Ein teuflischer Storch : Ottmar Walter – eine Kaiserslautern-Legende im Holstein-Trikot

Großer Tag in der Geschichte von Holstein Kiel: Am 30. Mai 1943 gelang den Störchen um Ottmar Walter (li.) im Holstein-Stadion ein 4:1-Erfolg gegen die klar favorisierte Elf von Schalke 04 – Chronisten sprechen bis heute vom besten Spiel der Clubhistorie.
Großer Tag in der Geschichte von Holstein Kiel: Am 30. Mai 1943 gelang den Störchen um Ottmar Walter (li.) im Holstein-Stadion ein 4:1-Erfolg gegen die klar favorisierte Elf von Schalke 04 – Chronisten sprechen bis heute vom besten Spiel der Clubhistorie.

Rückblick: Der spätere Fußball-Weltmeister Ottmar Walter (✝) feierte in Kiel seinen ersten großen Erfolg.

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07. September 2017, 10:05 Uhr

Kiel | Am Sonnabend um 13 Uhr ist es wieder so weit: Holstein Kiel trifft in der 2. Fußball-Bundesliga auf den 1. FC Kaiserslautern – es ist das erste Pflichtspiel der beiden Traditionsclubs seit 1953. Mehr als 10.000 Zuschauer werden im Holstein-Stadion erwartet, darunter 1300 Anhänger aus der Pfalz. Was wohl allenfalls einigen älteren oder historisch interessierten Fans bekannt sein dürfte: Einer, der in seiner schillernden Karriere für beide Vereine auflief, ist FCK-Legende Ottmar Walter.

Der Weltmeister von 1954, der am 16. Juni 2013 in Kaiserslautern verstorben ist, trug 1943 drei Monate lang die blau-weiß-roten Farben der Kieler Störche. „Wir hatten damals bei Holstein eine tolle Mannschaft“, erinnerte sich „Ottes“ Walter in einem seiner letzten Interviews und lobte „die fantastische Kameradschaft. So etwas habe ich nur selten erlebt in meiner Laufbahn. Ich habe die Zeit an der Förde sehr genossen.“

Geboren am 6. März 1924 in Kaiserslautern, verschlug es den jungen Ottmar Walter 1942 unfreiwillig in den Norden. Der 2. Weltkrieg tobte, der damals 19-Jährige diente als Marinesoldat in Cuxhaven und schloss sich zunächst dem Cuxhavener SV an. Später wurde Walter dann nach Kiel versetzt und lief fortan in Pflichtspielen ein Vierteljahr lang für die Störche auf. Mit Holstein feierte der Youngster auch seinen ersten großen Erfolg als Fußballer: Unter Trainer Franz „Seppl“ Esser, einer Kieler Fußballlegende, erreichten Walter und Co. im Jahr 1943 nach Siegen gegen den FC Schalke 04 und Vienna Wien den dritten Platz in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. „Unser Trainer ‚Seppl‘ Esser war ein Pfundskerl, er hat mich an Bundestrainer Sepp Herberger erinnert“, sagte Walter. „Er konnte uns mit Worten immer wieder aufrichten, das war phänomenal.“

Ottmar Walter (1924-2013) bei seinem letzten Besuch in Kiel anlässlich des 75. Geburtstages der KSV-Torhüterlegende Henry Peper (1928-2006).
dpa
Ottmar Walter (1924-2013) bei seinem letzten Besuch in Kiel anlässlich des 75. Geburtstages der KSV-Torhüterlegende Henry Peper (1928-2006).
 

Unvergessen ist vor allem das laut Meinung der Chronisten wohl beste Spiel der Holstein-Historie, der 4:1-Sieg gegen Schalke. Kiel wurde am 30. Mai 1943 durch den Coup gegen das seit 1937 ununterbrochen im Endspiel stehende Starensemble aus Gelsenkirchen regelrecht in einen Fußballtaumel hineingerissen. 18.000 Zuschauer im teilweise zerstörten Holstein-Stadion waren Augenzeugen, als der Schalker Kreisel um Fritz Szepan und Ernst Kuzorra gegen eine bärenstarke Störche-Elf im Kieler Dauerregen unterging. Durch die beiden Tore von Franz Linken sowie die Treffer von Leo Möschel und Walter Hain bezwang Holstein die klar favorisierten Gäste auch in der Höhe verdient mit 4:1.

„Der Schalke-Tag bleibt mir für immer unvergesslich. Wir haben ein Wahnsinnsspiel abgeliefert, dem konnte selbst Schalke nicht viel entgegensetzen. Und die Zuschauer konnten für zwei Stunden den Krieg vergessen“, sprudelte es aus Walter heraus. Die vorherrschende Meinung, dass der Schalke-Bezwinger auch Deutscher Meister werden würde, bewahrheitete sich jedoch nicht. Im Halbfinale unterlagen die Kieler dem Dresdner SC mit 0:3. Beim 4:1-Erfolg im abschließenden Spiel um Platz drei gegen Vienna Wien trug sich auch Walter in die Torschützenliste ein.

Wenig später erlitt der Jungstar im Kriegseinsatz eine schwere Knieverletzung, vier Granatsplitter bohrten sich in sein rechtes Bein. „Auch wenn ich in den Folgejahren immer wieder Probleme mit meiner Kriegsverletzung hatte, bin ich dankbar, dass ich noch bis zu meinem 32. Lebensjahr Fußball spielen konnte“, sagte Walter.

Nach Kriegsende kehrte der Pfälzer in seine Heimatstadt Kaiserslautern zurück und spielte noch bis 1956 für die Roten Teufel. Er gewann zwei Deutsche Meisterschaften mit dem FCK, seinen unbestritten größten Moment als Fußballer erlebte er aber natürlich im Trikot der Nationalmannschaft: Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Fritz zählte Ottmar Walter zu jener legendären Elf, die am 4. Juli 1954 im WM-Finale das „Wunder von Bern“ vollbrachte – 3:2 hieß es am Ende gegen die bis dahin als unbesiegbar geltenden Ungarn, Deutschland war erstmals Fußball-Weltmeister.

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