Ernüchterung nach 0:1 gegen Mexiko : ...und das soll der Weltmeister gewesen sein?

<p>Die deutsche Nationalmannschaft muss nach der Auftaktpleite zittern.</p>

Die deutsche Nationalmannschaft muss nach der Auftaktpleite zittern.

Mancher Favorit quälte sich beim WM-Start – aber nur der Weltmeister stolperte.

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17. Juni 2018, 22:24 Uhr

Moskau | Was für ein Dilemma, was für eine Enttäuschung: Mit einer pomadigen Vorstellung startete der Weltmeister in Moskau in die Weltmeisterschaft. Aufopferungsvoll kämpfende Mexikaner kauften den Deutschen von der ersten Minute an jedweden Schneid ab und siegten am Ende verdient mit 1:0. Und alle fragen sich: Das soll der Weltmeister gewesen sein?

Der Underdog fasziniert die Fans im Stadion

Diesen WM-Auftakt hatten sich alle Deutschen anders vorgestellt: Schon in der ersten Minute schien das Stadion zum Hexenkessel zu mutieren, weil der Mexikaner Lozano fast frei zum Schuss kam, aber Jérôme Boateng in allerletzter Sekunde noch blocken konnte. Dieses Aufbäumen des vermeintlichen Underdogs faszinierte die Massen im ausverkauften Moskauer Luschniki-Stadion, das schon vor dem Anpfiff voll in mexikanischer Hand war.

Danach erst recht, denn die Südamerikaner waren in der ersten Halbzeit die bessere Elf. Nach zwanzig Minuten hätte es bereits 2:2 stehen können, denn beide Mannschaften machten offensiv richtig Dampf. Mexiko nutzte geschickt die nicht sicher stehende deutsche rechte Abwehrseite, und die Mexikaner hatten Glück, weil der Frankfurter Carlos Salcedo das Spielgerät um ein Haar ins eigene Tor geschoben hätte und Werner wenig später aus guter Position im Strafraum nicht genügend Druck hinter den Ball brachte.

Hector mit Grippe

Am Vormittag musste der Bundestrainer noch umdisponieren, Jonas Hector meldete sich mit einem grippalen Infekt ab, Berlins Linksverteidiger Marvin Plattenhardt kam für ihn in die Mannschaft. An ihm lag es aber nicht, dass die Deutschen nicht ins Spiel kamen. Zwei große Probleme machten ihnen zu schaffen: Die Abwehr geriet immer wieder unter Druck, weil die Räume schlecht besetzt wurden, es gab viele Ballverluste und damit offene Räume für die Mexikaner, die andererseits in jeder Ballaktion kämpften, als gehe es um ihr Leben. Nach 35 Minuten wurden die Deutschen für ihre Unzulänglichkeiten bestraft. Das Tor offenbarte alle Defizite in Sekunden: Sami Khedira verlor den Ball im Mittelfeld, die Mexikaner starteten mit drei Mann, einzig der mitgelaufene Mesut Özil hätte das Unheil verhindern können, er wurde schlicht von Lozano düpiert. Manuel Neuer hatte keine Chance. Das Stadion tobte, Mexiko führte.

Die Antwort der Deutschen kam schnell, der in der Abwehr indisponierte Joshua Kimmich wurde am mexikanischen Strafraum gelegt, Toni Kroos zirkelte den Ball in die rechte obere Ecke, aber Torhüter Ochoa und die Latte standen dem Ausgleich im Weg.

Ernüchternde erste Halbzeit

Insgesamt war die erste Halbzeit ein ernüchternder Auftritt für die DFB-Elf, die oft orientierungslos und kopflos bei den schnellen Kontern der Mexikaner wirkte. Sami Khedira, Thomas Müller, Joshua Kimmich waren überhaupt nicht auf Betriebstemperatur, Mesut Özil und Mats Hummels mitunter zu unkonzentriert. Die Zahlen zur Pause: 31 Fehlpässe der Löw-Kicker, nur drei nennenswert gute Chance und ein 0:1-Rückstand. Mit etwas mehr Glück hätten die Mexikaner höher führen können.

Weil sich nach Wiederbeginn nicht viel änderte, außer dass die Deutschen jetzt mehr Ballbesitz hatten, aber weiterhin gehemmt spielten, reagierte Löw und brachte Marco Reus für den indisponierten Sami Khedira. Immerhin versuchte Joshua Kimmich in der 65. Minute den Ronaldo, sein Fallrückzieher hätte fast zum Ausgleich geführt. Zwei Minuten später zielte Draxler zu schlecht, und bei der folgenden Ecke haute Werner den Ball übers Gehäuse.

Verzweiflung bei Reus-Schuss

Bei einem Reus-Schuss nach 70 Minuten war schon ein wenig Verzweiflung zu spüren. Mit Marco Reus war deutlich mehr Zug ins deutsche Spiel gekommen. Nach 75 Minuten verzog Toni Kroos knapp, jetzt reagierte Löw mit der Brechstange und brachte den Stürmer Mario Gomez für den Verteidiger Marvin Plattenhardt, und der fehlte gleich, als drei Mexikaner gen Boateng und Hummels stürmten und Glück hatten, dass er mit der Hacke Unheil verhindern konnte.

Symptomatisch: Zwei Gelbe Karten (Hummels und Müller) handelten sich die Deutschen am Ende ein, weil sie keine anderen Mittel fanden, um die mexikanischen Konter zu ersticken.

Gomez und Brandt mit letzten Chancen

Drei Minuten vor Schluss hatten Mario Gomez und der eingewechselte Julian Brandt noch die Chancen, das Unheil zu verhindern, doch nach 93 Minuten war die Blamage perfekt und Moskau in mexikanischer Hand. Joachim Löw am Ende des Abends: „Wir haben genug Erfahrung, mit so einer Niederlage umzugehen, wir werden wieder aufstehen, wir müssen das nächste Spiel gewinnen.“

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