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Neuer HSV-Sportvorstand : Heribert Bruchhagen: Der fleißige Mann an Beiersdorfers Schreibtisch

vom
Aus der Onlineredaktion

Der HSV und die Bundesliga haben ihn wieder: Heribert Bruchhagen tauscht den Ruhesessel mit den heißen Kohlen.

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2016 | 13:10 Uhr

Hamburg | Am Wochenende noch als Sky-Experte unterwegs, wird Heribert Bruchhagen jetzt neuer Vorstandsvorsitzender bei der HSV Fußball AG. Der als grundehrlich geltende Arbeiter mit den konservativen Ansichten und dem überlegten Wort soll den Dauerpatienten wieder aufrichten. Zu gewinnen gibt es viel für den Fußball-Rentner, denn die manifestierte sportliche Stagnation an der Elbe wurde zuletzt vor allem an seinem entlassenen Vorgänger Dietmar Beiersdorfer festgemacht. Eintracht-Frankfurt-Vorstand Axel Hellmann ist überzeugt, dass der gebürtige Düsseldorfer besonders eines nach Hamburg tragen wird: Stabilität.

Der 68-jährige Bruchhagen war seit Wochen als möglicher Kandidat für den Chefposten beim HSV gehandelt worden. Schon zum Jahresanfang 2016 soll es eine Anfrage des Clubs gegeben haben, die der damalige Frankfurter aber unbeantwortet ließ.


Der Geografielehrer Bruchhagen, der im Sommer nach mehr als 13 Jahren als Manager und Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt aufhörte, hatte eigentlich den Rückzug ins Private angetreten, nun ist er der Auserkorene für das wohl schwierigste Amt im Deutschen Fußball. Was aus seiner Sicht das größte Problem Beiersdorfers war, deutete Bruchhagen bereits im Februar in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ an: „Bist du nicht in den Medien, halten sie dich nicht für kompetent“. Bruchhagen ist kein Mann mehr, der sich vor den Gazetten fürchtet. Und er hatte nie ein Problem damit, sich mit den Platzhirschen anzulegen, wenn es lohnenswert erschien. Wiederholt forderte er als DFL-Vorstand die Umverteilung der Club-Einnahmen aus der Champions League zugunsten der gesamten Bundesliga. Und brachte damit Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und auch Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gegen sich auf.

Sein Abschied aus Hessen im Frühsommer war kein Exit, sondern lange vorher geplant, genau so wie sein Ausscheiden als Mitglied des DFL-Vorstands ein Jahr zuvor. Er wolle in Ruhestand gehen, hieß es in den Medien. Genervt zeigte er sich vor allem von den immer stärker wachsenden Tätigkeiten eines Vorstands, die nichts mehr mit Fußball zu tun haben. Auch das Mediengeflecht in der Main-Metropole war ein zunehmend heißer Herd, den er durch seine kühle Art aber meist wirklich gut unter Kontrolle hatte. Für den HSV – wo es meist noch heißer einhergeht – will der 68-Jährige sich den ganzen Trubel mit Abstiegskampf und Dauertheater noch einmal antun. Das langjährige Vereinsmitglied nimmt sich wortwörtlich in die Pflicht: „Wenn der HSV anfragt, dann stellt sich für jeden, der im Bundesliga-Management tätig war, die Frage einer Zu- oder Absage gar nicht.“

Foto: imago/ActionPictures

In Frankfurt steht Bruchhagen für den Neuaufbau eines klammen Clubs in den Jahren 2003 bis 2011. Zwei Mal stieg die Eintracht in dieser Zeit in die zweite Liga ab – beim ersten Mal nur wenige Monate nach Bruchhagens Antritt  –, schöpfte aus dem Niedergang aber jedesmal die Energie für einen direkten Wiederaufstieg. Bruchhagen hatte mit seiner Hinwendung zu günstigen, aber entwicklungsfähigen Spielern und Besonnenheit in der steten Trainerfrage einen großen Anteil daran. In den Jahren nach 2003 war die Eintracht in ruhigem Fahrwasser unterwegs. Unter dem langjährigen Coach Friedhelm Funkel, vor den sich Heribert Bruchhagen auch in schwierigen Zeiten mit breiter Brust stellte, gelang über den DFB-Pokal 2006 erstmals wieder der Einzug in den UEFA-Cup. Bruchhagen konnte teuersten Einkäufe der Vereinsgeschichte (Caio und Martin Fenin) einfädeln, die allerdings floppten. Zu den Spitzenmannschaften konnte die Eintracht anders als Anfang der 1990er nicht mehr aufschließen.

Im Gegenteil: Nach einer katastrophalen Rückrunde 2010/11 ging der Verein völlig unterwartet wieder den schweren Gang in Liga 2. Der Albtraum wurde vor allem Bruchhagen angelastet. Er musste daraufhin einen Teil seiner Macht an den neuen Finanzvorstand Axel Hellmann abgeben. Aber wieder gelingt die komplizierte Mission: der direkte Wiederaufstieg.

Ein zweites Mal Hamburg

Bruchhagen ist kein Neuer beim HSV. Seit vielen Jahren ist er Vereinsmitglied und von 1992 bis 1994 – von Dezember bis Dezember – war er bereits Manager des Clubs. In Hamburg handelte er sich die einzige Entlassung seiner Karriere ein. Ein schwerer medialer, aber lehrreicher Fehler hatte die Demission ins Rollen gebracht. Bruchhagen setzte auf den falschen Präsidenten, ein Fanclub-Vorsitzender von Bergedorf könne ja nicht HSV-Präsident werden, sagte er in Richtung des Kandidaten Ronald Wulff. Doch es kam tatsächlich so. Als Bruchhagen gehen musste, stand der Club mit Jung-Torjäger Karsten Bäron und Abwehr-Leihgabe Markus Babbel auf Rang fünf, nur einen Punkt hinter Spitzenreiter Bayer Leverkusen. Am Ende der Saison ist es Rang 12.

Es waren Jahre, über die es jedenfalls sportlich nicht viel zu erzählen gibt, war der HSV doch von gnadenloser Mittelmäßigkeit und Tristesse umzingelt. Durch den Verkauf von Thomas Doll nach Italien hatte man sich zuvor finanziell halbwegs gesund gestoßen. Pikanterweise musste Bruchhagen gleich in seinem ersten Transfersommer den Spieler Dietmar Beiersdorfer an den Erzrivalen Werder Bremen verkaufen, um den Rothosen Club die DFB-Lizenz für die kommende Spielzeit zu sichern.

<p>Nachdenklich: Bruchhagen Ende 1993 als HSV-Manager.</p>

Nachdenklich: Bruchhagen Ende 1993 als HSV-Manager.

Foto: imago/Claus Bergmann

Hamburg plante in Person von Präsident Jürgen Hunke seinerzeit eine Abspaltung der Profiabteilung – damals fast schon Hexenwerk. Jene 36.000 Schuldscheine, die als HSV-„Aktien“ deklariert wurden, waren eines der großen Medienthemen des Jahres. Das Projekt scheiterte letztlich am Misstrauen der potentiellen Käufer und schließlich am Schlechtdünken einiger Ex-Spieler. Angesichts solch ambitionierter Ziele des Präsidenten war Bruchhagens Wirken doch eher im einfachen Tagesgeschäft anzusiedeln. Interessant wurde es im September 1992: Trainer Egon Coordes forderte von Bruchhagen, die fünf Spieler Thomas von Heesen, Harald Spörl, Frank Rohde, Jörg Bode und Carsten Kober wegen eines Disco-Besuches zu suspendieren. Der Manager reichte die weitreichende Entscheidung an die Vereinsführung weiter. Man ließ am Ende die Spieler über den Verbleib des Trainers abstimmen. Das Ergebnis: 14 von 17 Spieler wollten seine Entlassung.

Dass Heribert Bruchhagen tatsächlich noch einmal aktiv ins Fußball-Geschäft zurückkehrt, erstaunt auch seinen langen Weggefährten Willi Lemke, den früheren Vorsitzenden und Manager von Werder Bremen. „Es wundert mich natürlich, dass er - er ist ja auch so ein alter Sack wie ich - noch mal so richtig reingeht“, meinte der 70-Jährige, der den 68 Jahre alten Bruchhagen seinen „alten Kumpel und Freund“ nennt. „Es hat ihn sehr geehrt, diese Anfrage zu bekommen. Man wird natürlich süchtig, wenn man im Bundesliga-Geschäft arbeitet.“

(mit dpa)

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