Alle Widerstände überwunden : Kroos‘ Tor ändert alles – wie 2006 gegen Polen

<p>Toni Kroos jubelt mit Marco Reus über seinen Treffer zum 2:1.</p>

Toni Kroos jubelt mit Marco Reus über seinen Treffer zum 2:1.

Das Tor könnte ein Wendepunkt sein, der Deutschland durch das Turnier trägt. Es wäre nicht das erste Mal.

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24. Juni 2018, 08:56 Uhr

Sotschi | Die Fußball-Nationalelf stand bei der WM in Russland gegen Schweden in Unterzahl vor dem Aus – dann gab ein geniales Freistoßtor von Toni Kroos Deutschland alle Chancen zurück, ins Achtelfinale einzuziehen. Das Tor könnte eine Wende sein: Wie Oliver Neuvilles Treffer in Dortmund gegen Polen bei der WM 2006, ebenfalls im zweiten Gruppenspiel.

Die Abgesänge standen bei vielen Journalisten schon in den Blöcken: Erst der träge und uninspirierte Auftritt gegen Mexiko, dann gegen die Schweden zwar über weite Strecken eine kämpferische Steigerung, aber doch ein zu fehlerbehaftetes und lange zu wenig durchschlagkräftiges Spiel. Ein 1:1-Endresultat hätte den Deutschen nur noch ganz theoretische Chancen auf das Weiterkommen gelassen. Insgesamt also ein mehr als enttäuschender Auftritt des Weltmeisters in Russland – so hätte das Fazit gelautet.

Doch der magische Kroos-Moment ändert alles. Isoliert betrachtet war der verwandelte Freistoß zum 2:1-Sieg der perfekte Abschluss eines dramatischen Spielverlaufs – mit einem nicht mehr für möglich gehaltenen Happy-End: Als der Freistoß des Regisseurs von Real Madrid im langen Torwinkel landete, explodierte die deutsche Kurve in einem befreiten Jubel. Die schwedischen Fans, die zuvor ihre Mannschaft für eine couragierte Defensivleistung gefeiert hatten, blickten fassungslos auf die Ereignisse herab.

Doch noch wichtiger ist dieser Sieg für den Turnierverlauf insgesamt – vor allem, wenn man betrachtet, wie er zustande gekommen ist. Die These, Deutschland habe keine Lösungen gehabt, dreht sich nun in die Feststellung, dass die Mannschaft von Joachim Löw alle Widerstände überwunden hat, die sich ihr entgegenstellten. Und davon gab es richtig viele.

Fast aussichtslos. Fast.

Angefangen mit dem krassen Ballverlust des neu in die Startelf gerückten Antonio Rüdiger: Er ermöglichte den Schweden eine klare Torchance, die Jerome Boateng nur mit Mitteln vereiteln konnte, die eigentlich jenseits der Legalität waren. Das Glücksgefühl bei den deutschen Fans, dass der Videoassistent nicht einschritt, wich schnell der Ernüchterung, dass diese Aktion einen krassen Bruch ins deutsche Spiel brachte, der die weiter vorhandene Fragilität des Gebildes Nationalmannschaft bei der WM perfekt illustrierte. Zuvor hatte Deutschland ein riesiges Ballbesitz- und Raumplus gehabt, Chancen kreiert wie jene riesige von Julian Draxler. Danach krankte das deutsche Spiel erneut an den Mexiko-Symptomen: Zu viele Fehlpässe, zu wenig Impulse nach vorn beim Suchen der Räume in der Tiefe – und zu wenig Nachsetzen bei Ballverlusten.

Sichtbar beim Rückstand – eingeleitet von einem schlimmen Fehlpass von Toni Kroos, dem eigentlich so ballsicheren Regisseur, der selbst erneut nicht nachsetzte. Später kam das Abflauen des deutschen Sturmlaufs nach dem Ausgleich durch Marco Reus – auch ein wenig verschuldet vom Torschützen selbst: Die große Chance zum 2:1 ließ er liegen, weil er den Ball kunstvoll mit der Hacke verwandeln wollte, anstatt ihn einfach konventionell aufs Tor zu schießen. Und schließlich als weiterer und eigentlich nicht mehr verkraftbar erscheinender Rückschlag der Platzverweis gegen Jerome Boateng, der die Deutschen beim Zwischenstand von 1:1 zehn Minuten vor Schluss in eine fast aussichtslose Lage brachte, dieses Spiel noch zu gewinnen.

Zurück: die Turniermannschaft

Doch dann kam Kroos – und änderte alles mit seinem genialen Treffer. Er sorgt für Respekt bei den Gegnern, die wieder Angst davor haben müssen, dass Deutschland auch in aussichtsloser Situation bis zur letzten Minute in der Lage ist, die Dinge zu seinen Gunsten zu wenden. Er gibt den Spielern Selbstvertrauen, dass die größten Widerstände überwindbar sind – auch dann, wenn alles gegen sie zu laufen scheint. Deutschland funktioniert wieder, als Turniermannschaft, im Endspielmodus.

Es war das erste Finale auf dem Weg zur Verteidigung des WM-Titels. Weitere fünf können folgen. Am Mittwoch muss Deutschland gegen Außenseiter Südkorea im letzten Gruppenspiel nur ein gleich gutes oder besseres Ergebnis erzielen als Schweden gegen Mexiko – und ein Sieg mit zwei Toren reicht auf jeden Fall zum Weiterkommen. Das russische Sommermärchen für Deutschland – die Hoffnung darauf lebt wieder.

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