Fussball-Kolumne : Heilungs-Prozess, Rede-Bedarf, Zug-Nummer

Bundestrainer Joachim Löw während des Trainings der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Bundestrainer Joachim Löw während des Trainings der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Die Nationalspieler sind wie ausgewechselt, kommentiert unser Sportchef Jürgen Muhl.

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10. September 2018, 11:43 Uhr

Freundlicher Auftritt: Ja, was war denn das? Die Herren Nationalspieler singen allesamt die deutsche Nationalhymne. Zwar nicht in überzeugender Manier wie die Franzosen oder die Italiener, aber immerhin. So war es am Donnerstagabend vor dem Anpfiff gegen Frankreich. Auch Sonntagabend vor dem Spiel gegen Peru sollten die Profis die Vorführung des guten Benehmens wiederholen. So hat es die DFB-Spitze der sportlichen Leitung des Nationalteams vorgegeben. Endlich.

Es musste erst ein sportliches WM-Desaster wie das Versagen in Russland geben, bis so etwas wie Vernunft bei der bis dahin abgehobenen Führungsriege um Bundestrainer Joachim Löw und Sportdirektor Oliver Bierhoff einkehrt. Auch werden plötzlich fast alle Interviewwünsche erfüllt und die Fragen zumeist in freundlicher Art und Weise beantwortet. Als hätten die überbezahlten Fußballspieler an einem Benimmkursus teilgenommen.

Arroganz und Hochmut bleibt in der Kabine

Der Heilungsprozess beim Deutschen Fußball-Bund läuft also auf Hochtouren, die Herren wollen offenbar Arroganz und Hochmut in der Kabine lassen. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Umkehrprozess fortsetzt und ein Stückchen Normalität an den Schrauben der Geldmaschine Fußball dreht.

Die Bundesliga kalkuliert in den kommenden Jahren mit einer Milliarde Euro TV-Geld pro Saison. Das ist – verdammt nochmal – eine Menge Geld. Eine Milliarde – das sind 1000 Millionen. Eintausend Millionen Euro. Damit dürfte man auskommen. Mit diesem Geldsegen ist gut Fußball zu spielen. So gut, dass die Clubs über eine Senkung der Eintrittspreise nachdenken sollten. Aber daraus wird wohl eher nichts.

Drohgebärden und Zug-Betrug

Heute so, morgen so: Bei Klaus-Michael Kühne ändern sich die Absichten – was seine Finanzierungshilfen für den HSV angeht – fast wöchentlich. Jetzt möchte er seine Gesellschaftsanteile an der HSV-Fußball-AG verkaufen. Was schwer werden dürfte. Zum einen ist ein solcher Vorgang bei vinkulierten Namensaktien nicht so ohne weiteres möglich. Zum anderen stehen kaufinteressierte Millionäre nicht gerade Schlange. Es mag aber auch sein, dass Kühne sich einfach schlecht behandelt fühlt vom HSV, und der Milliardär eben mit Drohgebärden dieser Art reagiert.

Zug-Betrug: Jahrelang machte die Deutsche Bahn Werbung und Geschäfte mit dem „Original-Weltmeisterzug von 1954“. Eben jener Zug, mit dem die deutsche Nationalelf nach dem sensationellen Titelgewinn 1954 von Bern zurück nach München reiste. Besonders im Jahr 2006, als die WM in Deutschland stattfand und das Sommermärchen erfunden wurde, schickte die Bahn diesen angeblich so geschichtsträchtigen Zug auf die Gleise. Der damalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und Franz Beckenbauer grüßten aus einem Zugfenster heraus. Die Menschen jubelten – fast so euphorisch wie 1954 – ihren Idolen zu.

Sie waren aber einem Betrug aufgesessen. Wie erst jetzt herauskam, war es nicht jener Zug, in dem einst Fritz Walter, Helmut Rahn oder Toni Turek gesessen hatten. Der WM-Zug ist bereits in den 1980er Jahren verschrottet worden. Es war sozusagen eine Kopie. Passt irgendwie zur WM 2006.

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