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Hochwasser im Harz und südlichen Niedersachsen : Goslar löst Katastrophenalarm aus - Talsperre droht überzulaufen

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Im südlichen Niedersachen sorgt starker Regen für Überschwemmungen. Besonders der Harz ist betroffen.

shz.de von
erstellt am 26.Jul.2017 | 15:40 Uhr

Hildesheim | Land unter im Harz: Der niedersächsische Landkreis Goslar hat am Mittwoch wegen Überschwemmungen offiziell den Katastrophenalarm ausgerufen. Das teilte die Verwaltung am Mittwoch mit. Tief „Alfred“ setzte einigen Orten in dem Kreis schwer zu. In der Kleinstadt Bad Harzburg wurde der Bahnhof gesperrt. In Goslar selbst traf es die ganze Innenstadt, wo braune Wasserfluten durch die Straßen strömten. Ab sofort übernehme der Katastrophenschutzstab des Landkreises die Gesamtverantwortung und übergeordnete Koordination. Äußerst angespannt war die Lage auch in der 40.000-Einwohner-Stadt Goslar selbst. Dort wurde die Innenstadt gesperrt.

Hintergrund: Klimaforscher sehen weitere Zunahme von Wetterextremen

Ein Sommer mit Stark- und Dauerregen über mehrere Tage wird nach Ansicht von Potsdamer Klimaforschern in Deutschland bald nicht mehr nur Ausnahme sein. „Ganz ,normale' Bilderbuchsommer, trocken und mit Temperaturen um die 25 bis 30 Grad über mehrere Wochen werden immer seltener“, sagte der Meteorologe Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung der Deutschen Presse-Agentur. Normal werden nach seiner Einschätzung zunehmend längere Trockenperioden und Hitzephasen, gefolgt von Stark- und Dauerregen.

„Es gibt erste Hinweise, dass der Klimawandel nicht nur die Temperaturen allmählich steigen lässt“, sagte Hoffmann. Das sei schon einige Zeit zu beobachten. Da sich die Arktis stärker erwärme als der Rest der Welt, verändere das auch die Zirkulation in der Atmosphäre. „Ein häufiger Wechsel von Wetterlagen mit Unwetterpotenzial könnte die Folge sein“, sagte der Meteorologe. „Und wenn die Atmosphäre potenziell wärmer ist, fallen Niederschläge intensiver aus.“ Tagesrekorde bei Hitze um 40 Grad in Süddeutschland im Vorjahr oder sintflutartige Regenfälle wie Ende Juni in Berlin seien dann ohne weiteres häufiger möglich.

Die Folgen seien fast vorhersehbar, sagte Hoffmann. In urbanen Ballungszentren hätten die Wassermassen keinen Raum, überfluteten Straßen und Keller. Die Kanalisation könne die Wassermengen kaum aufnehmen. „Es bleibt nur übrig, sich auf Wechselspiele der Extreme einzustellen“, sagte Hoffmann. Das Potsdamer Institut beschäftigt sich mit Themen in den Bereichen Klimawirkung, globaler Wandel und Nachhaltige Entwicklung.

Wegen der starken Regenfälle drohte auch die Zillierbachtalsperre oberhalb von Wernigerode im Harz überzulaufen. „Wir rechnen damit, dass es am späten Nachmittag oder am Abend passiert“, sagte Maren Dietze, Leiterin Betrieb des Talsperrenbetriebs Sachsen-Anhalt, am Mittwochnachmittag in Blankenburg. Die Talsperre habe in den vergangenen Tagen schon eine ganze Menge Wasser zurückgehalten und werde nun wie eine volle Badewanne überlaufen. Andere Möglichkeiten gebe es nicht. Zuvor hatte Radio SAW darüber berichtet. Wie groß das Ausmaß am Ende sei, hänge auch vom Zulauf ab. Sturzbachähnlich werde es aber nicht. Laut Talsperrenbetrieb fasst die Zillierbachtalsperre 2,83 Millionen Kubikmeter Wasser.

Hoffnung erzeugen nun die Meteorologen. Sie rechnen damit, dass der Dauerregen über Deutschland nachlässt. Tief „Alfred“ ziehe nach Osten ab. Zwar höre der Regen damit nicht auf, aber die Intensität lässt nach, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Mittwoch mit.

Das heißt nicht, dass es trocken bleibt. Am Donnerstag fällt im Osten zeitweise Regen, vom Nordosten Brandenburgs bis nach Ostsachsen und Südostbayern kann es auch noch länger und kräftiger regnen. Im Westen und Südwesten kommen Schauer auf, dazwischen scheint ab und zu die Sonne. Die Höchstwerte erreichen 19 bis 24 Grad. Mit Blick aufs Wochenende zeichnet sich eine allmähliche Beruhigung mit wieder steigenden Temperaturen ab.

Besonders betroffen vom Dauerregen der vergangenen Tage war nach Angaben des DWD ein Streifen vom südlichen Niedersachsen über Teile Hessens und Thüringens bis nach Nordbayern. Dort fielen binnen 48 Stunden verbreitet mehr als 100 Millimeter Regen - und damit teils deutlich mehr als sonst in einem gesamten Juli. Auf dem Brocken im Harz registrierte der DWD sogar 238 Millimeter Regen, in Seesen im Harz 161 Millimeter, in Helbedündorf in Thüringen 134 Millimeter und in Hessisch-Lichtenau 111 Millimeter. Es sei „ein breites Regenband, das sich von der Ostsee über die Mitte bis in den Süden zieht. Da dieses Band nach Osten wandert, lässt von Westen her der Regen nach. Aber von der Uckermark bis nach Ostsachsen sowie in Südostbayern regnet es noch bis morgen früh weiter.“ Der Mittwoch bringt in Niedersachsen und Thüringen weiteren Regen, wie der Deutsche Wetterdienst am Morgen mitteilte.

Während des Dauerregens im Harz war auch eine 69-jährige Frau in der Nähe eines Flusslaufes verschwunden. Die Frau wohne direkt an der Holtemme in Wernigerode (Sachsen-Anhalt), sagte ein Polizeisprecher am Mittwochmorgen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie am Dienstag in den stark angestiegenen Fluss gefallen ist. Die 69-Jährige wurde bis zum Mittwochvormittag noch nicht gefunden.

„Hier ist Land unter“, sagte eine Verwaltungsmitarbeiterin in Bad Harzburg. Dort stand das Wasser in vielen Straßen mindestens 20 Zentimeter hoch. Nichts ging mehr am Bahnhof, wo die Gleise unter Wasser standen. Die Region um den Harz war von dem Dauerregen besonders getroffen worden. Zahlreiche Straßen wurden überflutet, Keller liefen voll. Rettungskräfte waren im Dauereinsatz. Es kam zu erheblichen Einschränkungen im Bus- und Bahnverkehr.

Flüsse im Harz seien innerhalb kurzer Zeit stark angeschwollen, teilte die Hochwasservorhersagezentrale in Magdeburg auf ihrer Internetseite am Dienstag mit.

Ein Park in Derenburg (Sachsen-Anhalt) hat sich in eine Wasserlandschaft verwandelt.

Ein Park in Derenburg (Sachsen-Anhalt) nahe Wernigerode im Harz hat sich in eine Wasserlandschaft verwandelt.

Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa

Auf der Facebook-Seite „Dein Harz“ wurden Videos von den Überschwemmungen in Bad Harzburg, wo die Radau über die Ufer getreten ist, gepostet:

 

Der Dauerregen und das Hochwasser brachten in Niedersachsen am Mittwoch auch Tausende Bahn- und Buspendler in Nöte. Einige Regionalverbindungen wurden gesperrt. Im Busverkehr kam es wegen Erdrutschen und Straßensperrungen zu Ausfällen und Verspätungen. Zum Glück sei Urlaubs- und Ferienzeit und der Schulverkehr falle weg, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Dennoch seien tausende Fahrgäste betroffen.

Nach Bahn-Angaben waren Streckenabschnitte zwischen Vienenburg und Bad Harzburg sowie Groß Düngen und Derneburg gesperrt. Auf weiteren Verbindungen konnten Bahnen teils nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren. Auch das private Bahnunternehmen Erixx meldete wegen Hochwassers Streckensperrungen. Betroffen waren die Abschnitte zwischen Bad Harzburg und Goslar sowie Salzgitter-Ringelheim und Groß Düngen, wo ein Busnotverkehr eingerichtet wurde. Fahrgäste wurden gebeten, deutlich mehr Fahrzeit einzuplanen.

Die Bahnstrecke zwischen Bad Harzburg und Vienenburg ist überflutet.

Die Bahnstrecke zwischen Bad Harzburg und Vienenburg ist überflutet.

Foto: dpa
 

In Bad Harzburg fiel der Bahnverkehr komplett aus. Der Bahnhof der 23.000-Einwohner-Stadt sei gesperrt und auch die Bundesstraße 4 teilweise unpassierbar, sagte eine Polizeisprecherin am Mittwoch. „Hier ist Land unter“, sagte eine Verwaltungsmitarbeiterin. Am Bahnhof des Ortes im Kreis Goslar stand das Wasser nach heftigem Dauerregen mindestens 20 Zentimeter hoch. 350 Feuerwehrleute waren im Dauereinsatz. Die Polizei orderte Verstärkung an.

Innenstadt von Goslar gesperrt

Die Innenstadt wurde laut Polizei gesperrt. Das Hotel Kaiserworth sowie die Seniorenresidenz Theresienhof mussten evakuiert werden. Die Polizei erhielt Unterstützung von 60 Bereitschaftspolizisten. Die Wasserfluten strömten über den Marktplatz. Am Mittag ließ der Regen etwas nach. Viele Schaulustige kamen, um die Wassermassen zu fotografieren. „So sieht's hier normalerweise nicht aus“, wunderte sich die Goslarerin Uta Riemschneider.

Evakuierte Hotelgäste in der Goslarer Innenstadt.

Evakuierte Hotelgäste in der Goslarer Innenstadt.

Foto: dpa

Die Pegelstände der Innerste in Heinde (Landkreis Hildesheim) und der Nette in Groß Rhüden (Kreis Goslar) erreichten nach Angaben der niedersächsischen Hochwasservorhersagezentrale (HWVZ) neue Rekordwasserstände. Bereits am Vormittag lag der Wasserstand am Pegel Heinde 40 Zentimeter über dem Höchststand von 2007. Die Wasserstände seien an diesen Pegeln immer noch steigend, bis zum Abend würden aber die Scheitel voraussichtlich erreicht sein.

Die Feuerwehr kämpfte in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt am Mittwochmorgen vielerorts gegen drohende Überschwemmungen. „Bisher halten unsere Dämme. Wir sind hier aber nach wie vor auf alles vorbereitet. Auch auf eine Evakuierung“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr in Hildesheim. Sollte ein bedrohtes Wohngebiet geräumt werden, wären laut Stadt 1100 Menschen betroffen. „Die Türen einer Notunterkunft stehen offen“, betonte der Sprecher in Hildesheim. Zunächst habe sich nur rund ein Dutzend Menschen von selbst in die Unterkunft begeben und werde mit dem Nötigsten versorgt.

Die Feuerwehr in Hildesheim war in der Nacht mit rund 200 Kräften im Einsatz. „Wir verbauen Sandsäcke und prüfen, ob sie dem Druck stand halten“, sagte der Sprecher weiter. An einigen Stellen sickere Wasser durch die aufgeschichteten Säcke - jedoch ausschließlich an Grünflächen entlang der Innerste, einem Nebenfluss der Leine.

Vor Überschwemmungen durch den Fluß Innerste in Hildesheim sollen Sandsäcke schützen.

Vor Überschwemmungen durch den Fluß Innerste in Hildesheim sollen Sandsäcke schützen.

Foto: dpa

„Die Innerste hat in der Nacht am Pegel Heinde einen Rekord erreicht“, sagte ein Sprecher der Stadt am Mittwoch. Beim Hochwasser 2007 stand das Wasser bei 675 Zentimeter, in der Nacht zum Mittwoch erreichte es die Marke von 694 Zentimeter. Eine unmittelbare Gefahr für die Menschen bestehe jedoch nicht.

Auch in Rhüden (Niedersachsen) sind Straßen durch den Fluss Nette überflutet. Die Nette ist ein Nebenfluss der Innerste.

Auch in Rhüden (Niedersachsen) sind Straßen durch den Fluss Nette überflutet. Die Nette ist ein Nebenfluss der Innerste.

Foto: Swen Pförtner/dpa

In den von Überschwemmungen betroffenen Landkreisen Holzminden und Hameln-Pyrmont war die Lage stabil. „Wir freuen uns über die kurze Regenpause“, sagte ein Sprecher der Rettungsleitstelle am frühen Mittwochmorgen. Die Feuerwehr habe alles im Griff.

Die Lage in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern

In Thüringen rückten die Rettungskräfte am Mittwochmorgen zu keinen größeren wetterbedingten Einsätzen aus. „Seit Mitternacht war hier im Grunde Ruhe“, sagte eine Sprecherin des Lagezentrums. In Göllingen im Kyffhäuserkreis verstärkte die Feuerwehr nach heftigen Regenfällen einen Damm an der Wipper.

Im Laufe des Mittwochs wurde für die Flüsse in Thüringen mit weiter steigenden Pegelständen gerechnet. Das berichtete die Hochwassernachrichtenzentrale. Am Vormittag war an acht Stellen der sogenannte Meldebeginn, allerdings nur an der Schmalkalde die Alarmstufe 1 erreicht worden. „Die Welle läuft jetzt weiter flussabwärts“, sagte Sprecher Lutz Baseler auf Anfrage. Deswegen sei zu erwarten, dass an weiteren Pegeln vereinzelt Alarmstufe 1 und 2 erreicht werden. Die Warnungen vor Dauerregen blieben aktiv. So sei mit weiteren 20 bis 30 Litern Regen pro Quadratmeter zu rechnen, in Staulagen bis zu 50 Litern. Erst in der Nacht sollte der Regen von Westen her abklingen.

Dauerregen und teils kräftige Böen führten in Mecklenburg-Vorpommern vereinzelt zu Schäden. Ein Campingplatz in Hohenkirchen wurde überschwemmt. Auf Straßen gab es wegen des Wetters lange Autokolonnen. In Greifswald stürzte am Dienstag ein Baugerüst um und beschädigte vier Autos. Bei einem Unfall bei Dauerregen auf der Insel Rügen wurden zwei Urlauber lebensgefährlich verletzt.

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