Spaniens Selección : Hierro und sein Schattenmann: Spieler trauern Lopetegui nach

Spaniens Coach Fernando Hierro beim Training. /gtres
Spaniens Coach Fernando Hierro beim Training. /gtres

Mit der Blitz-Trennung von Trainer Lopetegui hat Spaniens Nationalteam noch nicht abgeschlossen. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Marokko macht dies Atlético-Profi Saul deutlich. Interimscoach Hierro muss sich erst noch beweisen.

shz.de von
24. Juni 2018, 10:49 Uhr

Die Schuhe, in denen Fernando Hierro auf dem Trainingsplatz in Krasnodar steht, könnten noch aus seiner aktiven Zeit stammen: schwarz mit drei weißen Streifen. Die Strümpfe gehen locker als Tennissocken aus dem vergangenen Jahrtausend durch.

Der 50-Jährige ist eine Legende des spanischen Fußballs, war selbst Spieler bei vier Weltmeisterschaften. Dass er nun in Russland urplötzlich Chefcoach der Selección ist, daran war er nicht unbeteiligt. Im letzten Gruppenspiel gegen Marokko kann Hierro wieder einen Schritt Richtung Titel machen. Den Schatten seines Vorgängers Julen Lopetegui wird er während des ganzen Turniers nicht loswerden.

Die Gemengelage verdeutlichte auch Mittelfeldspieler Saul Niguez. «Ich glaube, die Entscheidung, die ihre Motive und Ziele haben möge, haben wir Spieler nicht nachvollziehen können», sagte der 23-Jährige in einem Interview des Radio- und Fernsehsenders RTVE zur Trennung von Lopetegui nur zwei Tage vor dem Spiel gegen Portugal (3:3). «Julen hätte es verdient gehabt weiterzumachen, nachdem er uns zwei Jahre lang auf die WM vorbereitet hatte.» Die klaren Aussagen Sauls erstaunten auch deshalb, da er nicht bei Lopeteguis künftigem Club Real Madrid spielt, sondern beim Stadtrivalen Atlético.

«Fernando hat sich gut in die Gruppe eingefügt», sagte Jordi Alba vor der Partie an diesem Montag (20.00 Uhr) in Kaliningrad - als spräche er über irgendeinen Neuzugang. Auch der Linksverteidiger vom FC Barcelona hatte deutlich gemacht, dass ihm «die Sache mit Loptegui nicht gefallen» habe. Was sich taktisch verändert habe unter Hierro? «Die Spielidee ist die gleiche wie bei Julen.»

Auch Albas Worte sagen viel aus über den Personalwechsel, den der erboste Verbandschef Luis Rubiales vorgenommen hatte, als Lopeteguis Wechsel zu Real nach dem Turnier bekannt wurde. Diese Entscheidung trug auch Hierro, bis dato Sportdirektor, mit - eher er dann zu seiner eigenen Begeisterung auf die Trainerbank gehoben wurde. Die Real-Ikone kann zwar auf 598 Pflichtspiele, fünf Meistertitel und drei Champions-League-Siege mit den Königlichen verweisen. Aber als Coach auf nur jeweils ein Jahr Assistententätigkeit in Madrid unter Carlo Ancelotti und beim Zweitligisten Real Oviedo.

Hierro fand einen funktionierenden WM-Favoriten vor, der unter seinem Vorgänger in allen 20 Spielen ungeschlagen geblieben war. Und Lopetegui hatte bei seinen Spielern einen guten Stand. Nicht nur bei der Real-Fraktion um Kapitän Sergio Ramos, der sich gegen dessen Ablösung ausgesprochen hatte, sondern auch bei einem wie Gerard Piqué: Der Profi des FC Barcelona, zusammen mit Ramos der Wortführer in der Mannschaft, ist wegen seiner Unterstützung für eine Unabhängigkeit Kataloniens bei vielen verhasst. Lopetegui ließ jedoch nie Zweifel daran, dass er zum Nationalteam gehört.

Abwehrspieler Daniel Carvajal erzählte in einem Radio-Interview, dass Lopetegui seine Entscheidung für Real zuallererst den Spielern in der Kabine gesagt habe. Niemand habe ein Drama daraus gemacht, einige hätten sogar Witze gerissen. An eine Trennung vom Chefcoach dachte in diesem Moment niemand.

Hierro teilt mit seiner Mannschaft nun das eine große Ziel: «Wir wollen um den WM-Titel kämpfen.» Spanien habe große Möglichkeiten, und was in der jüngsten Vergangenheit geschehen sei, tauge nicht für Rechtfertigungen. Der 50-Jährige schmeichelte nach dem Auftakt seinen Profis: «Ich würde keinen meinen Spieler gegen Ronaldo eintauschen, keinen einzigen.» Der 89-fache Nationalspieler spricht gerne von den «chavales» oder «chicos», von den «Jungs». Doch die sind Manns genug, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Das Team ist eingespielt; nach dem 1:0 gegen den Iran geht es nun gegen Marokko um den Gruppensieg. Falls der Weltmeister von 2010 am 15. Juli im Finale triumphieren sollte, dann wird Hierro seinen Ruhm mit Lopetegui teilen müssen. «Julen wird immer Teil unseres Teams sein, egal, was bei dieser WM passiert» - das hat Ramos bei einer Pressekonferenz klar gemacht. Hierro saß da direkt neben ihm.

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