Abgeschirmt im Stubaital : Tschertschessow feilt an Russlands WM-Form

Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow (M) beim Training im Stubaital.
Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow (M) beim Training im Stubaital.

Im Trainingslager in Tirol schwört Russlands Coach Tschertschessow den Gastgeber auf die Fußball-WM ein. Österreich hat er bewusst gewählt. In einer Mannschaft ohne Stars setzt der erfahrene Stratege auf Teamgeist.

shz.de von
29. Mai 2018, 10:54 Uhr

Für Russlands Fußballer ist es ein letzter Moment der Ruhe. Im idyllischen Stubaital trainiert das Team um die ehemaligen Bundesligaprofis Roman Neustädter und Konstantin Rausch weitgehend abgeschirmt vor der mit Spannung erwarteten Heim-WM.

«Alle Vorbereitungen laufen optimal - und die Vorfreude wird immer größer», sagt Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow. Der Fokus ist ausgerichtet auf den WM-Auftakt am 14. Juni vor den Augen der Fußball-Welt in Moskau gegen Saudi-Arabien. In der Heimat schwanken die WM-Erwartungen zwischen großer Hoffnung und der Angst vor einem Desaster - dem Vorrunden-Aus.

Stani, wie sie den schnauzbärtigen Coach liebevoll in Österreich nennen, hat den Ort für das letzte Trainingslager der Sbornaja selbst ausgesucht. «Es ist fast mein zweites Zuhause. Ich kenne dort alles», sagte Tschertschessow dem Moskauer TV-Sender Match. «Ich habe in Tirol gespielt, meine Tochter war dort auf der Universität. Die Lage, die Infrastruktur, das Hotel, die Sportfelder - alles passt.»

Am Mittwoch bestreitet die Sbornaja im nur 25 Kilometer entfernten Innsbruck noch ein Testspiel gegen Österreich. Einen Tag später geht es wieder nach Hause.

«In Tirol steht vor der endgültigen Nominierung des WM-Kaders viel Arbeit bevor», sagt Russlands Verbandspräsident Alexander Alajew. Jeder Trainingstag besteht aus einer Einheit auf dem Platz und einer theoretischen Schulung im Seminarsaal. «Da ist es wichtig, dass die Spieler ihre Kräfte nicht mit Nebensächlichkeiten verschwenden.»

Alle, ob Spieler oder Funktionäre, müssten sich maximal auf das Heim-Turnier konzentrieren. «Glauben Sie mir - eine Fußball-WM zu organisieren ist so schwer wie elf Olympische Spiele», meint Alajew.

Nichts soll die Aufmerksamkeit der Spieler stören. In dem Sporthotel sind Moskauer Medien zufolge alle 70 Zimmer für die Russen reserviert. Weitere Gäste: Keine. Nur einmal wurde die Isolation durchbrochen. Am Wochenende kamen Doping-Kontrolleure.

Wer von den Spielern der Sbornaja abergläubisch ist, darf auf ein gutes Omen hoffen. Frankreich wohnte vor der WM 2006 im selben Hotel - und wurde Vizeweltmeister. Noch besser machte es zwei Jahre später der Gast Spanien. Die Iberer wurden Europameister. Für Russland ist das Finale ein ferner Traum - das (Minimal-)Ziel heißt Achtelfinale.

Bevor im Eröffnungsspiel Saudi-Arabien wartet, tritt der WM-Gastgeber am Dienstag kommender Woche in Moskau zum Testspiel gegen die Türkei an. Davor misst Russland die Kräfte noch mit Österreich. «Wir werden wohl nicht in Topform sein, weil wir uns mitten im Trainingslager befinden», meint Alajew. Aber die Mannschaft brauche diese Partie - längst passe beim Gastgeber die Abstimmung noch nicht. In Neustift experimentierte Tschertschessow in der Abwehr mit einer Viererkette, nachdem die Sbornaja zuletzt meist mit Dreierkette agierte.

Tschertschessow zufolge soll die WM-Taktik bis zum Türkei-Spiel stehen. «Wir haben keine Superstars. Deswegen muss die Mannschaft funktionieren.» Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay heißen Russlands Gruppengegner. «Bei Ägypten liegt natürlich die Hauptaufmerksamkeit auf Mohamed Salah», sagt Tschertschessow. Bei Liverpool ist der Linksfüßer, der sich im Champions-League-Finale verletzte, der Chef.

«Aber Ägyptens Trainer Hector Cuper lässt einen anderen Fußball spielen. Salah ist hier nicht von Abwehraufgaben befreit und wird oft einen Tick später angespielt als bei Liverpool», meint der Coach. Auf dem hohen Niveau einer WM könnten solche Momente entscheidend sein.

Nur wenige Details dringen aus dem Stubaital durch. Die Isolation funktioniert offenbar. «Die Leute erwarten von der Mannschaft gute Spiele und nicht gute Interviews», betont Tschertschessow. Und die Presse äußert Verständnis. «Rennpferden legt man Scheuklappen an, wenn sie sich konzentrieren müssen», schreibt die Moskauer Zeitung «Sport-Express» etwa. «Und genauso stark, liebe Leser, müssen sich jetzt unsere Spieler konzentrieren: Ihr Blick geht nur nach vorne.»

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