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Umstrittener Fussball-Kommentator : Hass, Hetze und Angriffe durch Fans: Marcel Reif unter Beschuss

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Aus der Onlineredaktion

Kaum ein anderer Fußball-Kommentator polarisiert wie Marcel Reif. Viele Fans können den 65-Jährigen nicht ausstehen. Doch die jüngsten Eskalationen werfen ein negatives Bild auf den Fußball und seine Fans.

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erstellt am 05.Mär.2015 | 12:16 Uhr

Flensburg | Marcel Reif ist umstritten. In seiner Person als Fußball-Kommentator steht er – ebenso wie viele seiner Kollegen – bei Fußball-Fans in der Kritik. Er gilt bei vielen als emotionslos und nervig. Entweder man mag ihn oder man hasst ihn. Eine Facebook-Gruppe, die Reif das Kommentieren verbieten will, zählt 61.000 Fans. Das ist an sich nichts Besonderes, denn bei tausenden Zuschauern im Stadion oder vor dem heimischen Fernsehgerät ist jeder sich selbst der nächste – und somit auch der beste Kommentator. Kritik am Experten am Mikrofon gehört dazu. An Reif gibt es sie bereits lange.

Auch unter manchen Kollegen genießt Reif den Status als „eitler, selbstverliebter Schnösel“. Das schrieb rp-online bereits im Jahr 2009.

Seit dem Wochenende gibt es jedoch eine neue Eskalationsstufe um die Person Marcel Reif. Angefangen hat es beim Derby der Borussia aus Dortmund und Schalke 04. 3:0 gewann die Truppe von Jürgen „Kloppo“ Klopp. Eine kuriose Szene sorgt seitdem für Zündstoff. Das Tor zum 1:0 durch Pierre-Emerick Aubameyang war an sich ein völlig normaler Treffer. Der Torjubel allerdings außergewöhnlich. Aubameyang und Marco Reus feierten das Tor in Batman- und Robin-Masken. Von Schiedsrichter Felix Zwayer gabs die Gelbe Karte für Aubameyang. Grund: Der Masken-Jubel ist „unnötiger Ausdruck der Freude“. So steht es im Regelbuch.

Marco Reus (Mitte) zog die Robin-Maske über, Pierre-Emerick Aubameyang (links) die Batman-Maske.
Marco Reus (Mitte) zog die Robin-Maske über, Pierre-Emerick Aubameyang (links) die Batman-Maske. Foto: dpa

 

 

Jürgen Klopp war überrascht und freute sich über das Selbstbewusstsein seines Spielers. „Es war doch eine witzige Geschichte“ und legte später nach: „Der Einzige, der das nicht witzig fand, war wohl Marcel Reif. Aber der findet in seinem Leben sowieso nichts mehr witzig. Die Bilder, die davon entstanden sind, waren wirklich cool.“ Solche Aktionen dürfe man aber auch nicht immer machen, betonte Klopp.

Marcel Reif hatte die Dortmunder in der Sendung „Sky90“ kritisiert. „Die sollen sich mal freuen, aber so viel gewonnen haben die in den letzten vier Wochen auch noch nicht, dass sie jetzt so ein Kasperltheater aufführen müssen.“ Er könne damit nicht so furchtbar viel anfangen. „Aber bitte, wir sind ein freies Land“, sagte Reif, der seit 30 Jahren Fußballspiele kommentiert. Für solche Aktionen sei er jedoch zu alt. Klopps Aussage kritisierte der 65-Jährige mit den Worten „deplatziert“ und „verantwortungslos“. Solche Sprüche würden Wahnsinnigen eine Legitimation geben.

Doch der Streit zwischen Klopp und Reif ist nur ein Nebenschauplatz. Das Feindbild Reif manifestiert sich seit Wochen. Es geht um offenbar hasserfüllte und gewaltbereite Fans, die dem Sportreporter innerhalb von ein paar Tagen gleich zwei Mal das Leben schwer machten. Vor dem Derby gegen Schalke fielen Fans über Reifs Auto her. Vor der Arena rüttelten Anhänger beider Lager am Wagen, klopften aufs Dach und bepöbelten den Kommentator. Mit im Wagen saß seine Frau. Reif verriegelte die Türen. Die Polizei musste eingreifen. Niemand polarisiert mehr als er.

Fans kritisieren seine mangelnde Neutralität schon seit langem. Dortmunder Anhänger starteten deshalb bereits eine Petition. Sie wollen nicht, dass Reif weitere Spiele der Dortmunder kommentiert. Der Grund: „Es geht darum, dass Marcel Reif die Spiele des BVB nicht neutral kommentiert. Wenn er der Kommentator ist, dann macht er die Spielweise der Jungs grundlos schlecht. Außerdem redet er in so gut wie jedem Spiel vom FC Bayern München. Wir wollen dieses unneutrale Verhalten nicht mehr dulden.“ 1624 Unterstützer hat die Petition.

Am Dienstagabend dann der nächste Angriff. Marcel Reif wird von Dortmunder Fans im Pokalspiel bei Dynamo Dresden aus dem Fanblock heraus angefeindet. Bierbecher fliegen in Richtung des Sky-Kommentators. Reif spricht später von hasserfüllten Fratzen, die spuckend und geifernd seine Person angriffen. „Das was derzeit abgeht, ist unverantwortlich“, sagt Reif gegenüber der Zeitung „Die Welt“. „So einen Hass habe ich noch nicht gesehen.“ Es habe sich etwas hochgeschaukelt, was jetzt bedrohliche Formen angenommen habe. „Momentan gehe ich mit einem sehr unguten Gefühl zur Arbeit“, sagt der 65-Jährige. Reif fordert eine Reaktion der Klubverantwortlichen und kritisiert auch die besagte Aussage von Jürgen Klopp.

Dortmunder Fans reagieren hasserfüllt auf Marcel Reif (unten rechts).
Dortmunder Fans reagieren hasserfüllt auf Marcel Reif (unten rechts). Foto: Imago/Camera4

 

Die Macht der sozialen Netzwerke sei Schuld, dass Situationen an Wucht gewinnen, sagt Reif. „Die Anonymität aus der Masse heraus, kann gefährlich werden.“ Im Sportschauclub am Mittwochabend zeigte sich Reif weiterhin entsetzt. „Es geht ums Fußballkommentieren, man mag ja Quatsch finden, was ich rede, man kann Zuschauerpost schreiben, aber einen solchen Hass und eine solche Hemmungslosigkeit – damit kann ich nichts anfangen.“ Wenn das Normalität werden würde, müsste man sich anderen Dingen zuwenden. Béla Réthy sieht Kommentatoren lediglich als Begleiter eines Spiels. „Ich wünsche mir ein bisschen mehr Entspanntheit. Es geht um Sport und ich verstehe gar nicht, warum man uns so wichtig nimmt“, sagte Reifs Kollege.

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim-Watzke verteidigt Klopp und die Spieler. Dass einige der Fans Reif mit Bier übergossen hätten, sei jedoch komplett indiskutabel, sagt Watzke. Das nächste Duell, das Marcel Reif kommentiert ist übrigens Dortmund gegen Köln am 14. März. Um sicher zu seinem Arbeitsplatz zu kommen, erwarte Reif entschlossenes Handeln der Dortmunder Führung. „Wohin soll das denn noch führen. Fußballreporter - egal von welchem Medium - dürfen nicht zum Freiwild der Fans werden“, sagt Sky-Sportchef Burkhard Weber.

Kommentar:

Es ist erstaunlich, was für eine Macht das Internet hat. Anonym kann jeder in sozialen Netzwerken und in Kommentarfunktionen seine Meinung vertreten. Jeder Shitstorm und jeder Fauxpas wird lang und breit ausdiskutiert, es werden Bilder und Videos veröffentlicht ohne darüber nachzudenken, welche Folgen dies für betreffende Personen haben kann. Fußball-Fans haben schon lange Béla Réthy und Marcel Reif im Visier. Immer neue Petitionen und Hassattacken überziehen die beiden bekannten Kommentatoren.

Aber warum? Es geht um Fußball, um ein Spiel. Jeder hat dazu seine Meinung. Der nun attackierte Marcel Reif steht den Bayern nahe und gibt zugegebenermaßen häufig fragwürdige Kommentare ab. Aber geht es nicht genau darum, für Diskussionsstoff zu sorgen? Anfeindungen und Angriffe aber gehen zu weit. Man kann die Herren mögen oder nicht, aber wer sie nicht ertragen kann, der kann auch einfach den Ton abdrehen. Fußball gucken geht auch dann noch. Und darum geht es. Das Fan-Sein ist schön und gut, aber zu radikale Ansichten haben in diesem Sport nichts verloren. Kritik darf man natürlich immer äußern - wir leben ja schließlich in einem freien Land - aber warum geht das heutzutage nicht mehr in maßvollem Rahmen? Die jüngsten Eskalationen haben aber nichts mehr mit dem Fan-Sein zu tun. Auch nicht mit Jürgen Klopp oder dem Batman-Jubel nach dem Tor. Die meisten Fußball-Fans sind friedlich und schütteln über Kommentatoren vielleicht mal den Kopf. Nein, es sind diejenigen, die mein Großvater immer als „Halbstarke“ bezeichnet hat. Unüberlegt und mit Energieüberschuss. Diese Entgleisungen sind ein gesellschaftliches Problem, das nicht nur im Fußball ans Tageslicht kommt.

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