Deutschland bei der WM 2014 : Warum man die DFB-Elf verteidigen muss

Die Nationalmannschaft muss dieser Tage viel Kritik einstecken. Dabei spielt sie wieder wie in alten Zeiten: Mit Leidenschaft und Kampf. Wo Tiki-Taka nicht funktioniert, müssen Siege eben anders erreicht werden.

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02. Juli 2014, 15:44 Uhr

Nach 120 Minuten war das Drama gegen Algerien beendet. Die deutsche Nationalmannschaft gewann nach einem kräfteraubenden Fight gegen die willens- und laufstarken Wüstenkicker mit 2:1. Das Viertelfinale war erreicht und die Spieler feierten erschöpft. Nun war das Spiel wahrlich keine Augenweide - mal abgesehen vom Jokertor des André Schürrle, der wieder einmal mehr seine Daseinsberechtigung im Team unterstrich.

Trotzdem mag bei den Fans der Nationalmannschaft und den Medien keine Feierlaune aufkommen. Bereits während der Halbzeitpause und dann auch nach dem Spiel wurde die schwache Leistung der Mannschaft heiß diskutiert. Eine Frage, auf die Per Mertesacker im ZDF-Interview die beste Antwort wusste: „Glauben Sie unter den letzten 16 ist irgendwie eine Karnevalstruppe?“ Nein, wahrlich nicht, denn Algerien hat es unserer Elf richtig schwer gemacht. Die deutsche Mannschaft offenbarte zwar eklatante Schwächen in der Abwehr, dank eines Manuel Neuer ging aber alles gut.

Die deutschen Fans und die Medien setzen den Jetzt-Nicht-Mehr-Titelfavoriten seitjeher unter Druck. 2006 waren die Jungs nah dran, daher musste 2010 der Titel doch nur noch eine Formsache sein. Es war knapper, aber den Titel gewann jemand anderes. Auch bei der EM 2008 und der EM 2012 waren Jogis Jungs mit einer Hand am Pokal. Gewonnen haben immer andere. 2014 muss es also sein: Der Weltmeistertitel muss nach Deutschland.

Nun hat die Mannschaft nur im ersten Spiel geglänzt. Das gewohnte ballsichere Zauberspiel, auf das heute alle warten und das auch alle fordern. Dann das Spiel gegen Ghana. Ein Kampf gegen einen starken Gegner. Miro Klose war der Retter. Ein 2:2. Gegen diese Außenseiter? Unvorstellbar. Das Spiel gegen die USA. Ein Kraftakt. Nur 1:0? Gegen diese Außenseiter? Und dann das Achtelfinale gegen Algerien. Eine unterirdische Leistung. Nur 2:1! Und das in der Verlängerung. Gegen diese Außenseiter?

Was viele vergessen: Die Welt ist nicht nur politisch enger zusammenrückt, sondern auch sportlich. Längst sind frühere Außenseiter keine kleinen Mannschaften mehr, die man als Titelanwärter mal eben mit 5:0 vom Platz fegt. Ghana, Algerien, Mexiko, Chile, die Schweiz oder Bosnien-Herzegowina: Selten taten sich Titelfavoriten so schwer gegen die vermeintlich Kleinen. Warum sollte es der Nationalmannschaft anders gehen?

Viele potenzielle Titelaspiranten und ehemalige Fußballgrößen sind bereits ausgeschieden. England: draußen. Italien: draußen. Spanien: draußen. Portugal: draußen. Noch im Rennen ist Deutschland. Und die Belgier, die ebenfalls lange nicht überzeugten. Die Niederlande, die sich schwer taten gegen Mexiko. Argentinien, die Mühe hatten mit der Schweiz. Oder der deutsche Viertelfinalgegner Frankreich, der mit Nigeria ebenfalls einen harten Brocken erst spät bezwingen konnte. Unter den letzten Acht ist also wahrlich keine Karnevalstruppe mehr.

Wie Deutschland gewinnt, ist doch am Ende nebensächlich. Glück gehört zum Fußball dazu. Per Mertesacker bringt es im Interview auf den Punkt: „Wollen Sie 'ne erfolgreiche WM oder dass wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?“ Er und ich verstehen die ganze Fragerei nicht. Deutschland ist weitergekommen. Die Mannschaft hat alles gegeben und bereitet sich jetzt auf Frankreich vor. Darf man sich als deutscher Fan nicht mehr freuen, wenn das Team eine Runde weiter ist? Sessel- und Sofasitzer äußern unberechtigte Kritik über eine Mannschaft, die 120 Minuten Vollgas gibt, die sich verausgabt hat, um weiterzukommen. Deutschland ist unter den besten acht Mannschaften auf diesem Planeten und keiner kann sich freuen? Vielleicht ist es die Mentalität in diesem Lande, dass man immer der Beste sein muss. Im Beruf, in der Wirtschaft oder im Auto. Und natürlich im Fußball. Aber bitte auch noch schön. Mühe haben mit einer Mannschaft wie Algerien geht gar nicht.

Jogis Jungs versuchen Altbewährtes, wo Tiki Taka nicht mehr funktioniert: Ein Spiel über Ausdauer und Kampf zu entscheiden. So wie früher. Mit dem Unterschied, dass sich damals niemand darüber so beschwert hat. Der ehemalige Spieler der englischen Nationalmannschaft, Gary Lineker, sagte einmal: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Sollte man daher nicht einfach mal stolz sein auf diese Truppe, die unter harten Bedingungen für etwas lebt, was in Deutschland alle wollen? Und dafür kämpfen und spielen sie, mal mehr und mal weniger ansehnlich, dafür aber erfolgreich!

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