist es nicht: Gerhard Poschner.
 

Die Finanzlage würde sich weiter zuspitzen, da alleine rund 7,5 Millionen Euro an TV-Einnahmen fehlen. Buhmann Gerhard Poschner steht selbst im Falle eines Klassenerhaltes zur Disposition. Schon 2004 war Teil er der Abstiegsmannschaft, danach beendete er seine aktive Karriere. Er wollte diese Schmach vergessen machen und ist gescheitert: Nun gibt er sich kleinlaut: Auf bis zu 70 Prozent seines Gehaltes würde er freiwillig verzichten. Das dürfte seinen Job jedoch nicht retten. Denn nur Noor Basha soll noch hinter dem früheren Stuttgarter stehen, sonst wäre er bereits im Winter geflogen. Die Angestellten auf der Geschäftsstelle müssen sich auf eine Gehaltskürzung einstellen. Laut Informationen der „TZ“ wurden sie darauf bereits eingestimmt, dass sie 20 Prozent weniger bekämen.

Im Spielerkader droht dem Club ein gewaltiger Umbruch. Laut „Bild“ haben nur maximal vier Profis einen Vertrag für die Dritte Liga. Es könnte also sein, dass die Mannschaft in der kommenden Saison in der Dritten Liga ein völlig anderes Gesicht bekäme. Hier käme womöglich die vielgelobte Nachwuchsarbeit (derzeitige Nationalspieler Lars Bender, Sven Bender und Kevin Volland) zum Tragen. Einige Talente der Jugendmannschaft (1. Bundesliga) stehen auf dem Sprung.

Ausverkauftes Haus und Kurztrainingslager in Norderstedt

Die Allianz-Arena könnte letztmals in blauer Farbe erstrahlen.
dpa
Die Allianz-Arena könnte letztmals in blauer Farbe erstrahlen.

16. Saisonpleiten stehen in der abgelaufenen Saison auf dem Konto der Löwen. Am 29. Mai und 2. Juni kämpfen sie gegen den Drittliga-Dritten Holstein Kiel um den Verbleib in der 2. Liga. Das Hinspiel findet am Freitag im Holstein-Stadion statt, am Dienstag kommender Woche bekommen die Zuschauer der Allianz-Arena in München das Entscheidungsspiel zu sehen (jeweils 20.30 Uhr).

In München erwartet die Kieler voraussichtlich ein ausverkauftes Haus mit über 70.000 Zuschauern (sonstiger Zuschauerschnitt 22.000). Der Ansturm auf die Tickets war so riesig, dass die Seite www.tsv1860-ticketing.de zu Pfingsten kurzfristig nicht mehr erreichbar war. Nur noch wenige Einzeltickets stehen zur Verfügung. Vor dem Spiel in Kiel steht erstmal ein Kurztrainingslager in Norderstedt an. Schon am Mittwoch reisen die Münchener Kicker nach Schleswig-Holstein.  „Die beiden Spiele sind nicht nur enorm wichtig für uns, sondern für den gesamten Verein. Darauf wollen wir uns bestmöglich vorbereiten und fokussieren“, sagte Trainer Torsten Fröhling laut Mitteilung vom Dienstag.

1860 gegen Holstein Kiel: Die Bilanz

Holstein Kiel gegen TSV 1860 München am 17. August 2014 im Holstein-Stadion in Kiel.
Holstein Kiel gegen TSV 1860 München am 17. August 2014 im Holstein-Stadion in Kiel.

Erst zweimal trafen die Vereine in Pflichtspielen aufeinander. Das letzte liegt noch gar nicht so lange zurück. In der ersten Runde der laufenden Saison gab es für die Kieler vor heimischer Kulisse eine 1:2-Niederlage im DFB-Pokal. Stürmer Okotie, der seit Monaten unter Ladehemmungen leidet, traf im Doppelpack, nachdem Siedschlag die Kieler in Führung gebracht hatte. 1931 stand das erste Aufeinandertreffen unter völlig anderen Vorzeichen: Im Halbfinale zur Deutschen Meisterschaft hatte der Champion von 1912 aber ebenfalls das Nachsehen. 1860 gewann 2:0, verlor später aber das Finale.

So lassen sich die Miezen triezen

1860 steigt ab
dpa
1860 steigt ab

Der Turn- und Sportverein München von 1860 e. V., kurz TSV 1860 München, wird gern auch als Münchner Löwen, Sechzig oder D'Sechzger bezeichnet. Spötter, darunter meist auch die Fans des großen Stadtrivalen FC Bayern, nennen die Löwen auch gern „Miezen“ oder „die Turner“. Eine weitere beliebte Bezeichnung ist „1859+1“. Die geschieht in Anlehnung an eine Uhr, von der der als rückständig geltende Sechzig-Fan erwartet, sie möge von 18.59 Uhr auf 18.60 Uhr umspringen. Doch dann springt sie natürlich auf 19.00 Uhr – 1900 ist das Gründungsjahr der Münchener Bayern.

Übertragung im Fernsehen:

Die Fußball-Relegationsspiele zwischen Holstein Kiel und 1860 München werden live im NDR-Fernsehen übertragen. Das gab der Norddeutsche Rundfunk am Mittwoch bekannt. Das Hinspiel im ausverkauften Stadion des Drittliga-Dritten aus Kiel an diesem Freitag und das zweite Duell am kommenden Dienstag (Anstoß jeweils um 20.30 Uhr) beim Zweitliga-16. sind im „Sportclub live“ zu sehen. Die Sendung beginnt jeweils um 20.15 Uhr und endet um 22.30 Uhr.

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