Holstein Kiel feiert den Zweitliga-Aufstieg

Avatar_shz von
17. Juni 2013, 08:05 Uhr

Die Sehnsucht war gigantisch, und sie war über viele Jahre gewachsen. Seit die KSV Holstein 1974 höchst unglücklich die Qualifikation zur 2. Bundesliga-Nord verpasst hatte, war das altehrwürdige Holsteinstadion zur unterklassigen Fußballbühne verkommen.

Gegner wie SC Poppenbüttel, SpVgg Bad Pyrmont oder VfL Pinneberg aber interessierten die Fans nur bedingt, und so standen die Zeichen bei den "Störchen" seit Langem auf Aufstieg.

Der war gleichwohl nicht allzu leicht zu erreichen. Denn dazu musste man nicht nur einen der drei führenden Plätze in der Amateuroberliga Nord belegen - dazu musste man vor allem die Aufstiegsrunde erfolgreich meistern. 1976/77 nahm die KSV Holstein ihren ersten Anlauf. Unter Trainer Gerd Koll und bestückt mit Neuzugängen wie Bernd Jordt von Flensburg 08 und Immo Stelzer aus Schleswig hatte sich die Elf mit einer mitreißenden Rückserie noch Platz drei gesichert und war in die Aufstiegsrunde eingezogen. Wie groß der Hunger nach großem Fußball in Kiel war, hatten über 12 000 Zahlende beim Gipfeltreffen gegen Bremerhaven 93 gezeigt. Doch es reichte es nicht für die KSV Holstein. Vor allem auswärts war die Koll-Elf zu harmlos, und weil es daheim gegen Siegburg 04 eine überraschende 1:2-Pleite gab, mussten die Kieler auch 1977/78 wieder in der Drittklassigkeit auflaufen.

Eine Aufgabe, die durch den Abstieg von Göttingen 05 und dem VfL Wolfsburg aus der 2. Bundesliga nicht einfacher geworden war. Zudem hatte Landesrivale VfB Lübeck den Sprung ins norddeutsche Ama teur ober haus geschafft. Doch in Kiel wollte man es diesmal wissen. Und tatsächlich steuerte das Team von Trainer Koll früh auf Aufstiegskurs. Kolls Wagnis, Angreifer Immo Stelzer auf die Vorstopperposition zu ziehen, erwies sich als Glückstreffer, im Mittelfeld brillierte Dauerbrenner Berndt Jordt und der Sturm um Volker Tönsfeldt, Manfred Jochimiak sowie den vom HSV zurückgekehrten Holger Hal ten hof sorgte für die entsprechenden Tore. Erster Höhepunkt war der 1:0-Derbysieg über Lübeck, und als kurz darauf auch Zweitligaabsteiger Göttingen 05 bezwungen wurde, avancierte die Koll-Elf endgültig zu einem der Aufstiegsfavoriten. In der Rückrunde kam die Krise, und mit vier Niederlagen in Folge rutschte die KSV plötzlich auf Platz vier ab, während der angekündigte Rückzug von Erfolgscoach Koll nach Saisonende für Unruhe sorgte. Am Ende reichte es nur zu Platz vier und damit einem Qualifikationsduell gegen den 1. FC Paderborn um den Einzug in die Zweitbundesliga-Auf stiegsrunde.

Am 17. Mai 1978 begann ein einzigartiger Aufstiegsrundenmarathon. 5400 Fans sahen zu, wie ihre Elf gegen die Ostwestfalen mit 0:2 in Rückstand geriet. Der Aufstiegstraum schien erneut zu platzen. Nach der Pause egalisierten Aido und Stelzer für die KSV, und als es auch in Paderborn ein 2:2 gab, musste der Sieger bei einem dritten Spiel in Osnabrück gefunden werden. Torsteher Thomas Thiel avancierte zum Helden, als er im Elfmeterschießen den entscheidenden Schuss von Brosda parierte. Fünf Tage später ging der Aufstiegsrundenmarathon mit einem unglücklichen 3:3 - bei tropischen Temperaturen lag die Koll-Elf bis zur 79. Minute mit 3:1 in Führung - bei Wacker 04 Berlin weiter. Das Wechselbad der Gefühle hielt an. Gegen die Schatzschneider-Elf vom OSV Hannover bejubelten 9.000 Fans im Holsteinstadion einen schwer erkämpften 3:2-Sieg. Ebenfalls 3:2 hieß es vier Tage später in Bocholt - doch diesmal war die KSV der Verlierer. Das Rückspiel gegen Olympia Bocholt wurde zum Thriller. 8000 Zuschauer bangten lange mit ihrer Elf, die durch einen verwandelten Strafstoß von Volker Tönsfeldt mit 1:0 in Führung gegangen war und diesen Vorsprung tatsächlich über die Zeit rettete. Die 2. Bundesliga war erstmals zum Greifen nahe, als es ausgerechnet beim aussichtslosen OSV Hannover eine 1:2-Niederlage gab.

Im abschließenden Heimspiel gegen den Berliner Vertreter Wacker 04 musste die Entscheidung fallen. 12 000 Fans strömten bei herrlichem Sonnenschein ins Holsteinstadion. Es war das neunte Spiel binnen vier Wochen für die Koll-Elf. Viele Spieler gingen förmlich auf dem Zahnfleisch. Aber die gewaltige Kulisse und die Chance, endlich als erster Verein Schleswig-Holsteins das Profilager erreichen zu können, setzte zusätzliche Kräfte frei. Die erste Chance hatten dennoch die Berliner, die in der sechsten Minute an der Latte scheiterten. Danach sorgte vor allem Kapitän Dieter Wendland dafür, dass die Störche die Partie allmählich in den Griff bekamen. In der 26. Minute war es soweit. Wulf-Dieter Hansen zog ab, und der wohl wichtigste KSV-Treffer einer ganzen Dekade schlug im Berliner Gehäuse ein. Das Holsteinstadion ertrank im Jubel und sehnte den Abpfiff herbei. Der aber ließ noch lange auf sich warten. Und die Kieler verstanden es, die Nerven ihrer Fans auf die Folter zu spannen. Kurz nach dem Wiederanpfiff vergab Volker Tönsfeldt einen Strafstoß und damit die Chance, auf 2:0 zu erhöhen. In der 62. Minute hatte Manfred Jochimiak erneut das 2:0 auf dem Fuß, doch dem Kieler Außenstürmer versagten die Nerven. Dann endlich machte Schiedsrichter Niemann dem Zitterspiel ein Ende und Holstein Kiel war in der 2. Bundesliga Nord angekommen. Binnen Minuten verwandelte sich das Spielfeld in ein Fahnenmeer, feierte die ganze Region ihre "Störche".

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen