Holstein nach 13 Jahren wieder im Halbfinale

Avatar_shz von
06. Juni 2011, 09:05 Uhr

13 Jahre nach dem letzten Auftritt im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft ringt Holstein Kiel am 6. Juni 1926 in Düsseldorf erneut um den Einzug in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Gegner ist die SpVgg Fürth.

1913 hatte eine Holstein-Elf zuletzt das Halbfinale um die "Deutsche" erreicht. Danach war die goldene Generation, die 1912 Deutscher Meister geworden war, in den Ruhestand getreten. Der Erste Weltkrieg lieferte ein Übrigens, und als es nach vier Kriegsjahren weiterging, stand die KSV Holstein vor einem Neuaufbau.

Der erreichte 1926 seinen ersten Höhepunkt. Schon in der Förde-Staffel waren die Störche unwiderstehlich aufgetreten und hatten sich punktverlustfrei und mit 67 Treffern in nur zehn Spielen den Titel gesichert. Mit einem 5:1 über Stadtrivale Kilia Meister von Schleswig-Holstein geworden, hatten sie in der norddeutschen Endrunde selbst den Hamburger SV düpiert und sich zum vierten Mal nach 1910, 1911 und 1912 die Nordmeisterschaft gesichert. Nebenbei ging auch noch der Nordpokal nach Kiel - Holstein war 1926 das Maß der Dinge im Norden.

Im Holstein-Stadion war man daher zuversichtlich, als im Mai 1926 die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft begann. Erster Gegner war der Stettiner SC, der mit 8:2 im Kieler Angriffswirbel unterging. "Nach einigen Minuten Aufregung stand fest, dass die Stettiner anstelle des Könnens nur das Wollen setzen konnten", hieß es. Im Viertelfinale war auch Berlins Vertreter Norden-Nordwest chancenlos, sorgten Schulz, Esser, Ritter und Voß für einen souveränen 4:0-Sieg. Erstmals seit 1913 stand Holstein Kiel wieder im Halbfinale um die "Deutsche"!

Die Holstein-Elf war unwiderstehlich. Unter dem ungarischen Berufstrainer Béla Révécz war der moderne Flachpassfußball eingeführt worden, und mit August Werner, Oskar Ritter und Karl Schulz standen gleich drei Nationalspieler im Team.

Im Halbfinale kam es zum Knüller mit der SpVgg Fürth. Die Kleeblätter, Erzrivale des 1. FC Nürnberg, mit dem sie in den Spitzenfußball der 1920er Jahre dominierten, wurden vom Engländer William Townley trainiert und galten als eines der spielstärksten Kollektive im Land. Wo Nürnberg mit Wucht und Energie zum Erfolge kam, erreichte Fürth seine Triumph mit spielerischer Leichtigkeit.

20.000 Fans lockte das Duell bei ungemütlich regnerischem Wetter ins Düsseldorfer Rheinstadion. Ein Jahr zuvor hatte die KSV einen freundschaftlichen Vergleich mit 3:1 für sich entschieden. Nun trauten die Experten aber eher den endrundenerfahreneren Franken den Sieg zu.

Das schien sich zu bestätigen, als die hellwachen Fürther die Holstein-Verteidigung früh in Verlegenheit brachten. Werner und Lagerquist mussten Schwerstarbeit verrichten, Torhüter Passenheim Kopf und Kragen riskieren. "Fürth ist dem Gegner technisch überlegen, auch sind alle Spieler schneller am Ball als der Gegner aus dem Norden", bilanzierte der "Fußball" schon nach 15 Minuten. Es dauerte eine Weile, ehe auch die Norddeutschen Akzente setzen konnten. Ritter scheiterte mit einem trockenen Schuss aus größerer Distanz am Pfosten, Schulz fand in Fürths Keeper Hörgreen seinen Meister. In der 20. Minute haderten die mitgereisten KSV-Fans, als das Leder nach einem Schulze-Schuss entlang der Torlinie trudelte, sie jedoch nicht überschritt.

Anschließend drückte Fürth aufs Tempo. Müller hatte Glück, als Schiedsrichter Guyens ein Handspiel im Strafraum übersah. Zwischenzeitlich scheiterte Voß mit einem lehrbuchartigen Konter an Hörgreen. Dann nahm das Unheil seinen Lauf. Eine Minute vor dem Halbzeitpfiff sprang einem Kieler der Ball unglücklich an die Hand. Diesmal zögerte Guyens keine Sekunde, und Fürths Nationalspieler Andreas Franz ließ sich die Chance nicht entgehen. Vom Elfmeterpunkt brachte er die Kleeblätter in Führung.

Fest entschlossen, die Partie in den zweiten 45 Minuten zu drehen, kamen die Kieler nach der Pause als erstes aufs Feld und wurden von den 20.000 mit aufmunterndem Beifall begrüßt. Doch ihre Bemühungen waren vergeblich, denn Fürths Defensive kontrollierte das Spiel. In der 54. Minute dann die Vorentscheidung, wobei Schiedsrichter Guyens erneut Zünglein an der Waage spielte: Freistoß für Fürth. Aus 20 Metern drosch Andreas Franz das Leder unplatziert neben das Tor. Guyens ließ jedoch wiederholen, weil, wie er meinte, ein Kieler protestiert habe. Diesmal zielte Franz besser und markierte das 2:0 für die Süddeutschen.

Mit aller Macht stemmte sich die Holstein-Elf gegen die Niederlage. Angriff auf Angriff rollte auf das Fürther Tor zu, das jedoch wie vernagelt schien. Fürth kam nur noch durch gelegentliche Konter zu Entlastungsangriffen. Es lief die 67. Minute, als Kleinlein bei einem dieser Gegenangriffe eine Franz-Ecke zum 3:0 im Kieler Tor unterbrachte.

Der Siegeszug der Holstein-Elf war vorbei, die Kieler Endspielträume geplatzt.

Eine Viertelstunde vor Schluss verkürzte Oskar Ritter zwar auf 1:3, der Fürther Sieg geriet jedoch nicht mehr in Gefahr. In Kiel zürnte man anschließend mit Schiedsrichter Guyens. Es sollte nicht das letzte Mal sein, denn 1930 leitete Guyens auch das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, das die KSV bekanntlich höchst unglücklich gegen Hertha BSC Berlin verlor.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen