Unterhaltsames : Fußball statt Krise: Vereinte Nationen im WM-Fieber

Die Botschafter des UN-Sicherheitsrats posieren für ein Foto mit den Trikots der Fußballmannschaften ihres Landes. M. Altaffer/AP
Die Botschafter des UN-Sicherheitsrats posieren für ein Foto mit den Trikots der Fußballmannschaften ihres Landes. M. Altaffer/AP

Auch am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York ist das Fußballfieber zu spüren: Diplomaten und Mitarbeiter tragen Trikots und feuern vor den Bildschirmen ihre Teams an. Die Begeisterung für den Sport könnte sich auch auf die Diplomatie auswirken.

shz.de von
10. Juli 2018, 07:22 Uhr

Verzweifelte Aufschreie und Kopfschütteln, Jubelrufe und Beifall sind seit einigen Wochen am Hauptsitz der Vereinten Nationen (UN) in New York immer häufiger zu hören und zu sehen.

Der Grund ist aber kein politischer. Diplomaten und Mitarbeiter der 193 UN-Mitgliedsstaaten im Zentrum von Manhattan hat das Fußballfieber erwischt.

Je mehr die Fußball-Weltmeisterschaft Fahrt aufnimmt, desto häufiger mischen sich bunte Trikots zwischen graue, blaue und schwarze Anzüge in den Gängen und Cafés. Moskaus UN-Botschafter Wassili Nebensja gab den Anstoß für die Fußballparty, als WM-Gastgeber Russland im Juni die Präsidentschaft im UN-Sicherheitsrat übernahm. Den Vorsitz, der jeden Monat wechselt, hat im Juli Schweden inne.

Die deutsche UN-Vertretung in New York schrieb vor dem Gruppenspiel gegen Schweden am 23. Juni: «Wir lieben Köttbullar, Pipi Langstrumpf, Elche, Ikea, Abba und Mittsommer. Aber für die nächsten 90 Minuten werden wir das alles mal ignorieren.» Deutschland gewann das Spiel 2:1, doch dann musste die Mannschaft bekanntlich mit einem 0:2 gegen Südkorea bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten.

Die 15 Botschafter des Sicherheitsrates trugen während der Eröffnungszeremonie die Fußballtrikots ihrer Länder - auch Staaten, die sich nicht für die WM qualifiziert hatten, machten mit. Antonio Guterres, UN-Generalsekretär und Ex-Premier von Portugal, wies mit einem Schiedsrichteroutfit auf seine diplomatische Neutralität hin.

Seitdem sieht man UN-Mitarbeiter und Diplomaten vor den Bildschirmen in den Cafés. Sie schieben ihre Stühle durch den Raum, um einen besseren Blick auf das TV-Gerät in der Lounge der Delegierten zu erhaschen. «Wir haben über einen (Fernseher) im Sicherheitsrat nachgedacht, uns aber später doch dagegen entschieden», so Nebensja. Während der Sicherheitsrat weiter über den Jemen, Syrien und die großen Konflikte auf der Welt diskutierte, hatte Nebensja, der dem Treffen im Juni vorsaß, einen kleinen Fußball vor sich auf dem Tisch.

Die 15 Mitglieder des Sicherheitsrates haben derzeit große Probleme, bei wichtigen Themen eine Einigung zu finden. Als eines von fünf ständigen Mitgliedern haben die USA unter Präsident Donald Trump den Rat nicht zuletzt durch die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran sowie den Handelsstreit mit China und Europa ins Wanken gebracht. Deutschland wird dem Gremium als nicht-ständiges Mitglied 2019 und 2020 angehören, wie eine Abstimmung am 8. Juni ergab.

Zu Beginn der Fußball-WM wies Miroslav Lajcak, Präsident der UN-Vollversammlung, auf den starken Zusammenhang zwischen Sport und Frieden hin. «Selbst zu Kriegszeiten kann Fußball Menschen zusammenbringen. Wir haben vielleicht andere Bräuche oder Standpunkte. Aber wenn wir auf dem Platz sind, sind wir alle gleich.»

Könnte das Fußballfest in der verfahrenen Lage im Sicherheitsrat Entspannung bringen? «Die Weltmeisterschaft ist in diesen Tagen der offensichtliche Eisbrecher für Gespräche und trägt zu einer stärker multilateralen Stimmung bei der UN bei», sagte der stellvertretende schwedische Botschafter Carl Skau der Deutschen Presse-Agentur. «Die Atmosphäre ist immer wichtig für die Diplomatie. Und es macht Spaß!»

Ob sich das Fußballfieber in diplomatisches Handeln überträgt, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich wird bis zum Abpfiff des WM-Finales am 15. Juli das Brüllen, Johlen und Seufzen im UN-Hauptquartier von denen kommen, die vor dem Fernseher sitzen, und nicht vom Sicherheitsrat.

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