Doppelte Staatsbürgerschaft : Rakitic: Mit Kroatien im Finale, aber Star der Schweiz

Kroatiens Star Ivan Rakitic wurde in der Schweiz geboren. /xinhua
Kroatiens Star Ivan Rakitic wurde in der Schweiz geboren. /xinhua

Ivan Rakitic nutzte einst Schalke 04 als Sprungbrett zu einer internationalen Karriere. Nun steht der gebürtige Schweizer im WM-Finale - und wird von der Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft eingeholt.

shz.de von
14. Juli 2018, 09:17 Uhr

Man spricht auch schwyzerdütsch beim WM-Finale. Wenn Ivan Rakitic dieser Tage vor die Mikrofone tritt, dann könnte man schon mal fragen: Ist die Schweiz nicht längst ausgeschieden?

Doch Kroatiens Mittelfeldstar steht für den Wandel eines inzwischen multikulturellen Europa - mit all seinen Schwierigkeiten. Der 30-Jährige erhält vor dem «Spiel unseres Lebens» internationalen Zuspruch und ist völlig elektrisiert: «Ich habe das Gefühl, Hunderte von Millionen sind für uns am Sonntag. Ich habe Nachrichten aus Deutschland, von überall aus der Welt. Was mich wirklich glücklich macht.»

Der in Rheinfelden geborene Sohn kroatischer Eltern hat auch die Schweizer Staatsbürgerschaft, spielte einst für die Junioren-Auswahl der Eidgenossen, später in der Bundesliga bei Schalke 04, ist heute ein Star beim FC Barcelona - und greift nun mit Kroatien erstmals nach dem Pokal bei einer Fußball-WM.

Rakitic wäre nach Angaben der Schweizer Nachrichten-Agentur Keystone-SDA der erste Spieler mit einem Schweizer Pass, der ein WM-Endspiel bestreitet. Sein 99. Länderspiel am Sonntag (17.00 Uhr MESZ) gegen Frankreich im Luschniki-Stadion von Moskau soll zum Höhepunkt einer Karriere mit vielen Stationen werden.

«Die Worte, um die Gefühle zu beschreiben, gibt es nicht», sagte Rakitic bereits nach dem Halbfinal-Triumph gegen England. «Dafür muss man im Duden richtig lange suchen - oder etwas Neues erfinden.»

Sein erster Verein war der FC Möhlin-Riburg an der deutsch-schweizerischen Grenze. Bereits mit 17 Jahren spielte der Blondschopf beim FC Basel in der ersten Liga. Mitten in seiner U21-Zeit wechselte er das Trikot der Eidgenossen gegen das seiner kroatischen Vorfahren - und handelte sich dabei wüste Beschimpfungen ein. «Meine Situation von damals wünsche ich niemandem», sagte er dieser Tage in einem «Blick»-Interview.

Das Thema kochte ausgerechnet bei der WM wieder hoch. Der Generalsekretär des Schweizer Fußball-Verbandes (SFV), Alex Miescher, hatte gefordert, man solle seinen zweiten Pass abgeben, wenn man mal für das Junioren-Nationalteam spiele und in einem Interview gefragt: «Wollen wir Doppelbürger?»

Anlass war der umstrittene Torjubel der Schweizer Spieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri beim 2:1-Sieg im WM-Vorrundenspiel gegen Serbien. Die Profis mit kosovo-albanischen Wurzeln hatten mit ihren Armen und Händen den sogenannten Doppel-Adler gezeigt und damit die serbischen Gegner provoziert. Für Mieschers Aussagen hat sich der SFV am Freitag entschuldigt: «Da sind Fehler passiert und wurde eine Außenwirkung erzielt, die nie beabsichtigt war», sagte Verbandspräsident Gilliéron.

«Ich bin stolz auf meinen Schweizer Pass», sagte Rakitic. Auch er hatte bei seinem Wechsel vom SFV zum kroatischen Verband schwieriges sportpolitisches Terrain kennengelernt. Heute wäre er froh, wenn damals die Regeln für einen Wechsel einfacher gewesen wären und ihm damals irgendjemand die Entscheidung abgenommen hätte - «ohne den Druck der Öffentlichkeit, damit sie einfach nur den Fußball genießen könnten.»

In Russland glänzt Rakitic nicht nur an der Seite von Kapitän Luka Modric von Real Madrid, sondern auch als nervenstarker Matchwinner: Im Elfmeterschießen des Achtelfinals gegen Dänemark und des Viertelfinals gegen Russland verwandelte er im entscheidenden fünften Durchgang.

Ähnlich wertvoll war wohl nur sein Führungstreffer im Champions-League-Finale 2015 gegen Juventus Turin, als Barcelona mit 3:1 gewann. Rakitic ist längst ein souveräner Pendler zwischen allen Fußball-Welten. Mangelnde Verbundenheit zu seinem Geburtsland soll ihm dabei keiner vorwerfen: «Ich bin immer Schweiz-Fan, wenn wir nicht gegen die Nati spielen», sagte er im «Blick»-Interview.

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