Überragende Offensive : Spanien vertreibt die Zweifel: «Großartige Arbeit!!»

Die Spanier haben nach einer Chaoswoche nichts von ihrer spielerischen Klasse verloren.
Die Spanier haben nach einer Chaoswoche nichts von ihrer spielerischen Klasse verloren.

Braucht Spanien überhaupt einen Trainer? Der Ex-Weltmeister ist zwar machtlos gegen Portugals Gigant Cristiano Ronaldo, verliert aber nach turbulenten Tagen nicht die Linie.

shz.de von
17. Juni 2018, 09:11 Uhr

«Seguimos!» - «Weiter geht's!» Mit Spaniens Motto nach dem atemraubenden 3:3 gegen Portugal und vor der nächsten Herausforderung gegen den Iran posierte Kapitän Sergio Ramos mit erhobenem Daumen.

Für das ansonsten bei den Fußballern so beliebte Selfie aus dem Flieger fand er aber nur drei Mitstreiter. Der Rest der Mannschaft hing ziemlich ermattet in den Sitzen auf dem Weg zurück ins Quartier von Krasnodar. Die Botschaft an den Rest der Weltmeisterschaft ist dennoch deutlich: Die Selección hat nach einer Chaoswoche nichts von ihrer spielerischen Klasse verloren.

«Wir haben WM pur gesehen», schwärmte auch Bundestrainer Joachim Löw. «Das war schon ein Genuss.» Ungeachtet der Sternstunde des dreifachen Torschützen Cristiano Ronaldo für Portugal kann der Weltmeister von 2010 vor allem auf seine überragende Offensive mit Andrés Iniesta, Isco, David Silva und Diego Costa zählen. «Großartige Arbeit!! Große Gefühle!! Mannschaft!!», twitterte Iniesta, der kleine Spielmacher vom FC Barcelona, bevor das Team bis zum Sonntagabend frei bekam.

«Die Spieler haben eine fantastische Reaktion auf die Situation gezeigt und dafür bin ich sehr, sehr dankbar», sagte Interimscoach Fernando Hierro. «Wir haben Charakter bewiesen, Engagement, Stolz, Persönlichkeit... Eine reife Mannschaft, die nicht zweifelt und weiß, was sie will.» Schließlich habe er nur wenig Zeit gehabt, das Spiel vorzubereiten.

Dabei war der Gegner seit der Auslosung am 1. Dezember bekannt. Doch mit dem Sturz von Chefcoach Julen Lopetegui, dessen Vertrag mit Real Madrid für die kommenden drei Jahre ein Erdbeben ausgelöst hatte im Lager des Topfavoriten, warf Verbandsboss Luis Rubiales alles über den Haufen - zwei Tage vor dem Portugal-Spiel.

In seiner Erleichterung über den Auftritt seiner Mannschaft verstieg sich Hierro sogar in die Aussage: «Ronaldo ist ein außergewöhnlicher Junge, aber ich würde ihn gegen keinen einzigen meiner Spieler eintauschen.» Das konnte der einst eisenharte Verteidiger auch leicht behaupten, da sein viel kritisierter Stürmer Diego Costa von Atlético Madrid, der in der Vergangenheit angesichts der Supertechniker um ihn herum oft wie ein Fremdkörper wirkte, zwei Tore erzielte.

«Eigentlich hatten wir eine Debatte um den Angriff, jetzt haben wir sie im Tor mit de Gea», schrieb «Marca» nach David de Geas Patzer beim 1:2. Das Sportblatt reihte die Aktion des Schlussmanns von Manchester United gleich mal ein in die Pannen früherer Nationalkeeper wie jener von Andoni Zubazarreta. Der hatte 1998 in Frankreich beim 2:3 gegen Nigeria den Ball ins eigene Tor gelöffelt.

Dennoch dürfte de Gea am 20. Juni in Kasan gegen den Iran wieder zwischen den Pfosten stehen. Der 27-Jährige leistete Aufbauarbeit in eigener Sache. «Bevor man lernt zu triumphieren, muss man lernen zu scheitern», twitterte er mit einem Foto, auf dem ihn Kapitän Sergio Ramos nach dem Schlusspfiff umarmte. «Es war ein Fehler, wie er allen Torhütern mal passiert. Der Ball war schwierig, so ist Fußball», sagte de Gea. Er setze aber auf das Vertrauen von Trainer Fernando Hierro und seiner Mitspieler: «Ich spüre ihre Unterstützung.» Dabei hatte er schon in den Testspielen gegen Argentinien (6:1) und die Schweiz (1:1) ein unnötiges Tor kassiert.

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