Kalkulierter Ergebnisfußball : Wunsch nach Tor-Spektakel? «Komm nicht zur WM»

Erwartet kein Torfestival von seinem Team: Frankreichs Didier Deschamps.
Erwartet kein Torfestival von seinem Team: Frankreichs Didier Deschamps.

Es ist die 1:0-WM. Häufiger gab es dieses Ergebnis in einer Vorrunde bislang nur einmal. Die Gründe für den taktischen Ergebnisfußball sind dabei vielfältig.

shz.de von
22. Juni 2018, 22:05 Uhr

Der kühl kalkulierte Ergebnisfußball regiert die Weltbühne. Nach reichlich Vorrunden-Spektakel in Brasilien vor vier Jahren mit späten Wendungen stöhnen viele Fans über die 1:0-WM von Russland.

Zur Hälfte der Gruppenphase endeten bereits zehn Spiele mit dem knappsten aller Siege: Der Wert von 2014 ist damit schon überschritten, nur einmal gab es dieses Resultat in der ersten Phase überhaupt häufiger. «Falls du ein 5:0 willst, komm nicht zur WM», sagte Frankreichs Coach Didier Deschamps nach dem eigenen 1:0 über Peru. «Weil es das nicht geben wird.»

TREND ZUR DEFENSIVEN STABILITÄT

Das erste Drittel der WM bestätigt zwei taktische Trends: Eine Führung geben die meisten Favoriten vor allem aus Europa kaum noch aus der Hand. Und fast alle Teams - mit wenigen Ausnahmen wie Saudi-Arabien - verfügen inzwischen über ein schlüssiges Defensivkonzept. «Das zeigt, dass der internationale Fußball immer enger und enger zusammenrückt und sich die Athletik erhöht», analysierte Ex-Weltmeister Lothar Matthäus in einer exklusiven Kolumne für den internationalen Dienst der Deutschen Presse-Agentur. «Dazu kommt, dass sich die Organisation der kleineren Teams immer weiter verbessert, und deshalb haben die Favoriten einige Probleme.»

WER 1:0 FÜHRT, DER KAUM VERLIERT

Vor vier Jahren verließ in den ersten zehn Gruppenspielen noch fünfmal das Team den Platz als Verlierer, das 1:0 führte. Bei der WM in Russland gelang erst am neunten Turniertag der Schweiz beim 2:1 über Serbien, eine Partie komplett zu drehen.

In ihrem Technischen Bericht von der WM 2014 schrieben die FIFA-Analytiker, dass das Turnier von «Mut zum Risiko» und von «hochklassigem, offensivem Fußball» geprägt war: «Ebenso von einer positiven Grundeinstellung von Trainern und Spielern, die nicht in erster Linie Gegentore und Niederlage verhindern, sondern selbst Tore erzielen und gewinnen wollten.»

Diese Ausrichtung ist nun wieder der alten Huub-Stevens-Devise gewichen, dass die Null stehen muss. Selbst in der größten Not machen die wenigsten Teams komplett auf wie Panama, das sich prompt nach langem, tapferen Kampf noch ein 0:3 durch Belgien einfing.

SUCHE NACH STÜRMERN

Teams wie Marokko und Peru zeigten zwar zahlreiche Offensivaktionen, drängten nach Rückständen immer wieder aufs gegnerische Tor - hatten aber einfach nicht die nötige Qualität. Ohne eigenen Treffer ist der Traum vom Achtelfinale für beide nach zweimal 0:1 schon früh vorbei.

Auch weil die Ausnahmekönner im Angriff fehlen. Der Anteil der Stürmer an den gesamten Toren war vor vier Jahren bei der WM in Brasilien auf über die Hälfte gestiegen. Und auch in Russland machen die Spezialisten den Unterschied. Unter den Mehrfach-Torschützen finden sich in Cristiano Ronaldo (4), Diego Costa (3), Artjom Dsjuba, Harry Kane und Romelu Lukaku (jeweils 2) diverse zentrale Stürmer.

SUCHE NACH JOKERN

Die 1:0-Tendenz und der niedrige Schnitt von 2,23 Toren pro Partie, der nur vom historischen Negativniveau der WM 1990 unterboten wird, ist auch im Mangel an Jokererfolgen begründet. 2014 wurde noch ein Fünftel aller Treffer ins gegnerische Tor von Einwechselspielern erzielt. In Russland feierte bislang hingegen nur der Gastgeber drei Jokertore beim 5:0 gegen Saudi-Arabien.

Ein Positives für torhungrige Zuschauer gibt es dann aber doch: In 26 Vorrundenspielen mussten sie noch kein 0:0 verfolgen. Damit wurde der Start-Rekord von der WM 1954 eingestellt. Vor 64 Jahren endete keine Partie des kompletten Turniers, bei dem damals nur 26 Partien stattfanden, mit einem torlosen Unentschieden.

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