Sehenswerte Doku auf Streaming-Portal DAZN : Mario Götze: Ein WM-Held, der am liebsten keiner wäre

<p>Sucht den Glanz vergangener Tage: WM-Siegtorschütze Mario Götze. </p>

Sucht den Glanz vergangener Tage: WM-Siegtorschütze Mario Götze.

Eine sehr persönliche Dokumentation über Mario Götze zeigt den WM-Helden von einer ganz anderen Seite.

shz.de von
13. Juni 2018, 15:42 Uhr

Osnabrück | Wir schreiben die 113. Minute des WM-Finals 2014 in Brasilien: André Schürrle marschiert auf dem linken Flügel die Linie entlang, flankt den Ball in die Mitte, wo Mario Götze das Leder am Fünf-Meter-Raum mit der Brust annimmt und dann per Volleyschuss mit dem linken Fuß an Argentiniens Keeper Sergio Romero vorbei das entscheidende 1:0 für die deutsche Nationalmannschaft erzielt. Danach: Pure Emotionen, Ekstase, Glückseligkeit. Ein neuer WM-Held ist geboren.

WM-Siegtor als Fluch und Segen

Für Fußball-Deutschland bleibt dieser Moment als der schönste der jüngeren Vergangenheit in Erinnerung. Und für Götze? Für Götze war der Augenblick Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite wird der Offensivspieler am 13. Juli 2014 zum festen Bestandteil deutscher Fußballgeschichte. Als 22-Jähriger gesellt er sich zu Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme, die bei den vorherigen drei WM-Titeln jeweils die entscheidenden Tore schossen. Auf der anderen Seite folgt dem Karriere-Highlight der Karriere-Knick. Götze als „Jahrhunderttalent“ und „Wunderkind“ bezeichnet, scheitert beim FC Bayern, ist lange Zeit im Formtief, kämpft gegen eine mysteriöse Stoffwechselerkrankung, findet keine Berücksichtigung mehr in der Nationalmannschaft, nimmt nicht an der WM 2018 teil.

Doku zeigt Götze sensibel und nachdenklich

Während das DFB-Team in Russland die Mission Titelverteidigung in Angriff nimmt, sorgt Götze in der Heimat für Aufsehen. Der vielfach preisgekrönte Filmemacher Aljoscha Pause hat Götze in den vergangenen Monaten begleitet. Herausgekommen ist die vierteilige Dokumentation „Being Mario Götze“, die im Internet auf dem Streaming-Portal DAZN zu sehen ist. Sie offenbart erstaunliche Erkenntnisse, zeigt einen sensiblen und nachdenklichen Götze und lässt viele Weggefährten des Fußballstars mit kritischen Einwürfen zu Wort kommen.

„Ich kann mir vorstellen, dass er nach der Karriere sagt, er hätte dieses Tor lieber nicht gemacht“, sagt BVB-Spieler Marcel Schmelzer. Marios zwei Jahre ältere Bruder Fabian, der kurioserweise am gleichen Tag Geburtstag hat wie Mario, konkretisiert: „Früher Erfolg ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“ Fabian ist der heimliche Star der Doku. Wie Mario durchlief er die Jugend-Teams von Borussia Dortmund, schaffte es als Profi dann bis in die 3. Liga. Wegen verschiedener Verletzungen beendete er seine Karriere mit nur 24 Jahren. Heute studiert er. Als Mario bei Bayern spielte, kickte er bei der Spielvereinigung Unterhaching. In München teilten sich die Brüder eine Wohnung. Fabian kennt Mario so gut wie kaum ein anderer. „Er war schon immer mehr in seiner Welt und wollte sich abschotten. Deswegen wird er oft missverstanden“, sagt Fabian über Mario, der in der Öffentlichkeit oft als arrogant und emotionslos dargestellt wird.

<p>Mario Götzes beim Jubellauf nach seinem Siegtreffer gegen Argentinien.</p>
imago/Laci Perenyi

Mario Götzes beim Jubellauf nach seinem Siegtreffer gegen Argentinien.

 

In den dreieinhalb Stunden der Doku zeichnet Pause ein anderes Bild: Götze wirkt reflektiert und aufgeräumt. Er öffnet sich, spricht über die Nachteile des Hypes um ihn in den jungen Jahren, seinen Wechsel zu Bayern, schwierige Verhältnisse zu Trainern, seine langwierige Erkrankung und harsche Kritik an seiner Person. In vielen Situationen wird dabei ersichtlich, dass ein empfindlicher Götze in den vergangenen Jahren begonnen hat, an sich zu zweifeln.

Traum zerplatzt

Weil der BVB eine enttäuschende Saison spielte, er selbst viele schwache bis mittelmäßige Leistungen zeigte, scheint es so, als würde er ahnen, dass es für eine Nominierung für den WM-Kader nicht reicht. Sein Traum, in Russland den WM-Titel zu verteidigen, zerplatzt.

Deutlich wird in der Doku aber auch, dabei, dass Götze genau die Eigenschaft verloren hat, die ihn zu Beginn seiner Laufbahn ausgezeichnet hat und mit der er Deutschland zum Weltmeister krönte: die Leichtigkeit. Gewinnt der 26-Jährige diese zurück, wird er in Zukunft auch wieder auf dem Fußballplatz für positive Schlagzeilen sorgen – und für das DFB-Team unverzichtbar sein.

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